Vor Beginn der WM habe ich gesagt: Deutschland schafft es ins Finale. Leider war das ein großer Irrtum. Ich habe an die Mannschaft geglaubt, aber im Wettkampf hat Leidenschaft gefehlt, es war nicht zu erkennen, dass die Spieler bereit waren, sich für dieses große Ziel zu quälen. Es hat an vielem gefehlt. Wie man an die Sache rangehen muss, haben diesmal die Franzosen gezeigt. Sie sind eine Ansammlung von Top-Stars und waren dennoch ein Team. Antoine Griezmann, Paul Pogba und Kylian Mbappé haben sich den Anweisungen ihres Trainers untergeordnet, obwohl Didier Deschamps in einigen Interviews durchblicken ließ, dass auch bei ihnen über die 50, 60 Tage, in denen sie zusammen waren, nicht alles eitel Sonnenschein gewesen ist. Deschamps ist unter anderem für seine laute und deutliche Ansprache beim Training und in der Kabine bekannt. Sein Verlangen nach Disziplin ähnelt dem von Pep Guardiola, Jürgen Klopp oder Antonio Conte. Ich glaube, dass die großen Spieler so eine harte Linie gut vertragen können.

Einer der weniger bekannten Spieler im Team der Franzosen war Benjamin Pavard. Bis jetzt! Wir kennen ihn schon lange. Ich weiß noch genau, wie er vor zwei Jahren zu uns nach Stuttgart kam. Damals war er noch ein No-Name. Ich habe mich riesig über seine Entwicklung gefreut und würde mir wünschen, dass er bei uns in Stuttgart bleibt. Die WM hat seinen Marktwert enorm gesteigert.

Joachim Löw ist ein anderer Trainertyp als Didier Deschamps. Er verlässt sich auf die Gespräche mit seinen Spielern, hört ihnen zu und nimmt sie mit. Die Fans erwarten nun gespannt das nächste Spiel der DFB-Elf in der neu geschaffenen Nations League am 6. September – ausgerechnet gegen Weltmeister Frankreich in München. Jogi Löw soll alles anders machen als bisher, so zumindest die Erwartungen. Aber die Frage ist: Was eigentlich genau? Die Meinungen gehen dabei weit auseinander.

Wer sich von der WM in Russland taktische Neuerungen erwartet hatte, wird enttäuscht sein. Standardsituationen ersetzten oft taktische Raffinesse. Noch nie waren Ecken oder Freistöße über ein ganzes Turnier betrachtet so spielentscheidend. Aber es war eine überaus spannende WM, so manche Szenen wird man nicht vergessen. Dazu zählt sicher auch der Sololauf von Mbappé im Spiel Frankreich gegen Argentinien. Ein Sprint über fast das ganze Feld, mit irrer Geschwindigkeit – die Analysten der ARD haben 38 km/h gemessen. Spieler wie Timo Werner, Kingsley Coman oder Niklas Süle sind mit ca. 35 km/h die schnellsten Spieler der Bundesliga.

Glückwunsch an Luka Modrić, dass er nach dem Endspiel zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Mir ist immer noch schwindelig, wenn ich mich an die Zeiten erinnere, als wir gegeneinander angetreten sind: Er bei Tottenham, ich spielte bei West Ham United – und kam fast nicht an den Ball. Dabei ist er gar nicht besonders schnell. Wie kaum ein anderer versteht es Modrić, den Ball zu behaupten.

Er beschäftigt sich dabei wenig mit dem Gegner. Kein Reißen, kein Grätschen, kein Ziehen am Trikot, für ein Foul ist er nicht zuständig. Damals habe ich manchmal den Schlusspfiff herbeigesehnt, damit das Treiben ein Ende hatte.