Das Praktische an Ludwig Erhard ist, dass er sich nicht mehr wehren kann. Posthum muss er es als sogenannter Vater der sozialen Marktwirtschaft laufend ertragen, wenn Politiker von links bis rechts seinen Namen und seine Zitate wie politnostalgische Streusel über jeden wirtschaftspolitischen Vorschlag streuen. Und natürlich beruft sich auch Roland Tichy, der Vorsitzende der Ludwig-Erhard Stiftung, auf den ehemaligen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler. Zum Beispiel als er sich am Dienstag in einer E-Mail seiner Gegner in der Stiftung erwehrte. "Es ist nie einfach gewesen, für die Überzeugungen Ludwig Erhards einzutreten", schrieb er da. "Und es wird beim aktuellen Zeitgeist immer schwieriger."

Tichy, das macht dieses Schreiben deutlich, steckt in Schwierigkeiten. Vier Jury-Mitglieder des von seiner Stiftung verliehenen Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik, allesamt bekannte Journalisten wie die Publizistin Ursula Weidenfeld und Rainer Hank von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sind zurückgetreten. Auslöser war, dass ein prominenter Preisträger die Annahme des Ludwig-Erhard-Preises verweigerte: Friedrich Merz, früher CDU-Politiker, heute für den Vermögensverwalter Blackrock tätig.

Merz lehnte den Preis auch deshalb ab, weil er mit Roland Tichy nicht auf einer Bühne stehen wollte. Für die Jury-Mitglieder war das der Anstoß, ihr schon länger schwelendes Unwohlsein über die Führung der Stiftung nicht mehr für sich zu behalten. Auch eine für Dienstag anberaumte Aussprache änderte daran nichts.

Man könnte das als Kabbelei innerhalb einer nicht sehr bedeutenden Stiftung abtun, unter deren satzungsgemäß 74 Mitgliedern sich sogar noch Fahrensleute von Ludwig Erhard befinden. Nur setzt diese Auseinandersetzung fort, was andere liberal-konservative Stiftungen und Vereine in jüngerer Vergangenheit erlebt haben. Sie werden regelrecht zerrissen von der Frage, wie das Land mit Flüchtlingen umgehen soll und wie mit neurechten Parteien.

Friedrich Merz lehnte den Ludwig-Erhard-Preis ab. © Sebastian Konopka / FUNKE Foto Services

Zum Beispiel die Hayek-Gesellschaft. Vor drei Jahren traten rund 50 Mitglieder samt der Vorsitzenden aus, weil ihnen die Organisation zu weit nach rechts driftete. Unter den Ausgetretenen sind bekannte Namen wie der FDP-Chef Christian Lindner. Die Aktionsgemeinschaft soziale Marktwirtschaft schlug die andere Richtung ein. Dort empfahl man Mitgliedern, die der AfD nahestanden, die Organisation zu verlassen – und verlieh die Alexander-Rüstow-Plakette ausgerechnet an Kanzlerin Angela Merkel, das Feindbild der AfD. Das veranlasste den ehemaligen Preisträger Joachim Starbatty, ein AfD-Mitglied aus einer Zeit, als sie noch vorrangig eine Partei der Eurokritiker war, seine Plakette zurückzugeben.

Nun ist die Ludwig-Erhard-Stiftung an der Reihe. Thomas Mayer, der sowohl der Jury als auch der Stiftung angehört und einmal Chefvolkswirt der Deutschen Bank war, formuliert es so: "Die Gesellschaft polarisiert sich, dominant sind zwei Pole: die Sozial-Nationalen und die Sozial-Internationalen. Der Liberalismus wird dazwischen zerrieben." Die Sozial-Nationalen versuchten, die Liberalen zu vereinnahmen, weil sie deren Liebe zu strengen Regeln teilten. Die Sozial-Internationalen würden dann immer gleich "Seht ihr, ihr seid doch rechts" rufen. "Ein Liberaler kann aber keines von beiden sein", findet Mayer. So zerfleischt der Liberalismus sich selbst wie die K-Gruppen in den Siebzigerjahren.

Roland Tichy leitet die Ludwig-Erhard-Stiftung. © Malte Ossowski / SVEN SIMON / ddp

In der Erhard-Stiftung entzündet sich die Debatte an einer Person. Die Frage lautet: Steht der Vorsitzende Roland Tichy zu weit rechts für eine politisch eher liberal-konservative, der CDU und FDP nahestehende Stiftung? Auf seiner durchaus erfolgreichen Webseite Tichys Einblick kommen viele Autoren zu Wort, die deutlich rechts des Mainstreams stehen. Da bezichtigt eine Autorin Feministinnen der "Freiheitsvernichtung nach Diktatorinnen-Art", und ein Autor erzählt, wie er eine Partei namens "Die Guten" gründete, die die neue Rechtschreibung und den Euro verhindern wollte. Im Kreis der zurückgetretenen Jury-Mitglieder will man das nicht verdammen. Man formuliert es eher so: "Tichys Haltung hat innerhalb des Liberalismus ihren Platz. Aber sie kann doch nicht alles sein!"

Dass Tichy die Kolumnen seines Portals über Twitter verteilt, mit dem Titel der Ludwig-Erhard-Stiftung veredelt und die Stiftung dadurch als Widerpart der deutschen Flüchtlingspolitik wahrgenommen wird, schmerzt einige der Stiftungsmitglieder. Sie finden, die Stiftung solle sich eher in wirtschaftspolitische Themen einmischen. Dabei aber versage sie.

Dazu kommt, dass die Stiftung finanziell recht marode ist. Sie leidet unter den Niedrigzinsen. Und dann hat es auch noch eine Konkurrenzveranstaltung geschafft, nicht nur deutlich mehr Sponsorengelder anzuziehen, sondern sich auch Ludwig Erhards Namensrechte in zahlreichen Varianten zu sichern: der Ludwig Erhard Initiativkreis in Fürth. Beide Organisationen kooperieren miteinander. Doch glücklich ist Tichy nicht über die Konkurrenz. Er wollte die Gründerin Evi Kurz, die auch Mitglied in der Ludwig-Erhard-Stiftung ist, aus seiner Organisation sogar herausdrängen. Die Jury war von dem Ganzen nicht begeistert und auch nicht von den Folgen der Finanzmisere. Die Entscheidung der Stiftung, für den Hauptpreis kein Preisgeld mehr zu vergeben und stattdessen eine Zigarre in Plexiglas zu überreichen, empörte die Jury nachgerade. Zumal sie davon erst nachträglich erfuhr.

Da hilft es auch nicht, dass die verbliebenen Jury-Mitglieder nun einiges anders machen wollen. Am vergangenen Dienstag beschlossen sie folgende Vorschläge an die Stiftung: Der Preis soll künftig wieder nur an Journalisten und Wissenschaftler verliehen werden, nicht mehr an Politiker. Er soll auch einen neuen Namen bekommen: "Ludwig-Erhard-Preis für freiheitliches Denken".

Möglicherweise ist all dies aber nur der Anfang einer Debatte. Es ist nämlich mittlerweile nicht mehr nur die Jury besorgt. Weitere Stiftungsmitglieder stimmen in die Kritik ein. Lars Feld, Ökonomieprofessor und Mitglied des Sachverständigenrates für Wirtschaft, sagte der ZEIT: "Ich kann Herrn Merz angesichts der Tweets von Tichy zur Flüchtlingsproblematik gut verstehen."