Es gibt Momente, in denen auch der größte Europaenthusiast ahnt, weshalb die Briten die Europäische Union verlassen. Unaufhaltsam läuft die Brüsseler Gesetzgebungsmaschine weiter, auch wenn sie die falsche Richtung eingeschlagen hat. Die Maschine hat keinen Verstand und keinen Ausknopf. Was Sammler und Kunsthändler aufs Neue in Verwirrung stürzt – und im Herbst in Verdruss, denn das deutsche Kulturgutschutzgesetz bleibt ja auch noch zu beachten –, ist die auf dem Wege befindliche neue EU-Verordnung zur Regelung der Einfuhr von Kunstgegenständen. Brüssel will auch noch die Krümmung der archäologischen Gurke bestimmen.

Die Sache ist leider ganz ernst. Sie betrifft Sammler, deren Bestände außerhalb der EU lagern, die in solchen Ländern erben oder dort etwas erwerben. Sie betrifft den Kunsthandel ohnehin, die Einlieferungen für Auktionshäuser und Messen. Die Verordnung sieht überdies umfangreiche Pflichten vor, den Weg von Kunstobjekten zu dokumentieren. Anders als im geltenden deutschen Gesetz wird es wohl keinerlei Wertgrenzen geben, nur eine Altersgrenze. Es ist noch nicht entschieden, ob sie bei 250 oder bei 100 Jahren liegt.

Ältere Kunst muss bei der Einfuhr künftig einen Nachweis des Entstehungslandes mit sich führen, welcher eine rechtmäßige Ausfuhr bescheinigt. Beabsichtigt ist damit, den Weg eines Kunstgegenstandes lückenlos in einem mitgeführten Pass ("Object ID") zu erfassen. So möchte sich die Europäische Union vor der Infiltration durch illegal gehandelte Kunst schützen. Das ist eine Absicht, die ein jeder unterstützen wird, bloß dass die Folgen turbulent ausfallen werden.

Jedes Gesetz, jede Verordnung benötigt fürs Zustandekommen einen schlüssigen Grund. Vor zwei Jahren lautete der noch Terrorismusfinanzierung. Inzwischen hat sich jedoch auch in Brüssel herumgesprochen, dass sich der IS nicht durch Antikenverkäufe finanziert. Auch das Ausmaß des illegalen Handels, so zeigte es sich, ist tatsächlich viel geringer, als noch vor Jahren behauptet wurde. Jetzt wird als Grund nur noch die Vereinheitlichung nationaler Bestimmungen bemüht.

Selbst wenn man zugestehen würde, dass geraubte und geschmuggelte Objekte draußen bleiben müssten – und auch die Geldwäsche unterbunden werden sollte –, eine wirksame Kontrolle wäre anders zu gewährleisten. Politisch schwieriger ist es natürlich, die europäische Einfuhrumsatzsteuer zu vereinheitlichen, mit ihr wird ohnehin schon alles lückenlos erfasst. Um mit diesen Daten verdächtige Objekte zu überprüfen, müssten allerdings Zoll und Interpol geschult und aufgerüstet werden. Billiger ist es demgegenüber, den Markt zu regulieren und dem Bürger die Lasten aufzubürden.

Länder, die in der Vergangenheit das Opfer von Kunstraub waren, haben allenfalls den Verlust von Spitzenobjekten gelistet, wenn sie überhaupt Verzeichnisse führen. Es ist illusorisch zu erwarten, solche Länder würden nachträglich Bescheinigungen über die Ausfuhr von durchschnittlichem Handelsgut ausstellen. Die sind schlechterdings nicht zu erbringen. Chinesische Kunst zirkuliert seit 300 Jahren in der westlichen Welt; nur bei sehr wenigen Werken ist der Wunsch nach einem Objektpass überhaupt realistisch. Im Tefaf-Report, dem anerkannten jährlichen Zahlenwerk über den Kunstmarkt, war 2014 zu lesen, dass zwei Drittel aller Kunstverkäufe unter 4.000 Dollar liegen. Die immer strengeren Bestimmungen treffen nicht die ohnehin unter Beobachtung stehenden Millionenobjekte. Getroffen wird der breite Markt, dort wo sich das Sammeln von Kunst als kulturelle Tätigkeit im Wesentlichen abspielt. Getroffen werden auch jene Segmente des Handels, die ältere Kunst verkaufen, Antiken, Münzen, archäologische Objekte, alte Bücher. Sie haben jetzt schon mit erheblichen Umsatzrückgängen zu kämpfen.

In Brüssel heißt es, die Deutschen würden sich im Vorfeld der neuen Verordnung als Scharfmacher profilieren. Die Pflicht, Herkunftsnachweise vorzulegen, verdanke sich beispielsweise ihrer Initiative. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, heißt es weiter, versuche die Bestimmungen der EU-Verordnung dem deutschen Kulturgutschutzgesetz anzunähern, um ihr eigenes, hoch kontroverses Gesetz zu rechtfertigen. Fallen einzelne Regelungen allerdings liberaler aus als in Deutschland, müsste das deutsche Gesetz der EU-Norm angepasst werden. Das wäre dann eine politische Schlappe für Grütters.

Wie sich die neue Verordnung auf das nationale Zollrecht auswirkt, steht noch in den Sternen. Das ist nur eine Facette der Praxisferne, denn vielerlei Reibungen mit nationalen Bestimmungen sind schon sichtbar. Es steht auch noch nicht fest, ob das Post-Brexit-London als Handelsstandort von der EU-Verordnung profitieren wird. Kein EU-Land mehr zu sein könnte unter kommenden Bedingungen genauso die Verkäufe bremsen. New York wiederum, jetzt schon der wichtigste Ort für den Kunsthandel, wird noch stärker werden. Und wer als Bürger nach dem Oktober – dann wird Brüssel vermutlich beschließen – noch etwas anderes sammelt als zeitgenössische Kunst, der muss wissen, was er tut. Und selbst wenn er das weiß, wird seine Ratlosigkeit groß sein.