Jetzt, wo wir wirklich einen Sommer haben, der wie gemalt ist, da wächst natürlich auch die Sehnsucht nach Bildern von der Gischt, von hohem Himmel und warmer Luft. Vielleicht weil der Sommer schon immer über die Dänen so jäh hereingebrochen ist, um kurz darauf wieder zu verschwinden, haben sie stets versucht, die Wärme auf die Leinwand zu bannen, für die langen, dunklen und kalten Monate danach. Das goldene Zeitalter der dänischen Malerei also ist in bestem Sinne sonnenbeschienen, und es gibt kaum einen besseren Moment, um sich darin zu bräunen, als jetzt oben an der deutschen Küste, im Pommerschen Landesmuseum, am anderen Ufer der Ostsee also. Und wie es einst Caspar David Friedrich aus Greifswald nach Kopenhagen zum Studium zog, so versammeln sich jetzt all seine großen dänischen Zeitgenossen und deren Nachfahren rund um Friedrichs kühne Bilder zu einem Stelldichein der nordischen Romantik. Hinter der Ausstellung steckt ein Glücksfall – denn es ist eine Schenkung. Der preußisch-schwäbische Sammler Christoph Müller, der zuvor schon das Museum in Schwerin mit seiner Niederländer-Sammlung beglückte, hat dem Land Mecklenburg-Vorpommern fast 400 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken dänischer Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts übereignet. Damit hat Greifswald plötzlich die mit Abstand größte deutsche Sammlung an dänischer Kunst – und Birte Frenssen hat mit der Hängung eine Meisterleistung vollbracht: Es werden überraschende Bezüge sichtbar, Haupt- und Nebenwege, es ist alles in einer sehr feinsinnigen Schwingung, Menschen, Boote, Segel, Gräser, und über allem weht der nie versiegende Wind von der See.

Und auch wer das Museum an einem Regentag besucht, wird begeistert sein – etwa davon, wie Wilhelm Marstrand 1836 eine Gegen den Sturm kämpfende Frau zu zeigen vermag. Der Wind tost von vorne, die Haustür hinter der jungen Frau ist zugefallen und hat ihren Rock dabei eingefangen, der Regenschirm ist ihr über die Schulter gerutscht – sie hängt fest, und doch gelingt es Marstrand, den misslichen Moment für die Dame in einen unmissverständlichen für den Betrachter zu verwandeln: So stark bläst der Wind gegen den Rock, das darunter die beiden nackten Beine fast plastisch hervortreten, sogar die Wade wird ein Stück entblößt, von einem Hund (also dem Betrachter) sofort neugierig beäugt. Aber keine Sorge: Vor allem auch bei Windstille ist bei den Dänen viel zu sehen, wenn sich die Wolken verziehen und der blaue Himmel kristallklar über den strotzenden Feldern steht, dann entstehen kleine Naturstücke von zeitloser Kraft. Die Schenkung von Christoph Müller umfasst Werke der Großen, also von Eckersberg, Kobke, Lundbye und Skovgaard, aber es macht die besondere Stärke dieser Privatsammlung aus, dass sie mit großer Leidenschaft auch die weniger bekannten Künstler schätzt. Einen Namen vor allem wird man nach dem Besuch der Ausstellung nicht mehr vergessen: Janus la Cour (1837–1909), mit über zwanzig Werken der am häufigsten vertretene Künstler der Schenkung – und so zeigt sich, dass ein Sammler eben nicht nur zum Bewahrer, sondern auch zum Anstifter werden kann. La Cours handwerklich brillante Malerei bleibt zwar über weite Strecken traditionell. Seine Kompositionen jedoch, die abgesenkten Horizonte, die irritierenden Perspektiven, die radikalen Ausschnitte, sind von jäher Modernität. Hier führt ein Geist des 20. Jahrhunderts die Bildregie und eine Hand des 19. Jahrhunderts den Pinsel. Kein Wunder, dass er von Per Kirkeby, dem großen dänischen Koloristen, so geliebt wurde.

La Cour malt das Gegenteil des goldenen Zeitalters. Über seinen Landschaften hängt oft der bewölkte Himmel, er zeigt müde, belanglose Strände, Steine, Geäst, einen sich verlaufenden Weg. Das Meer ist kaum zu sehen, irgendwo hinten, nicht der Rede wert, das große Sehnsuchtsziel hat seine utopische Kraft verloren. Man begreift, was es für ein kühner Verweigerungsakt des Malers war, die Bilder oben nicht weitergehen zu lassen, abzuschneiden. Ein Stück Natur, that’s it.

Ganz manchmal aber dreht dieser besondere Künstler das Licht doch auf, lässt es blitzen durch die Wolkendecke und die Klippen am Moesgaard Strand zu einem skulpturalen Gebilde formen. An zwei Stellen ist das sandige Erdreich unter der Düne herabgesackt, dazwischen ragt eine Zunge heraus, ein steiniger, schmaler Grat, und auf den setzt der Künstler ein atemberaubendes Zeichen seines Könnens: Wie er hier, direkt vor der Natur, in kürzester Zeit die Wirkung des Lichtes einfängt, das sich an dem Vorsprung bricht und im hellen Sand zu sich selbst kommt, das hätte jedem Impressionisten Freudentränen in die Augen getrieben. Und ganz am Schluss entdeckt das Auge den linken Rand: Was Janus la Cour da nun veranstaltet, in einem Stakkato von Grün, das übertrifft alle Freiheiten seines Lehrers Skovgaard, da wird Natur zu Abstraktion, Abstraktion zu Natur. Ganz links oben verbinden sich das Grün und die Düne auf fünfzehn, zwanzig Quadratzentimetern dann zu einem winzigen grünbraunen Fest der Malerei. In Greifswald darf man jetzt mitfeiern.

"Die Dänen!", bis 4. November. Pommersches Landesmuseum, Greifswald. Der Katalog kostet 14,95 €.