Der 23-jährige Jamal Nasser M. war einer von 69 Afghanen, die am 3. Juli aus Deutschland abgeschoben wurden. Wenige Tage später nahm er sich das Leben. Sein Tod löste Empörung über die Abschiebepraxis der Bundesrepublik aus, eine größere Debatte oder politische Veränderungen blieben aber bislang aus. Anders war dies in den Achtzigern nach dem Suizid des türkischen Asylbewerbers Kemal Altun. Der Historiker Dietmar Süß erinnert sich.

Das Fenster im sechsten Stock des Westberliner Verwaltungsgerichts stand offen. Draußen war es heiß an diesem 30. August 1983. Drinnen wartete der 23-jährige Kemal Altun auf eine Entscheidung. In Handschellen war der Flüchtling von einem Justizbeamten vorgeführt worden. 13 Monate Auslieferungshaft lagen hinter ihm. Seit Wochen drohte ihm die Abschiebung, zurück in die Türkei, in der seit September 1980 die Militärs das Kommando übernommen hatten. Einem wie ihm, einem jugendlichen linken Aktivisten, drohte dort Folter, womöglich der Tod. Zwei, drei Meter waren es zum Fenster. Kemal Altun drehte sich um, hastete los und sprang. Eine halbe Stunde lang kämpften Rettungskräfte um sein Leben – vergeblich.

Im September 1981 hatte Kemal Altun politisches Asyl beantragt. Über Monate beschäftigte sein Verfahren die Republik. Durfte die Bundesregierung aufgrund von zwischenstaatlichen Auslieferungsverträgen selbst dann noch abschieben, wenn der Betroffene als politischer Flüchtling bereits anerkannt war? Genügte es, wenn Militärdiktaturen lediglich behaupten konnten, "systematisch" werde in ihren Ländern nicht gefoltert? Möglich war das. Viele empfanden das als Skandal – während die neue Bundesregierung den Fall Altun nutzte, um ihre neue Entschiedenheit, ihre "geistig-moralische Wende", in der "Ausländerpolitik" zu demonstrieren.

Für viele, die sich später in der Flüchtlingshilfe engagierten, war der Streit um Kemal Altun eine wegweisende Erfahrung. Angesichts der sich häufenden ausländerfeindlichen Übergriffe und der ersten rechtsradikalen Morde zu Beginn der Achtzigerjahre hatte sich bereits erster Protest gegen Fremdenhass geregt. Nun wurde klar: Dieses Land brauchte auch zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich für Geflüchtete starkmachten und für eine Migrationspolitik, deren oberste Ziele nicht die Ausweisung und die Kürzung von Mitteln sind. Der Kreis der Unterstützer war groß: Für Kemal Altun setzten sich die beiden Kirchen ein, eine Reihe engagierter Sozialdemokraten, aber auch Gruppen wie Amnesty International, terre des hommes und die noch junge Partei der Grünen. Vielleicht mehr noch als in der viel zitierten Hilfe für die vietnamesischen Boatpeople wenige Jahre zuvor liegen hier die Anfänge der heute sogenannten Willkommenskultur.

Altun stammte aus einer sozialdemokratischen Familie und war während seiner Schüler- und Studentenzeit in verschiedenen linken Gruppen aktiv. Seit November 1980 befand er sich auf der Flucht. Über Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die CSSR und die DDR gelangte er am 10. Januar 1981 nach West-Berlin, wo seine Schwester lebte. Etliche seiner Genossen saßen da bereits in Haft und waren in Polizeikellern verschwunden. Die türkischen Behörden suchten auch ihn: Der Mitbegründer des "Vereins für revolutionäre jugendliche Gymnasiasten" soll jenen Attentätern Unterschlupf geboten haben, die im Mai 1980 den rechtsradikalen Zollminister Gün Sazak ermordet hatten. Die Tatwaffe habe Altun behalten. Der bestritt die Vorwürfe.

Als Kemal Altun seinen Asylantrag stellte, fragten die Berliner Staatsschützer über das Bundeskriminalamt an, ob gegen ihn etwas vorläge. Dort gab man die Anfrage routinemäßig an Interpol Ankara weiter. Seit Jahren schon unterhielt der deutsche Nachrichtendienst im Asyl-Bundesamt in Zirndorf ein eigenes Büro. Über die Tische seiner Mitarbeiter wanderten ganz offenkundig auch die Akten der Antragsteller, und manche Asylsuchende und ihre Anwälte wunderten sich später, woher die Heimatländer so gut über ihre Aussagen in Deutschland informiert waren. Gute Freunde stehen eben zusammen.

Die türkischen Militärs nutzten die Chance und forderten die Auslieferung. Die Reaktion erfolgte prompt: Am 5. Juli 1982 verhaftete die deutsche Polizei Kemal Altun, und noch am selben Tag wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Das Kammergericht ordnete die Auslieferungshaft an. Begründung: Es bestehe kein "hinreichender Grund" für die Annahme, dass Altun in der Türkei "überhaupt politisch verfolgt" werde. Der Senat gehe zwar davon aus, dass Altun seine Heimat verlassen habe, weil er – da er polizeilich gesucht werde – nicht mehr öffentlich auftreten könne. Daraus aber sei nicht zu folgern, dass er politischer Verfolgung ausgesetzt sei.

Österreich und Frankreich boten an, Asyl zu gewähren

Ein bemerkenswerter Befund: Andere Gerichte hatten zuvor immer wieder festgestellt, türkischen Asylantragstellern drohe bei Abschiebung die Folter; von einem "allgemeinen Phänomen" hatten Verwaltungsrichter in Mannheim Ende Mai 1982 gesprochen. Auch das Europäische Parlament brandmarkte die schweren Übergriffe der türkischen Militärjunta als Menschenrechtsverletzung.

Kemal Altuns Rechtsbeistand Wolfgang Wieland war empört. Wieland war ein frühes Mitglied der Grünen und später Justizsenator von Berlin. Gemeinsam mit Unterstützern aus dem linksalternativen und kirchlichen Milieu brachte er eine bis dahin einmalige Solidaritätskampagne auf den Weg. Zu offenkundig war die Willkür der türkischen Militärbehörden. Und zu offensichtlich war es, dass sich die neue Bundesregierung und vor allem ihr CSU-Innenminister Friedrich Zimmermann auf dem Rücken eines Asylbewerbers als Verfechter von Law and Order zu profilieren suchten.

Helmut Kohl hatte eine scharfe Ausländerpolitik angekündigt. Die treibende Kraft war – damals schon – die CSU. Das Ziel: möglichst wenig Migranten ins Land zu lassen, die Asylgesetze zu verschärfen, die Abschiebung zu erleichtern und zugleich – auch mit finanzieller Unterstützung – die Rückkehr in die "Heimat" schmackhaft zu machen. Der öffentliche Ton war rau, bisweilen offen rassistisch, galt es doch, auch um potenzielle NPD-Wähler zu werben. Ganz so neu war diese Linie freilich nicht: Auch die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt hatte schon durch Asylrechtsänderungen darauf gezielt, die Hürden höher zu setzen.

150 Auslieferungsgesuche lagen den deutschen Behörden aus der Türkei 1983 vor. Kemal Altun war der Erste auf der Liste derer, die wegen einer vermeintlich kriminellen Handlung in ihre Heimat zurückgebracht werden sollten. In letzter Sekunde verhinderte eine Intervention aus Brüssel eine sofortige Abschiebung – da saß Altun schon fast im Flugzeug.

Sein Anwalt legte eine Verfassungsbeschwerde ein. Für Berlin erklärten sich die Karlsruher Richter zwar nicht für zuständig, wiesen aber darauf hin, dass die Berliner Kollegen "grundsätzlich umfassend prüfen" müssten, ob bei einer Abschiebung politische Verfolgung drohe.

Beim Auswärtigen Amt und im Justizministerium gingen unterdessen flammende Appelle ein, Österreich und Frankreich boten an, Asyl zu gewähren, der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen appellierte an die Bundesregierung, Kemal Altun nicht abzuschieben. In Berlin trat eine Gruppe von Aktivisten in den Hungerstreik, unterstützt durch die evangelische Kirchengemeinde "Zum Heiligen Kreuz". In Bonn ketteten sich im Juli 1983 prominente Mitglieder des "Komitees für die Freilassung von Kemal Altun" wie Petra Kelly und Wolfgang Biermann an einen Stahlkäfig am Zaun des Kanzleramtes.

Zu diesem Zeitpunkt war Kemal Altun zwar als Asylberechtigter anerkannt, musste aber täglich mit seiner Abschiebung rechnen. Das Innenministerium nämlich wollte Altuns Anerkennung nicht hinnehmen und klagte gegen den Entscheid. Teils unterstützt durch das FDP-geführte Justizministerium ließ man nichts unversucht, den Mann endlich den türkischen Behörden zu übergeben.

Ein bizarrer Plan

Innenminister Friedrich Zimmermann pflegte, wie auch der deutsche Botschafter, einen engen Austausch mit seinen türkischen Kollegen und war von diesen im Juli 1983 bei seiner Reise in die Türkei noch einmal auf den Fall Altun angesprochen worden. Nach seiner Rückkehr forderte er von seinem Amtskollegen Hans Engelhard eine "positive Behandlung" des Falles. Sie sei "im Interesse einer nach wie vor guten Zusammenarbeit mit der Türkei auf polizeilichem Gebiet". Nach Verbüßung seiner Haftstrafe könne Kemal Altun ja wieder nach Deutschland zurückkehren. In der Türkei würden Mitarbeiter der deutschen Botschaft ihn im Gefängnis besuchen, um sicherzustellen, dass er nicht gefoltert werde – ein bizarrer Plan. Für August 1983 war die Entscheidung geplant. Die ersten Abschiebungen liefen bereits; die Nachrichten von Misshandlungen häuften sich.

Als Kemal Altun am 25. August zum ersten Termin vor Gericht erschien, hatte der junge Türke Wochen der Angst hinter sich. Kameras waren auf ihn gerichtet, Prozessbeobachter, darunter auch Vertreter des UN-Flüchtlingswerkes, waren nach Berlin gekommen. Am zweiten Verhandlungstag stürzte sich Kemal Altun in den Tod.

Der Schock war groß – und verwandelte sich in Zorn. In der Traueranzeige für Kemal Altun hieß es: "Die Ignoranz der Justiz und der Opportunismus der Bundesrepublik Deutschland waren stärker als sein Durchhaltevermögen und unser Engagement. Nach politischer Verfolgung in der Türkei in unsere Stadt geflüchtet, über ein Jahr in Moabit in Einzelhaft gehalten, trotz Anerkennung als Asylberechtigter vom Kammergericht und von der Bundesregierung zur Auslieferung an die türkische Militärdiktatur verurteilt, bis vor die Türen des Gerichtssaales im Verwaltungsgericht wie ein Schwerverbrecher gefesselt, sah dieser junge Mensch keinen anderen Ausweg."

Mehrere Tausend Menschen schlossen sich dem stillen Protestzug am Abend seines Todes in Berlin an, deutlich mehr noch kamen zur Trauerfeier wenige Tage später. Für viele, die 1986 halfen, die erste größere deutsche Flüchtlingsorganisation, Pro Asyl, aufzubauen, waren diese Tage im Sommer 1983 ein Schlüsselerlebnis. In Berlin und andernorts wurden in dieser Zeit die ersten Kirchenasyle und Flüchtlingsräte ins Leben gerufen. Helferkreise fanden zusammen. Erstmals wurden die Zustände in der Abschiebehaft skandalisiert. Es entstand, was Politiker wie Alexander Dobrindt (CSU) und rechte Publizisten heute als "Anti-Abschiebe-Industrie" oder "Asylindustrie" verächtlich machen: ein Netzwerk der Hilfe für politisch Geflüchtete.

Die Motive der Aktivisten waren unterschiedlich. Manche hatten sich schon früher für die Geflohenen der Pinochet-Diktatur in Chile engagiert; andere kamen aus den christlichen Gemeinden und fühlten, anders als der christlich-soziale Innenminister, eine besondere Verantwortung für Schutzsuchende. Nicht wenige begründeten ihre "Solidarität" mit einer besonderen Verpflichtung Deutschlands angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen.

Schon in den Achtzigerjahren mussten sich manche für ihre Hilfsaktionen als "naive Spinner" verhöhnen lassen oder gar als Gefährder des Rechtsstaates – weil sie sich dafür einsetzten, dass auch Asylsuchende Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Rechte erhielten. Die Geschichte dieser Frauen und Männer fehlt bis heute in den staatstragenden Darstellungen der Bundesrepublik.

Zu schreiben wäre sie nicht nur als Geschichte des zivilgesellschaftlichen Engagements selbst, sondern auch der Widerstände, die diesem Engagement entgegenschlugen. Als eine Geschichte, die nicht zuletzt erklärt, wie und warum sich Vorstellungen von Schutzbedürftigkeit verändern und Wertevorstellungen verschieben. Dass inzwischen sogar liberale Medien die Hilfe für Geflüchtete wieder mit dem Verdacht des "Rechtsbruchs" belegen, macht diese etwas andere Geschichte der Bundesrepublik umso dringender.

Anmerkung der Redaktion: ZEIT ONLINE geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden.

Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder auf der Telefonrechnung noch dem Einzelverbindungsnachweis erfasst. Weitere Beratungsangebote sind etwa hier auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu finden.

Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 - 950 951 und der Festnetznummer 0228 - 71 00 24 24 sowie der Emailadresse seelefon@psychiatrie.de.