DIE ZEIT: Warum sollten wir über Wolken sprechen, Mister Stevens?

Bjorn Stevens: Sie sind schön.

ZEIT: Schön?

Stevens:Wolken sind rätselhafte Schönheiten. Sie wandeln sich in ihrer Form und Erscheinung, weil die Atmosphäre in Bewegung ist. Sie gleichen sich selbst nicht, je nachdem, von wo man sie ansieht und wie sie angestrahlt werden. Wolken zu sehen bedeutet, eine Beziehung zur Schönheit der Natur zu spüren. Ein Himmel ohne Wolken wäre ein langweiliger Himmel.

ZEIT: Der Himmel selbst ist aber für viele eine Sphäre, die reich an Bedeutungen ist.

© D. Ausserhofer/MPI-M

Stevens: Wenn man Wolken sehen will, muss man nach oben schauen. Auch für Menschen, die nicht religiös sind, ist dieser Blick zum Himmel unvergleichlich. Aber Wolken haben eine Mehrdeutigkeit, die der Himmel nicht hat. Als man im 19. Jahrhundert versuchte, für die europäische Verständigung über das Wetter eine Art Wolkenatlas zu erstellen, merkte man: Die Fotografien zeigten nur eine unendliche, unklassifizierbare Formenvielfalt. Die Malerei ist besser geeignet, um das Wolkenideal darzustellen.

ZEIT: Sie sind Physiker und Ingenieur, also bitte: Was ist eine Wolke, naturwissenschaftlich ausgedrückt?

Stevens: Wolken sind schwer zu definieren, sie bestehen aus vielen Wassertröpfchen, jedes von ihnen ist fünfzigmal kleiner als ein Millimeter, zwanzig Mikrometer im Durchschnitt. Es gibt etwa so viele Tröpfchen in einer großen Gewitterwolke wie Sterne am Firmament, in allen Galaxien des gesamten Universums.

ZEIT: Da spricht der Wolkenpoet. Aber warum kann auch der Naturwissenschaftler die Wolken nicht richtig fassen?

Stevens: Sie sind ein Ergebnis der Bewegung, sie sind Geschöpfe der Zirkulation: Aus feuchtem Boden steigt durch Erwärmung Luft auf, die in der Höhe abkühlt und an winzigen Partikeln in der Atmosphäre kondensiert, an den sogenannten Kondensationskeimen. Wolken sehen wie feste Körper aus, aber je näher man ihnen kommt, desto mehr erweist sich die Festheit als Illusion.

ZEIT: Haben sie sich über die Jahrhunderte verändert? Was haben die Wolken, die Goethe gesehen hat, als er 1821 sein Gedicht auf den Londoner Apotheker und Wolkenforscher Luke Howard schrieb, gemeinsam mit den Wolken, die wir heute sehen?

Stevens: Wenn Goethe heute hier in Hamburg im Park am Weiher spazieren gehen würde und nach oben schaute, sähe er, was er damals in Weimar am Himmel gesehen hat. Übrigens hat auch Aristoteles vor 2.500 Jahren am Himmel nichts wirklich anderes gesehen als wir Heutigen. Nur die Kondensstreifen der Flugzeuge sind neu.

ZEIT: Und der Klimawandel, wirkt der sich nicht auf die Wolken aus?

Stevens: Den Wolken am Himmel sieht man die Klimaveränderung mit bloßem Auge nicht an. Aber tatsächlich fragen wir Klimaforscher uns, ob die Wolken nicht über die Zeit durch die Erderwärmung weniger werden müssten, weil einige verschwinden ...

ZEIT: ... verschwinden?

Stevens: Uns interessiert zum Beispiel, wie sich die Häufigkeit von bodennahen und höheren Wolkentypen ändert, wenn die Temperatur in der Atmosphäre ansteigt. Uns interessieren in unseren Computersimulationen die Gründe der Wolkenbildung, also Strömung und Aufwinde.

ZEIT: Was unterscheidet Sie als Wissenschaftler in Ihren riesigen Rechenzentren von Ihren Vorgängern? In dem erwähnten Gedicht schreibt Goethe auf den Wolkenforscher Howard: "... was sich nicht halten, nicht erreichen lässt / Er fasst es an, er hält zuerst es fest". Erkennen Sie sich darin?

Stevens: Die Wolken sind auch für mich ein Symbol für alles, was erreichbar scheint, zum Greifen nah, was aber, wenn wir es begreifen wollen, sich doch als Rätsel erweist.