Die Wochen des Wahnsinns haben ihre Spuren hinterlassen. Abgekämpft sieht Markus Söder aus, als er an einem Donnerstagabend im Juli in den schmucklosen Kinosaal im oberbayerischen Rosenheim tritt. "Einer der schönsten Kinosäle Bayerns!", ruft er in die voll besetzten Ränge. Auf der Leinwand hinter ihm leuchten die weiß-blauen Farben, vor ihm steht eine Tüte Popcorn und ein Wasserglas, darauf fünf Buchstaben: Söder.

"Söder persönlich" heißt das Talk-Format, mit dem er seit Monaten durch Bayern tourt. Die Leute sollen ihr Staatsoberhaupt als Menschen kennenlernen, als Christen, als Karnevalskönig. Sie sollen, sagt der Moderator, "erfahren, wie aus Markus Söder der bayerische Ministerpräsident wurde".

Aber ohne ein paar Worte zur Tagespolitik geht es in diesen Zeiten doch nicht. Erst vor ein paar Tagen konnten sich CDU und CSU in Berlin im Asylstreit einigen. Heute hat die bayerische SPD Söder mit einer Verfassungsklage gedroht. Weil er von "Asyltourismus" geredet hat. Söder lächelt müde. Ach, die Bayern-SPD. In Wahrheit sei es doch so: "Die in Brüssel reden ja gerne von Sekundärmigration. Versteht keiner." Kunstpause. "Ich nenne das eben Asyltourismus." Der Mundwinkel zuckt, ein diabolisches Lächeln im Ansatz.

Doch der joviale CSU-Populismus ist in diesen Tagen selbst zum Problem geworden. In Berlin hat er fast eine Regierung gestürzt, in Bayern die Partei deutlich unter 40 Prozent gezerrt. Ob die CSU sich noch einmal aufrappeln kann, das scheint gerade unklarer denn je.

Und auch Markus Söder ist gewaltig ins Schleudern geraten. Mit beängstigender Disziplin schuftete er viele Jahre für sein Ziel: Regierungschef des Freistaats. Nun residiert er seit einigen Wochen in der Staatskanzlei. Doch von der heilen CSU-Welt ist nur noch eine Kulisse übrig. Die absolute Mehrheit: unerreichbar. Der rechte politische Rand: wohl endgültig verloren. Früher verströmte die CSU die Selbstzufriedenheit aus jeder Pore. Heute ist es Nervosität.

Wenn man in Bayern mit Christsozialen spricht, hallt der Schrecken der vergangenen Wochen in den Worten nach. Man hört Altgediente von einer "Selbstzerstörung" sprechen, Junge vom "Höllenritt". Und immer wieder ist vom "Umdenken" die Rede, das nun kommen müsse. Denn für die CSU geht es um mehr als nur um eine Landtagswahl. Es geht um die Frage, ob es ihr gelingt, wieder zu sich selbst zu finden. Ob sich die Partei wieder von den autoritären Versuchungen lösen kann, denen sie wochenlang erlegen war. Auf dem Spiel steht die Zukunft der Partei.