In seiner ersten Woche als stern-Chefredakteur stieg Christian Krug hinab in die tiefsten Niederungen des Verlagshauses Gruner + Jahr (G + J) am Baumwall. Sein Ziel lag ganz unten im Keller, Raum CG702. Neonröhren, graue Aktenregale: Archivtristesse auf 25 Quadratmetern. Neben der Stahltür am Eingang steht ein zwei Meter hoher Panzerschrank. Krug hatte neuerdings den Schlüssel zu dem sagenumwobenen Safe, den er nur in Anwesenheit einer Verlagsjustiziarin öffnen durfte. Als er das tat, sah er erstmals die Fälschung des Jahrhunderts im Original: die Hitler-Tagebücher.

Seit Christian Krug 2014 stern-Chef wurde, ist er Herr über die 60 Tagebücher. Er selbst sagt bescheiden, er sei "nun auch einer der Verwalter". Der Gang in den Keller sei ein Ritual: "Das gehört, wie ich erfahren habe, zur Einführung eines jeden neuen stern-Chefredakteurs. Man erhält Zugang zu dem Schlüssel, wird nach unten geführt und darf in den Tresor schauen." Krug verbrachte damals mehrere Stunden mit den handbeschriebenen Kladden, die in Kunstleder eingebunden sind, teils mit Kordeln und NS-Siegeln. Mit Mühe entzifferte Krug die Sütterlinschrift, die nur scheinbar von Adolf Hitler stammt. "Ich habe versucht, mich in die Leute hineinzuversetzen, die diese Kladden einst in der Hand hatten und sie für echt hielten", sagt Krug. "Ich wollte nachempfinden, welches Hochgefühl die Beteiligten wohl befallen hat. Und wie bodenlos sich später die Niederlage angefühlt haben muss."

Es ist ein Tiefpunkt der bundesdeutschen Pressegeschichte, der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Hamburg, 25. April 1983: "Die Geschichte des 'Dritten Reiches' muss teilweise umgeschrieben werden", prahlt Peter Koch, Chefredakteur des sterns, vor der versammelten Weltpresse. Auf dem Cover seines Magazins prangt die Schlagzeile: "Hitlers Tagebücher entdeckt" . Bald steht fest: Der stern hat sich eine plumpe Fälschung unterjubeln lassen. Die Redaktion, die sonst Peinlichkeiten bei anderen enthüllte, ist bloßgestellt. "Wir müssen uns vor unseren Lesern schämen", gesteht Magazingründer Henri Nannen. Die Glaubwürdigkeit des sterns ist ramponiert. Für die 9,3 Millionen D-Mark, die der Verlag für einen Stapel wertloses Altpapier bezahlt hat, gibt es unendlich viel Hohn und Spott gratis dazu. Und 1992 Helmut Dietls herrlichen Film Schtonk!.

35 Jahre liegt der Skandal in diesem Jahr zurück, in dem der stern auch seinen 70. Geburtstag feiert. Für Christian Krug ist das Jubiläum eine Zäsur: "Ich habe mir vorgenommen, einen entspannteren Umgang mit den Hitler-Tagebüchern zu pflegen als meine Vorgänger", sagt er. "Wir sollten das Thema noch immer mit großer Ernsthaftigkeit betrachten, aber auch mit größerer Gelassenheit. Ich finde, wir dürfen nach all den Jahren sogar die humoristische Seite daran entdecken." Dazu gleich mehr.

Krug, 52 Jahre alt, hat einen persönlicheren Bezug zur Affäre um die Hitler-Tagebücher, als man aufgrund seines Alters vermuten würde. Er kennt die Schmach seit dem ersten Tag – über seine Familie. Sein Vater Gerd war damals Redakteur im stern-Auslandsressort, er selbst kaum 18 Jahre alt. "Ich weiß noch: Am Vorabend, als die Story über die Tagebücher erschien, saß ich zu Hause beim Abendessen", erzählt Krug. "Mein Vater zeigte meinem Bruder und mir die Ausgabe, diesen Knüller. Wir haben ihn beglückwünscht, wir waren stolz, dass unser Vater bei diesem Magazin arbeitete. Ein paar Tage später war plötzlich alles anders, und mein Vater half im Redaktionsbeirat mit, den stern zu retten."

Das Magazin rang um seine Existenz. Der journalistische Super-GAU hinterließ ein Trauma in der Redaktion. Ihr Umgang damit ist eine Geschichte von Scham. "Das Thema wurde viele Jahre eher totgeschwiegen", sagt Michael Seufert, 74, langjähriger stern- Redakteur. 1983 leitete er eine Gruppe aus Journalisten, die den Skandal im eigenen Haus schonungslos aufklärte. Er hat auch das maßgebliche Buch über den Fall veröffentlicht, 2008, ein Vierteljahrhundert danach. "Früher konnte ich es nicht aufschreiben, es war mir zu nah", sagt Seufert. Während der Arbeit am Buch meldete sich jemand aus dem G + J-Vorstand bei ihm mit der Frage, ob das wirklich sein müsse, dieses Buch? Könne man die Sache nicht ruhen lassen? Ein Wunsch, der weniger von Scham motiviert war als von der Sorge ums Image der einigermaßen genesenen Marke stern.

2013 versuchte der Verlag, einen vorläufigen Schlussstrich zu ziehen. Zum 30. Jahrestag des Skandals wollte er sich von den Tagebüchern trennen. In einem Beitrag "In eigener Sache" im stern hieß es: Größenwahn, "Geldkoffer-Journalismus" und weitere Faktoren, die einst in die Katastrophe geführt hätten, gebe es in der Magazinbranche kaum noch. Und die Tagebücher seien nach 30 Jahren "historisch geworden". Daher, kündigte 2013 der damalige stern-Chefredakteur Dominik Wichmann an, wolle er die Kladden an das Bundesarchiv in Koblenz abgeben. Vergangenheitsbewältigung durch Auslagern? Wie auch immer – daraus wurde nichts. "Der Verlag wollte nicht, dass wir die Tagebücher bei uns für jeden zugänglich machen", sagt ein Sprecher des Bundesarchivs. Daran scheiterten die Verhandlungen. Die Bücher blieben im Kellersafe von G + J.