Vom Tod seines Bruders erfuhr er aus den Fernsehnachrichten. Ein junger Mann habe sich nach seiner Abschiebung aus Deutschland in Kabul erhängt, sagte der Sprecher. Die Informationen, die über den Bildschirm flimmerten, passten zusammen. Das Alter: 23 Jahre. Die Stadt: Hamburg. Der junge Mann, von dem die Rede war, das war Jamal.

Am vergangenen Freitag setzte sich die Familie ins Auto und fuhr die gut 400 Kilometer von Masar-i-Sharif im Norden Afghanistans in die Hauptstadt Kabul, um Jamals Leichnam abzuholen und ihn zurückzubringen, in jene Stadt, aus der Jamal acht Jahre zuvor aufgebrochen war. Am Samstag beerdigten sie ihn.

Er sitze gerade an Jamals Grab, sagt der Bruder, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, am Sonntag am Telefon. Er klingt gefasst zu Beginn des Gesprächs. Doch bald wird er den Friedhof verlassen, das Gespräch aus seinem Auto weiterführen, weil er es nicht mehr aushält. Dann wird es aus ihm herausbrechen: dass er erschöpft sei, dass es seinen Eltern schlecht gehe, dass er seit drei Tagen nicht geschlafen habe, dass er den Verwesungsgeruch der Leiche im Auto noch immer in der Nase hängen habe.

Elf Tage ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Jamal Nasser M. in Kabul gelandet ist. Fünf Tage ist es her, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in einer Pressekonferenz darüber witzelte, dass ausgerechnet an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden. "Das war von mir nicht so bestellt", sagte er. Vier Tage ist es her, dass Jamal Nasser M.s Suizid bekannt wurde. Er hatte sich bald nach seiner Ankunft in einem Zimmer in einem Kabuler Hotel erhängt, in dem Abgeschobene für die ersten paar Tage unterkommen können.

Sein Fall hat die deutsche Abschiebepolitik, insbesondere nach Afghanistan, wieder in die Diskussion gebracht. Er wirft zwei Fragen auf: Wer war Jamal Nasser M.? Und kann es sein, dass Hamburg Menschen abschiebt, die dafür eigentlich zu krank sind?

Es ist nicht leicht, sich der Person Jamal Nasser M. zu nähern. Einiges lässt sich rekonstruieren aus dem Telefonat mit seinem Bruder, aus Gesprächen mit Behördenvertretern und Nachbarn in der Flüchtlingsunterkunft, in der er lebte, in Hummelsbüttel, nicht weit vom Flughafen entfernt. Aber viele Fragen bleiben offen, manches bleibt widersprüchlich. M.s Fall ist komplex, er zeigt, wie schwer eine konsequente und zugleich menschliche Abschiebepolitik ist.

M.s Familie – so erzählt es der Bruder, überprüfen lassen sich seine Angaben nicht – kommt aus dem Distrikt Andkhoy an der Grenze zu Turkmenistan. Fünf Brüder und fünf Schwestern waren sie, der Vater besaß einen Laden im Dorf, sie wohnten in einem Haus mit Garten. Aber in der Gegend wüteten die Taliban, immer wieder zwangsrekrutierten sie Minderjährige. Aus Angst vor ihnen zog die Familie vor etwa zehn Jahren nach Masar-i-Scharif, einer relativ sicheren Stadt, dort ist die Bundeswehr stationiert. Der Vater fand eine Stelle als Beamter, die Kinder gingen weiter zur Schule, Jamal arbeitete nebenbei an einer Tankstelle. Ein intelligentes Kind sei er gewesen, sagt der Bruder, ein bisschen frech, aber ein fleißiger Schüler, der die lateinische Schrift gut beherrschte. Als Jugendlicher liebte er das Motorradfahren, machte Kunststückchen dabei, fuhr lange Strecken auf nur einem Rad.

Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er lebte mit einer Duldung in der Stadt

Unklar ist, warum M. 2010 oder 2011 als 15-Jähriger seine Heimat verließ. Sein Bruder erzählt, dass Jamal in Europa habe studieren wollen, aber er spricht auch von der drohenden Zwangsrekrutierung durch die Taliban. In seiner Asylanhörung sagte M. offenbar, einer seiner Brüder sei entführt und der Familie Lösegeld abgepresst worden. Er habe Angst, dass ihm dasselbe passieren könnte.

Die Beamten lehnten M.s Asylantrag ab. M. legte Klage dagegen ein, verfolgte die Sache aber später nicht weiter, das Verfahren wurde daher 2017 eingestellt. Danach lebte er mit einer Duldung in der Stadt, das heißt: Seine Abschiebung war ausgesetzt – "vorübergehend".