Das Werk von 1927 heißt "Blinder Bettler im Café". Der Bettler (oben links) ist der Maler selbst, der Kellner Adolf Hitler © Susanne Fiegel

Diesen beiden hätte man kaum zugetraut, einander interessant zu finden: dem weltberühmten Quantenphysiker und dem noch kaum bekannten Künstler. Von der Freundschaft zwischen Albert Einstein und Josef Scharl zeugen gleich mehrere Porträts. Das erste entsteht 1927, als sie sich in Berlin kennenlernen. Scharl hat in München bereits erfolgreich ausgestellt, Einstein schon in Stockholm den Nobelpreis entgegengenommen. Dass man noch miteinander fremdelt, ist an dem für den Maler untypischen vorsichtigen Farbauftrag, dem konventionellen Bildaufbau erkennbar. Noch scheint Scharl sich nicht festlegen zu wollen. Ganz anders das Porträt aus dem Jahr 1944, viel prägnanter, eigenwilliger auch: In starken, leuchtenden Farben zeigt es den Professor, die Stirnfalten in Braunrot, die schweren Augenlider betonend. Da wird der Haarkranz schon zur Aureole. Längst haben Einstein und Scharl Deutschland verlassen, sie leben im amerikanischen Exil, der Wissenschaftler verließ die Heimat bereits 1932, Scharl, seit 1935 mit Malverbot belegt, flieht 1938. Als der Münchner die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen möchte, bittet er Einstein darum, für ihn zu bürgen.

Die Katastrophe hatte der eigenwillige Künstler kommen sehen. Im Stil der Neuen Sachlichkeit malt er, was Europa an den Abgrund treibt. Zwischen den Zeiten, so der Titel der Ausstellung im Barlach-Haus, stellt 50 Hauptwerke aus, entstanden überwiegend in den Münchner Jahren. Immer wieder zeigt der 1896 Geborene die an den Rand Gedrängten, die Verstümmelten, die Verarmten seiner Gegenwart. Zum Beispiel die Mutter von Norma (1932) mit einem schlafenden Kleinkind. Aus tiefer Depression blickt die Schwangere mit dem schweren Leib den Betrachter an, dramatisch-rhythmische Pinselstriche ihres Kleids akzentuieren das Düstere, Abgründige; alles zieht nach unten, lenkt den Blick auf schwere geschwollene Fußknöchel. Hat schon mal jemand bemerkt, wie schwer Füße zu malen sind? Scharl beherrscht es.

Eine großartige Metapher der Zeitnöte gelingt ihm in dem großformatigen Blinder Bettler im Café. 14 Gestalten sind um die Tische versammelt. Durch die Reihen der Gäste schiebt sich eine Prozession der Versehrten, der Blinde (Scharl selbst), der Lahme (sein Vorbild Vincent van Gogh) und der Bucklige (Karl Valentin). Mit barscher Geste werden sie vom Kellner herausgeschmissen, der die Züge Adolf Hitlers trägt. Drumherum gruppiert Scharl Figuren der politischen und künstlerischen Szene wie Wladimir Lenin, Gustav Stresemann und Else Lasker-Schüler. Alle wenden den Blick zur Seite, niemand schaut den Betrachter direkt an – und doch wird der magisch ins Geschehen hineingezogen. Der Künstler in seiner Funktion als Zeitzeuge bleibt ein Außenstehender und in den vermeintlich Goldenen Zwanzigern eine prekäre Existenz. Auch Otto Dix und George Grosz haben sich des Personals in Cafés und Kneipen bedient, aber deutlich sarkastischer. Selbst wenn Scharl genau hinschaut, diffamiert er nicht, deutet lediglich an, wie gleichgültig die Privilegierten bleiben, wie blind sie sind. Der Bezug zur damaligen Aktualität ist unverkennbar.

Dabei geraten ins Scharls Werk nie die Verursacher aus dem Blick. Gala-Uniform etwa ist nur als ein beißender Kommentar zu Militarismus und Hurra-Patriotismus zu verstehen. Einzig die operettenhaft überdekorierte Uniform hält einen hohläugigen Kerl zusammen. Aus dem Ersten Weltkrieg war Scharl selbst versehrt zurückgekehrt, erst eine Operation ermöglicht es ihm, um 1920 wieder zu malen. Dennoch brach er eine Ausbildung an der Münchner Akademie nach kurzer Zeit ab.

Weder seine Technik noch seine Ausdrucksfähigkeit hat darunter gelitten. Das beweist mal die leidende Kreatur (Geschlachteter Hammel), mal ein geschundener Mensch. Gerade 1933 stellt der Künstler einen Leichnam explizit als Pietà dar, ein ihm bekanntes männliches Modell, das in jenem Jahr verhaftet und misshandelt wird und stirbt. Scharl hat den Leichnam angeblich selbst gesehen und stellt ihn ebenso fassungslos wie liebevoll dar. Kurz darauf werden einige Scharls in einer ersten Ausstellung von unerwünschter, "entarteter" Kunst vorgeführt.

Wie häufig in diesen klaren, lichtdurchfluteten Räumen lädt die temporäre Ausstellung dazu ein, die Barlachschen Dauer-Exponate in neuem Licht zu sehen. Eindrucksvoll gelingt das diesmal in dem kleinen Kabinett, in dem Barlachs Weinende Frau mit Scherls Drei trauernde Frauen korrespondiert.

Wie ging es mit ihm weiter, im Exil? Wie so viele andere scheint auch Scharl in der Neuen Welt seinen Fokus zu verlieren. Erst fremdelt er mit der Oberflächlichkeit der neuen Heimat, wo seine Sujets auf Unverständnis stoßen, das untergehende Europa ist zu weit entfernt. Später dann, nach dem Krieg, wird der deutsche Künstler im Siegeszug der Abstraktion ins Abseits geschoben. Eine Beschäftigung als Illustrator von Grimms Märchen hilft nur vorübergehend, den Lebensunterhalt zu sichern. Man sträubt sich, ein weiteres Mal darauf hinzuweisen, aber auch Scharl gehört zu jenen großartigen, im Alter verarmten, vergessenen Künstlern, für die eine verdiente Anerkennung viel zu spät kommt.

"Josef Scharl, Zwischen den Zeiten", Barlach-Haus, Baron-Voght-Straße 50a; bis 21. 10.2018