DIE ZEIT: Frau Schmitz, Sie sind vor einem Jahr aus Salzburg gekommen und haben die verlegerische Programmleitung bei Hoffmann und Campe übernommen. Wie geht es Ihnen in Hamburg?

Birgit Schmitz: Schauen Sie sich um: Auf der Alster schippern die Boote, die Sonne scheint. Da vermisst man noch nicht einmal das Mittelmeer. Aber Sie meinten vermutlich meine Arbeit im Verlag ...

ZEIT: ... der ja zum Glück nicht so weit entfernt liegt von der Alster. Aber im Ernst: Wie hat sich das Büchermachen in der Stadt angelassen?

Schmitz: Ich bin tatsächlich immer wieder überrascht von dem Interesse, das die Hamburger und Hamburgerinnen dem Verlag entgegenbringen, wie stolz sie auf Hoffmann und Campe sind. Das ist eine Atmosphäre, in der das Arbeiten ungeheuren Spaß macht. Was zugegeben noch nicht ganz so gut funktioniert, ist das mit dem hanseatischen Humor und mir. Als Rheinländerin brauche ich manchmal einen zweiten Anlauf, um zu verstehen, dass das jetzt ein Witz war.

ZEIT: Ist das mit dem Humor der Hamburger ähnlich speziell wie mit ihrer Liebe zu Siegfried Lenz, der ja einer der wichtigsten Autoren Ihres Verlags war und auch nach seinem Tod im Jahr 2014 noch immer ist?

Schmitz: Diese Liebe spürt man sehr. Neulich kam ich in einer Kneipe mit einer Frau ins Gespräch. Als ich Hoffmann und Campe erwähnte, hatte sie Tränen in den Augen und erzählte, dass sie auf dem Begräbnis von Siegfried Lenz gewesen sei. Das ist etwas Besonderes. Was ich persönlich an Lenz schätze, ist, dass er ein eminent politischer Schriftsteller war, ohne das plakativ vor sich herzutragen. Die Begeisterung in Hamburg für Lenz ist übrigens auch deshalb angebracht, weil seine Bücher literarisch noch kein bisschen Staub angesetzt haben. Lenz ist nach wie vor ein moderner Autor.

ZEIT: Lenz steht noch für eine Schriftstellergeneration, in der die Relevanz von Literatur nicht hinterfragt wurde. Müssen Sie sich mehr als vor zehn Jahren dafür rechtfertigen, Bücher zu machen?

Schmitz: Tatsächlich werde ich in letzter Zeit häufiger gefragt, ob es das Buch überhaupt noch braucht. Bei allem Respekt: Ich finde das eine absurde Frage.

ZEIT: Was antworten Sie?

Schmitz: Bücher zu machen allein ist noch kein Wert. Aber wenn wir Bücher machen, durch die wir etwas verstehen oder uns in andere hineindenken lernen, wenn Bücher Kunst sind, wenn sie unser Leben besser machen, dann werden sie unverzichtbar bleiben.

ZEIT: Die aktuelle Krisenstimmung im Literaturbetrieb und Buchhandel ist allerdings kaum zu überhören.

Schmitz: Natürlich ändert sich gerade einiges, wir kämpfen mit anderen Medien um die Aufmerksamkeit der Menschen. Man muss auch davon ausgehen, dass sich der Literaturmarkt auf einem niedrigeren Niveau konsolidieren wird. Um Hoffmann und Campe muss man sich zum Glück trotzdem nicht sorgen, diesen Verlag bläst so schnell nichts um.

ZEIT: Aber Sie werden trotzdem eine Strategie brauchen.

Schmitz: Ein wesentlicher Aspekt ist, sich auf Autoren und deren Werke zu konzentrieren, also auf eine langfristige Zusammenarbeit und Autorenpflege anstelle von unverhältnismäßig teuren Schnellschüssen. Das heißt aber nicht, dass wir keine aktuellen Bücher machen. Im Sommer werden wir ein Buch des türkischen Journalisten Can Dündar, der in Deutschland im Exil leben muss, über Demokratie veröffentlichen. Dann erschien Anfang Juni ein Buch des Friedenspreisträgers Jaron Lanier, darüber, warum wir uns aus den sozialen Medien zurückziehen müssen. Das ist übrigens gute, alte Hoffmann-und-Campe-Tradition: Heine, Börne – das waren ja Autoren, die sehr gegenwärtig waren, die sich mit ihrer Zeit auseinandergesetzt haben.

ZEIT: Wenn wir uns in einem Jahr wiederträfen, welche drei Sachen möchten Sie dann verändert haben?

Schmitz: Ganz praktisch: Bisher haben ökologische Aspekte beim Büchermachen nicht so eine große Rolle gespielt. Aber wenn wir anfangen, Plastik im Alltag zu vermeiden, werden wir uns auch in den Verlagen und Buchhandlungen diesem Thema stellen müssen. Die Nachhaltigkeit ist ein zentrales Argument, wenn es etwa darum geht, ob es weiterhin gedruckte Vorschauen geben soll. Dies sollte sich auch der Buchhandel zu Herzen nehmen.

ZEIT: Und Nummer zwei?

Schmitz: Sehr wichtig ist mir, mehr Veranstaltungen zu organisieren, die Bücher also verstärkt in den öffentlichen Raum zu bringen und dort zu diskutieren. Und das – drittens – gern in Hamburg. Ich bin gespannt, wie sich das literarische Leben hier verändert, wenn Rowohlt in die Stadt gezogen ist.

ZEIT: Dann ist Hamburg eine Stadt mit zwei Fußballvereinen in der zweiten Liga und mindestens zwei Verlagen in der ersten. Haben Sie Angst vor der Konkurrenz?

Schmitz: Natürlich sind wir auch Konkurrenten, aber letztendlich geht es uns um dieselbe Sache. Und wissen Sie, wenn ich in meinem Büro sitze, hängt auf der einen Seite ein Porträt von Heinrich Heine, auf der anderen Seite eins von Siegfried Lenz. Mir gegenüber steht die Gesamtausgabe von Doris Lessing. Das zeigt mir ziemlich genau, was ich mache und warum ich es tue.