Kommen Sie, trinken Sie!

Der schwarze Schlund steht sperrangelweit offen. Ich zögere noch, aber Irina, die Führerin auf dem Beifahrersitz, ruft: "Fahren Sie! Fahren Sie!" So gebe ich Gas und brause furchtlos hinein. Kalt, feucht und dunkel ist es im Berg. Im Licht der Scheinwerfer sehe ich Fässer, Fässer und Fässer, Tanks und Fässer, Fässer und Tanks. Wir brausen durch die Chardonnay-Gasse und über den Cabernet-Boulevard, nehmen die Abzweigung zur Pinot-Straße, dann kommt das Pullenlager. Hier liegen über zwei Millionen Flaschen, sagt Irina. "Unser Land existiert auf zwei Ebenen: oberirdisch und in den Weinkellern."

Ich habe zwar schon etliche Weinkeller besichtigt, aber mit dem Auto in einen reingefahren bin ich noch nie. Wir sind im Keller des moldawischen Guts Mileştii Mici ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt Chişinău. Das Guinness Buch der Rekorde listet ihn als den größten Weinkeller der Welt. Die ehemaligen Stollen eines Kalksteinbergwerks wurden zu einer kompletten unterirdischen Weinstadt umgebaut, so wie auch das Vorzeigeweingut Cricova, ebenfalls nur eine halbe Autostunde von Chişinău entfernt. Hier ruhen weitere eineinhalb Millionen Bouteillen auf 80 Kilometern Stollenlänge, hundert Meter unter der Erde, bei konstanten zwölf Grad. Spitzenprodukt ist ein vorzüglicher Blubberwein, flaschenvergoren nach der Champagnermethode, sechs Frauen rütteln täglich je 35.000 Pullen zurecht. Ich begutachte die Weinsammlungen von Angela Merkel und Wladimir Putin, die hier der Entkorkung harren. Woanders muss man als Gast Wein mitbringen, hier kriegt man ihn, zumindest als Staatsoberhaupt, fuderweise geschenkt – Lagerung inklusive.

Die ehemalige Sowjetrepublik Moldawien, eingeklemmt zwischen Rumänien und der Ukraine, hat die größten Weinkeller der Welt, hat Teile ihres Staatsschatzes in Wein angelegt, liegt auf demselben Breitengrad wie Burgund, ist dabei gerade mal so groß wie Nordrhein-Westfalen und produziert doch mehr Wein als sämtliche deutschen Weinanbaugebiete zusammen. Puh. Warum habe ich nie zuvor von diesem Weinrekordland gehört? Ich hätte es vielleicht ahnen können, als ich in Chişinău auf dem "Wines of Moldova Airport" landete, dem einzigen Flughafen weltweit, der mein Lieblingsgetränk im Namen führt.

Und warum wusste ich nicht mal, wie die Hauptstadt heißt? Dabei hat Chişinău doch alles, was eine Metropole braucht: Tosenden Verkehr und aufregende Sehenswürdigkeiten. Die auf dem Boulevard Stefan cel Mare flanierenden jungen Frauen sind insgesamt schöner anzusehen als die jungen Männer, und zwar mit sehr, sehr weitem Abstand. Um die Ecke, im Park Stefan cel Mare, sitzen Pärchen und streamen Filme, es gibt freies WLAN, und die Bänke haben Steckdosen für die Laptops. Der geschäftige Zentralmarkt hat Stadtteilgröße, zwischen Bergen frischer Walnüsse und unfassbar aromatischer Aprikosen verlaufe ich mich mehrfach, weil ich ständig irgendwo probieren muss. Ich werde behandelt wie ein Außerirdischer, der in guter Absicht kommt. Dabei bin ich nur Tourist. Was in der Republik Moldau, wie das Land korrekt heißt, fast das Gleiche ist. Hier freut man sich ganz unverstellt über Besuch, denn er ist selten.

Vergeblich sucht man Bettenburgen und andere Touristenghettos, Moldawien ist das Traumland für alle, die keine Touristen mögen. Für das vergangene Jahr meldet das Statistische Bundesamt der Republik knapp 17.500 eingereiste Besucher aus aller Welt – davon kamen genau 1183 aus Deutschland. So viele Deutsche landen an guten Tagen auf Mallorca pro Stunde. Damit ist Moldawien das unbeliebteste Urlaubsland Europas.

Warum das Land gar keine größeren Touristenmassen verkraften kann, zeigt sich in Chişinău schon am Eingang des Nationalmuseums für Archäologie und Geschichte: Der Eintritt kostet zwar nur schlappe 1,80 Euro, dafür muss die Kassendame aber insgesamt drei Zettel (Eintritt, Ausländerzuschlag, Fotogenehmigung) mit einer Schere aus einem Block schneiden, sämtliche Dokumente abstempeln und dann auch noch jeden der drei Entwertungsstreifen händisch abschneiden. Das dauert natürlich. Aber ich habe Zeit, Hektik passt nicht zur entspannten moldawischen Lebensart.

Die Wolken schweben so tief über das durchweg ziemlich platte Land, dass man sie fast mit den Händen berühren möchte. Es ist so ländlich, wie man es sich nur wünschen kann. In weiten Schwüngen ziehen sich Mais- und Melonenfelder bis zum Horizont, dazwischen blüht Lavendel, wächst der Wein, und immer wieder leuchten riesige, bis zum Horizont reichende Sonnenblumenfelder. Die schwarze Erde Bessarabiens ist fruchtbar und schwer. Aus ihr wachsen auch vorbildlich gepflegte mittelalterliche Klöster, manchmal in einer fruchtbaren Senke oder dramatisch auf einem Bergsporn oder über die Jahrhunderte hinweg in Muschelkalkwände getrieben. Rund um das Felsenkloster Țipova liegen Wasserfälle und unberührte Täler, in denen ein unglaubliches, nahezu infernalisches Piepen, Zirpen, Grillen und Zischen davon kündet, dass man hier Naturschutzgebiete gar nicht erst einrichten muss, weil es sie seit Jahrhunderten schon gibt.

Münzen aus Plastik gibt es nur in Transnistrien

Die Hoftore in den kleinen Dörfern sind bunt bemalt, so bunt wie die vielen Brunnenhäuschen, die überall herumstehen und daran erinnern, dass noch längst nicht jeder Dorfhaushalt fließendes Wasser hat. Dafür fließen aber die Daten. Selbst in den entlegensten Dörfern und Klöstern hat mein Handy schnelles Internet, ich sehe Ziegen hütende Jungs unter Nussbäumen sitzen, die mit ihrem Handy im 21. Jahrhundert unterwegs sind. Zum "Armenhaus Europas", wie man Moldawien oft nennt, passt das Bild nicht.

Die kleine Stadt Soroca am Ufer des Dnister gilt als Roma-Hauptstadt Südosteuropas. Auf dem "Hügel der sesshaften Zigeuner" haben Romafamilien riesige Prachtpaläste gebaut, mehrstöckige Villen mit goldenen Kuppeln und weißen Säulenvorbauten, die mal an das Capitol in Washington erinnern, mal an den Petersdom; und die meist unvollendet blieben, weil wohl irgendwann das Baugeld ausgegangen ist. Aus einer Auffahrt winkt eine Frau mit Kopftuch: Ich solle reinkommen, sie sei die "Baronin". Unter den Arkaden seines schlossähnlichen Anwesens sitzt Artur Cerari, Baron aller Roma. Sein prächtiger weißer Nikolausbart wackelt, wenn er lacht. Er wackelt oft. Der Baron gewährt mir eine Audienz, aber nur wenn ich noch mal nachschauen gehe, ob mein Auto auch gut abgeschlossen ist.

Spätestens seit 2015 der Dokumentarfilm Der Zigeunerbaron weltweit in den Programmkinos lief, genießt Cerari großen Ruhm. Er hat in Moskau studiert, spricht sechs Sprachen und setzt sich für die Belange seines Volkes ein. "Natürlich bin ich kein richtiger Baron", sagt er, während er mir seine eindrucksvolle Porzellanfigurensammlung zeigt, "ich bin nur ein Berater meines Volkes. Ich spreche auf Kongressen und mit unserer Regierung. Ich bin Rom, gegen das Wort Zigeuner habe ich nichts, der Filmtitel Der Zigeunerbaron ist in Ordnung. Ich kämpfe nicht um Begriffe, sondern um unsere völlige Anerkennung. Wir sind keine 'Anderen', wir sind die, die ihr auch seid: Menschen." Zum Abschied gibt er mir noch das Geheimnis des Lebens mit auf den Weg: "Liebe das Leben, Geld und schöne Frauen. Und wenn du keines davon hast, dann feiere ein Fest!" Ich verspreche, ihn zu meinem nächsten Fest einzuladen, schließe mein Auto auf, die Frau mit Kopftuch winkt, es wackelt der Bart.

So viel Wärme und Freundlichkeit erwarte ich in Transnistrien nicht. Vom ohnehin schon kleinen Moldawien hat sich vor einem Vierteljahrhundert ein russischsprachiger Grenzstreifen entlang des Dnister abgespaltet und einen bizarren De-facto-Staat errichtet, der bislang von keinem UN-Mitglied anerkannt wurde.

Von Chişinău fährt man nur eine Stunde, der Grenzübertritt ist problemlos, ich passiere drei Soldaten und eingegrabene Panzer – und schon bin ich in einer Art sozialistischem Freilichtmuseum mit Hammer und Sichel, mit Lenin-Statuen, Spruchbändern und heroischen Denkmälern. Während meines zehnstündigen Aufenthaltes – länger gilt das kurzfristig ausgestellte Visum nicht kommt es sogar zu einem kleinen Zwischenfall: Als ich in der Aula der Technischen Universität gerade die imposanten sozialistischen Fresken bestaune, entsteht plötzlich ein lautes Geschrei: Ein Mann, offenbar ein unbedarfter Tourist, hat die Halle in kurzen Hosen betreten. Das geht natürlich nicht! Sofort wird er von einem eigens dafür abgestellten Beschimpfungsmann nach draußen verwiesen. Absolut vorbildlich! Irgendwo muss ja auch mal Schluss sein, muss man der dekadenten westlichen Lotterlebensart auch mal die Stirn bieten! Selbst wenn ich mir die Uni jetzt von draußen anschauen muss. Was man in den Kirchen Italiens vergebens durchzusetzen versucht – hier gelingt es spielend.

Im Sheriff-Hypermarkt – Vorzeigeobjekt der nationalen transnistrischen Sheriff-Konzernkette mit Sheriff-Hotel, Sheriff-Tankstellen, Sheriff-Mobilfunknetz, Sheriff-Mercedes-Niederlassung und einem von Sepp Blatter hochgelobten Sportkomplex mit Sheriff-Fußballstadion, -Fußballhalle und -Eislaufstadion –, in diesem Megasupermarkt jedenfalls komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Wie in einem Duty-free-Shop stehen hier die Alkoholika direkt neben den Zigaretten im Regal – auch das absolut vorbildlich! Beim Bezahlen kaufe ich der Sheriff-Kassiererin zu ihrem Erstaunen auch noch sämtliche bunte Plastikmünzen ab, die sie in der Kasse hat. Münzen aus Plastik gibt es nur in Transnistrien.

Es dämmert schon, als ich zum Kloster Neu-Niamtz fahre. Der große Komplex kauert in der hinterletzten Ecke Transnistriens. Nach dem Gottesdienst zeigt mir ein junger, bärtiger Mönch, hocherfreut über touristisches Interesse, sämtliche Reliquienschätze. Als ich zum Dank ein wenig spende, fragt er mich, ob ich noch mit runterkäme: Wir könnten im Keller Cognac trinken. Nein danke, sage ich, und mache mit beiden Händen Autolenkbewegungen. Gerade will ich gehen, da kommt der Starez hinzu, der spirituelle Chef des Ladens. Noch länger als sein Bart ist die festliche Schnapsfahne, die ihn umweht. Der Starez lächelt. Sanft streichelt er meinen Ober- und dann den Unterarm. Das zuvor gespendete Geld gibt er mir wieder zurück. Davon könne ich mir doch gleich im Keller Cognac kaufen. Er sieht mir lange in die Augen. Der Mönch lächelt auch. Transnistrien und Moldawien, was wärt ihr ohne eure geheimnisvollen Keller?