Muss man vor dieser technologischen Moderne Angst haben? Wie vorsichtig sie daherkommt, wie sorgsam darauf bedacht, niemanden zu verschrecken! Das Plastikgeld hat seine beste Zeit hinter sich, schon zahlen in Skandinavien viele per App – und da lässt die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz einen Klingelbeutel mit eingebautem Kartenleser entwickeln, eine Weltneuheit, wie die Auftraggeber stolz vermerken, europaweit zum Patent angemeldet. Und das Beste: Das gute Stück sieht aus wie ein Klingelbeutel. Manufactum-Ästheten mögen sich angesichts dieses Plastikgriffs aus dem 3-D-Drucker mit Grausen abwenden. Aber hier geht es nicht um den haptischen Nachweis der Güte eines Dings, sondern darum, praktische Güte in einer Zeit des Abschieds vom Bargeld zu ermöglichen, ohne dass es dazu am Kirchenausgang einer Anlage bedürfte, die einer Supermarktkasse ähnelt.

Nicht immer gehen die Kirchen den technischen Fortschritt so behutsam an wie mit dem neuen Kollektor, der rechtzeitig zu Weihnachten zum Einsatz kommen soll. Da war der Segnungs-Roboter BlessU-2 bei der Weltausstellung zur Reformation, eine kuriose Maschine, die das Augenmerk auf die Zukunft der künstlichen Intelligenz lenken sollte und selbst schon wieder reif für das Bibel-Museum ist. Da war die Grenzüberschreitung der Katholiken auf dem Weg in digital erzeugte Wirklichkeiten: der Gottesdienst für Avatare in der mittlerweile stark geschrumpften Online-Welt mit Namen Second Life.

Wie sollen die Kirchen ihren eigenen technologischen Wandel angehen? Mit der unbefangenen Technikbegeisterung der katholischen Kirche, die im technischen Fortschritt die "Entdeckung der Schätze und Werte, welche die gesamte Schöpfung in sich birgt", erkennt und das Urteil von Pius XII., die Massenmedien seien "Geschenke Gottes", später ausdrücklich auch auf das Internet bezog? "Die Kirche würde vor ihrem Herrn schuldig", erklärte Papst Paul VI. 1975, "wenn sie nicht diese machtvollen Mittel nützte, die der menschliche Verstand immer noch weiter vervollkommnet."

Oder ist die Skepsis des evangelischen Deutschen Pfarrerblatts angemessen, das mit Blick auf die Übertragung von Gottesdiensten im Internet die Frage aufwirft: "Kann die Vermittlung der christlichen Botschaft durch digitale, zum Teil durch gesundheitlich umstrittene Funkstrahlung betriebene Medien der Weisheit letzter Schluss sein?" – in einem Beitrag freilich, der selbst nur noch digital zugänglich ist, auf dem Internetserver pfarrerverband.de nämlich, wo er mithilfe von Google aufgespürt werden kann, um mittels Funkstrahlung den Tablet-Computer des Lesers zu erreichen.

Auf dieser Seite haben wir einige der technischen Innovationen zusammengestellt, die Gottesdienste und kirchliche Praxis in den letzten Jahren je nach Sichtweise moderner und effizienter oder aber beliebig und seelenlos gemacht haben: von der Online-Andacht über den elektronischen Organisten bis zur Hostien-Konserve und dem LED-Opferlicht. Was taugen sie? Wie schwer wiegen die Probleme, die sie lösen sollen? Und vor allem: Welche von ihnen gefährden womöglich die Heiligkeit der Rituale?

Das LED-Opferlicht

Die Kerzen. Mancher Kirchenbesucher kann gar nicht anders: 50 Cent in den Metallkasten – ein Moment der Besinnung. Aber, aber, sagt die Firma Schreibmayr: Echte Kerzen hätten auch Nachteile – Wachstropfen, schwer zu entfernen, dazu die Brandgefahr! Der Münchner Betrieb bewirbt seinen "Opferlichttisch mit 90 LED-Kerzen rot" als Schritt in die technologische Zukunft des Sakralbaus: "Gedenken an gestern mit dem Licht von morgen". Natürlich fangen die Lichter automatisch an zu leuchten, sobald man sie auf dem Tisch platziert – Induktion! Effizienz und Nachhaltigkeit seien doch unschlagbar, finden sie bei Schreibmayr: "Das spart nicht nur sämtliche Reinigungskosten, sondern auch die Entsorgungskosten für ausgebrannte Opferlichtbecher." Das ewige Elektrolicht brennt halt nicht ab.

Heiligkeitsfaktor: 0
Das Licht der Opferkerze ist mehr als nur eine Quelle für Helligkeit. Wachs, Docht und Flamme stehen für den Werdegang des menschlichen Lebens in seiner Beziehung zu Gott. Wir sind wie Wachs in den Händen des Schöpfers, der brennende Docht, der das Wachs schmilzt und sich schließlich selbst verzehrt, steht für die Endlichkeit des Lebens. Das Flackern der Kerzen ist Sinnbild der ewig gefährdeten Existenz, der Trost liegt darin, dass des einen Feuer des anderen Kerze entzündet, das Feuer des Gebets wird weitergereicht. Mit dem Glauben verhält es sich wie mit der Flamme. Sie muss gehütet werden, dass sie nicht verglüht.

Der Rosenkranz-Automat

Zur Verfügung stellen, was jederzeit und überall gebraucht werden kann, auch feiertags und nach Ladenschluss – Zigaretten etwa oder Kondome: Das ist die Idee des Münzautomaten. So gesehen ist es bloß konsequent, was sich die katholische St.-Joseph-Gemeinde in Hamburg in den Vorraum ihrer Kirche gehängt hat: Wer vier Euro in ihre "Bet-Box" einwirft, bekommt eine Pappschachtel mit einem Rosenkranz aus Rom – und, das ist der Gemeinde wichtig, eine Anleitung zum Beten. Die Einnahmen fließen in die Gemeindearbeit.

Heiligkeitsfaktor: 🙏🙏
Vorbei die Zeiten, als der Katholik seinen Rosenkranz zur Kommunion bekam, um seine Perlen abertausendmal gebetsmurmelnd durch die Finger rollen zu lassen, bis die gefalteten Hände ihn im Sarg umschlossen. Dies Band der Tradition ist zerrissen. Aber so ein Automaten-Rosenkranz ist besser als gar keiner – als eine Art Starter-Set für Glaubensanfänger.