Sobald in Krisenzeiten jemand die klassische Antike herbeizitiert, wird es ernst, sehr ernst. Hilfesuchend wandert das Nachdenken zurück an die Anfänge der Demokratie, und unversehens liegen die alten, bleischweren Begriffe wieder auf der Werkbank des Intellektuellen. Stasis ist so ein Begriff, und er meint Bürgerkrieg, die Spaltung der Gesellschaft. Die Stasis reicht bis in Familien und Freundeskreise, sie "hängt in der Luft" und durchdringt alles. Stasis ist Bewegung im Stillstand. Kein Weg führt derzeit zurück in die heile liberale Ordnung, und keiner weist nach vorn. Das Alte ist noch nicht gegangen, das Neue noch nicht geboren. Es ist ein Interregnum, eine Zwischenzeit.

Stasis, schreibt der Wiener Politikwissenschaftler Oliver Marchart, ist der derzeitige Zustand westlicher Gesellschaften, und er schreibt es in der Hamburger Zeitschrift Mittelweg 36, die sich mit Flucht und Migration beschäftigt, mit "Zugehörigkeiten und der Neuvermessung des Politischen". Doch was hat die gesellschaftliche Spaltung mit der sogenannten Flüchtlingskrise zu tun? Für Marchart lautet die Antwort: Gleichviel, ob sie eine wirkliche oder eine bloß eingebildete Krise auslösten – die Flüchtlinge bringen die innere Verwerfung westlicher Gesellschaften ans Licht, ihre fundamentale Entzweiung. Flüchtlinge sind der Katalysator einer tiefen Legitimitätskrise, die zuerst in den Vereinigten Staaten zu spüren war und nun auf Europa übergegriffen hat.

Als Schlüsseldatum nennt Marchart den Beinahe-Crash des Finanzkapitalismus 2008; seine Kosten seien auf die Bevölkerung abgewälzt und Demokratie und Sozialstaat dabei in Mitleidenschaft gezogen worden. Seitdem gehöre Angst zur seelischen Grundausstattung westlicher Gesellschaften, jedenfalls sei nur so ihre Panik gegenüber Flüchtlingen zu erklären. Und weil eine Alternative zur "Gesellschaft der Angst" nicht im Liberalismus formuliert wird, werde sie eben gegen den Liberalismus formuliert. Nach dem Versagen der Mitte-links-Parteien seien es mithin die Rechten, die nicht nur den Verlierern und Verängstigten aus allen Milieus eine Stimme geben, sondern auch die Systemfrage stellten. "Entweder liberale Demokratie oder eine westeuropäische Version des Putinismus. Das Ergebnis ist Stasis. Aufruhr und Paralyse zugleich."

Wie angsterfüllt Europa auf Flüchtlinge und Zuwanderer reagiert, das beobachten alle Autoren des Heftes. Der Fremde ist buchstäblich eine "Grenzfigur" (Julia Schulze Wessel); kein passiv Unterworfener, sondern ein eigenständiger Akteur, der verunsichert und unser Selbstverständnis infrage stellt. Er ruft Abwehrreaktionen hervor, die längst vergessen schienen und die – so der Politikwissenschaftler Oliver Flügel-Martinsen – aus den Abgründen des 20. Jahrhunderts aufsteigen: ein übersteigerter Nationalismus, ein "chauvinistischer Geltungswille" und das Hirngespinst eines mit sich selbst identischen Volkes. Dabei handelt es sich zunächst einmal um Angstverschiebung und Schuldverlagerung, das heißt: Die eigenen Gefühle, zum Beispiel die Angst vor Prekarisierung und "Überflüssigwerden", werden "transformiert in eine Angst vor anderen, die dann von einem nationalen Kollektiv als Fremde abgegrenzt" werden müssen.

Doch das ist es nicht allein. Für Flügel-Martinsen steckt in der Angst zugleich die Einsicht, dass die Welt verdammt klein geworden ist und alle durch ein globales System verbunden sind. Keiner könne sich länger damit herausreden, der eine Teil der Welt habe eben Pech und der andere eben Glück gehabt. Wer ein Billig-T-Shirt kauft, der weiß, dass es unter Bedingungen hergestellt wird, in denen die einen privilegiert und die anderen ausgebeutet werden. Schon an der Ladenkasse spürt der Käufer, wie dringend sich die Frage nach Gerechtigkeit stellt.

Flügel-Martinsen greift hier Gedanken von Achille Mbembe auf, der in einem Interview gleichsam vom Weltraum aus auf die Erde blickt. Der Kameruner Historiker und Philosoph sieht ein planetarisches Drama, eine Umverteilung der Bevölkerung und die Neuordnung von Einfluss und Macht. Landgrabbing, Vertreibung, Abschottung – für Mbembe ist es ein "völlig neuartiger Versuch, die Erde aufzuteilen", sich ihre Schätze anzueignen und Gebietsansprüche anzumelden. Wem gehört die Erde? Wer hat ungehinderte Bewegungsfreiheit, und wer hat sie nicht? Für Mbembe ist es – wie er mit Carl Schmitt sagt – ein Kampf um den "Nomos der Erde". Denn obgleich alle dieselben Anrechte auf den Planeten hätten, werde in der globalen Moderne unterschieden zwischen nützlichen und versicherbaren Menschen, die "es wert sind, vor den Unwägbarkeiten des Lebens geschützt zu werden", und jenen vermeintlich nutzlosen "Körpern", die nicht zu versichern und nicht zu verwalten sind. An den Grenzen entscheidet sich, welches Leben aufgegeben wird und welches nicht.

Folgt man Mbembes radikalen Diagnosen, dann gibt es derzeit keine realistischen Lösungen; was ihm, sehr vage, vorschwebt, ist eine Bürgerschaft jenseits des Nationalstaates: "Wir sollten die Vorstellung überwinden, Staatsbürger seien Körper, die mit Rechten ausgestattet sind." Denn was helfen Rechte in einem libyschen Lager? So bleibt für Mbembe nur ein schmerzhaftes Paradox. Die alten Nationalstaaten sind überfordert und stoßen buchstäblich an ihre Grenzen – und kultivieren zugleich den "Rohstoff" der Angst. Sie feiern "Sicherheit" und "Gewissheit", während sie blind dafür sind, dass der Frieden zwischen Kapitalismus und Demokratie gerade zu Ende geht – und damit die Sicherheit einer Demokratie, die für viele immer noch ein Traum ist.

Übrigens, was die Antike angeht: Oliver Marchart macht darauf aufmerksam, dass ein von der EU entwickelter Roboter zur Grenzüberwachung das Akronym Talos trägt. Talos war bei den Griechen jener bronzene Riese, der Europa beschützen und Eindringlinge abwehren sollte. Ewig lebte der mythische Wächter jedoch nicht. Medea tötete ihn.