Er konnte seine Bekehrung genau datieren: "2. Februar 1903 (morgens zwischen sieben und acht Uhr)". Auf einer Zugfahrt von Bern nach Basel hörte Leonhard Ragaz, wie ein Kaufmann damit prahlte, in Zürich eine junge Bündnerin verführt zu haben. Ragaz, der damals in Basel als Münsterpfarrer amtete, erfüllte das Abteilgeschwätz mit tiefer Entrüstung. In sein Tagebuch schrieb er: "Nun ist’s vorbei mit allen akademischen Idealen, nun hinein in den Kampf! Gott, ich gelobe es dir!"

Es war keine Bekehrung gegen innen, sondern eine nach außen: Der reformierte Pfarrer wollte nicht die eigene Seele von den Sünden reinigen, sondern die Welt vom Bösen befreien, unter dem Banner des religiösen Sozialismus.

Am 28. Juli 1868 wurde Leonhard Ragaz in Tamins geboren, einem Bauerndorf im Bündnerland. Heuer würde er 150 Jahre alt. Geblieben sind von ihm, dem Bauernsohn, der im Dorf als bester Mähder und zuverlässiger Hirt galt:

Eine Zeitschrift, Neue Wege, die er mitbegründet hat und die zu den ältesten Monatspublikationen des Landes gehört.

Eine Idee, wie die Schweiz sein könnte, wenn man sie so organisieren würde, wie sie angeblich mal organisiert war, als große Genossenschaft.

Und die Erkenntnis, dass auch im christlichen, im reformierten Glauben eine politische Sprengkraft steckt.

Was Ragaz in seinem Tagebuch auf diesen einen Februarmorgen datiert, nahm seinen Anfang bereits in seiner Kindheit. In seiner Autobiografie Mein Weg, die posthum erschien, beschreibt er, wie sehr ihn seine Herkunft geprägt habe, wie er in dieser Bündner Alpenkultur verwurzelt sei. Dazu gehörte für Ragaz nicht nur die Natur, die den Jahreslauf im bäuerlichen Tamins bestimmte, oder der Flimserstein, sein Berg, der über dem Ort thronte, sondern ebenso die gleichzeitig aufmüpfige wie gemeinschaftliche Dorfkultur. Er sah sich als freier Bürger eines freien Volkes. Und in der vorkapitalistischen, genossenschaftlichen Wirtschaftsordnung, die er als Bub erlebt hatte, erkannte er ein Modell, das sich auch für seine Gegenwart aufdrängte.

Die neue Schweiz – ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen, so nannte Ragaz sein Buch, das 1918 erschien und für einigen Wirbel sorgte. Es war sein politisches Werk in einem umfangreichen Katalog. Es erlebte vier Auflagen, die erste war innert zwölf Tagen ausverkauft und wurde ins Französische sowie ins Italienische übersetzt. Ragaz entwickelte darin eine "Vision von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung".

Der linke Pfarrer sieht die Schweiz in diesen späten Weltkriegsjahren in tödlicher Gefahr. Aus Deutschland droht der Militarismus, aus Russland die bolschewistische Revolution, und in der Schweiz selber führt der dominante Wirtschaftsfreisinn einen Klassenkampf von oben gegen die junge Arbeiterbewegung. Ragaz, der Patriot aus sozialistischer Überzeugung, schreibt: "Der Kapitalismus will zwar eine Art Freiheit, den freien Wettbewerb, aber das ist eine falsche Freiheit, die Freiheit des Dschungels, wo der die Oberhand gewinnt, der die stärksten Klauen und Zähne hat."

Kapitalismus und Demokratie. Für Ragaz gehen die beiden Ideen nicht zusammen. "Unser wirtschaftliches System zerteilt das Volk in Besitzende und Besitzlose, Herren und Knechte. Von dieser sozialen Autokratie her wird sich auch eine politische entwickeln."

1918, das war in der Schweiz auch das Jahr des Landesstreiks. Ragaz, der damals als Theologieprofessor an der Universität Zürich lehrte, solidarisierte sich mit der Sache der Arbeiter. Er protestierte, als Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten in die Universität aufmarschierten: Sie müsse nur vor dem Volk geschützt werden, weil sie ihm Steine statt Brot gegeben habe. Ragaz wird als "Generalstreiktheologe" beschimpft, allen voran die Neue Zürcher Zeitung kritisiert ihn hart. Er keift zurück: "Diese Zeitung in den Händen von jedem zweiten Schweizer, der im Eisenbahnwagen fährt, ist auch ein Symbol jener alten Schweiz, die wert ist, dass sie zugrunde gehe."

Ragaz will das System verändern, den Arbeitern mehr Mitsprache geben, die Wirtschaft demokratisieren: "Einer der Sätze, die mit eherner Schrift an die Türen der neuen Schweiz angeschlagen sind, lautet: Keine politische Demokratie ohne soziale!"

Immer wieder versucht Ragaz in seinen Schriften, mit historischen Rückgriffen aus der Geschichte der Schweiz eine Schweiz der Zukunft zu formen. In der Eid-Genossenschaft sieht er die künftige Wirtschaftsordnung, in den Landsgemeinden einen Vorläufer des Rätesystems. Solidarität wird bei ihm zum Grundpfeiler der Schweizer Geschichte. Ragaz spannt sogar einen Bogen vom alten Israel zur alten Eidgenossenschaft. Die Schweiz wird bei ihm zu god’s own country.