DIE ZEIT: Herr Brandt, wie hat sich das frühe Aus der deutschen Mannschaft auf Ihren Genuss an diesem Turnier ausgewirkt?

Matthias Brandt: Ich hätte gehofft, dass ich es leichter nehmen würde. Aber ich habe es nicht geschafft, das Ausscheiden zu kompensieren. Die WM blieb mir seltsam fern. Ich fühlte mich beim Endspiel wie an einem Novembernachmittag, wenn, sagen wir, Hannover 96 gegen Mainz 05 spielt.

ZEIT: Haben Sie mit den deutschen Spielern mitgefühlt?

Brandt: Ich sah Bilder der kläglichen Rückkehr der Mannschaft am Frankfurter Flughafen – das war ein bisschen so, wie wenn man Freunde oder Verwandte abholt, die von einer missglückten Pauschalreise zurückkommen. Ihre Gesichter spiegelten die Haltung: Das war nicht das, was wir gebucht hatten. Das Hotel war scheiße, und eine Lebensmittelvergiftung hatten wir auch. Gäbe es einen Veranstalter, der verklagt werden könnte, ich glaube, sie würden es tun. Vielleicht hätte der DFB vorher eine Turnierrücktrittsversicherung abschließen sollen.

ZEIT: Haben die Spieler ihr Scheitern verdient?

Brandt: Sie haben es nicht gelernt, es ist in ihrem Leben nicht vorgesehen. Der Management-Coaching-Unsinn, den sie lernen, gibt ihnen für den Fall des Scheiterns kein Werkzeug an die Hand. Deswegen wirkten sie auch so beleidigt.

ZEIT: Es gibt in der Fußballwelt eine seltsame Spezies, die Groundhopper: Das sind Menschen, die von einem Stadion zum nächsten reisen, sich Spiele in der ersten peruanischen oder zweiten ungarischen Liga ansehen, einfach um die Stimmung dort zu erleben – denen ist es wurscht, welche Mannschaft gewinnt, sie wollen nur mittendrin sein. Wäre das die "weise" Art, Fußball zu sehen?

Brandt: Man befriedigt mit dem Fußball ja unterschiedliche Bedürfnisse. Ich gucke zum Beispiel manchmal gern Spiele, bei denen ich sozusagen keine Aktien habe, weil ich mich nicht so aufregen möchte. Auch was Aufregung betrifft, hat man nur begrenzte Kapazitäten.

ZEIT: Fußball erschöpft?

Brandt: Ja, total, oder? Man braucht die Zeit zwischen den großen Spielen! Also, ich brauche das, dass Senegal gegen Japan spielt, weil das Gesamtturnier sonst für mich nervlich nicht verkraftbar wäre. Wenn es danach dann allerdings gar keine großen Spiele mehr gibt, ist das natürlich ein fragwürdiges Konzept.

ZEIT: Es heißt, die Symptome eines Fernsehzuschauers, der mit seiner Mannschaft fiebert, ähneln dem Verhalten eines Menschen, der Angst hat.

Brandt: Es ist Angst, ja. Deshalb braucht man auch zwischendurch Panama gegen Tunesien. Manchmal möchte man ohne Angst schauen. In dem schönen Film Berlin Chamissoplatz von Rudolf Thome sagt der Hauptdarsteller Hanns Zischler an einer Stelle sinngemäß: Wenn ich in einem Film einschlafe, heißt das, dass ich dem Film vertraue (lacht). Und auf ein Turnier bezogen, braucht man deswegen diese Spiele. Ich gucke Senegal gegen Japan, weil ich dem Turnier vertrauen und mich einbetten will.

ZEIT: Hat Ihnen nach dem Ausscheiden der Deutschen die eigene Zuschauerangst gefehlt?

Brandt: Ja. Letztlich war’s mir mumpe, wer gewinnt. Es hat die Angst gefehlt, und Angst ist die unabdingbare Voraussetzung für Suspense.