Die sogenannten neuen Rechten, konnte man in den vergangenen Monaten immer wieder lesen, seien die 68er von heute: Rebellen wider den bürgerlichen "Mainstream", mutige "Andersdenkende", die eine "Alternative" bieten, das Establishment herausfordern und mit einer Art Free Speech Movement gegen das diktatorische Regime der "Political Correctness" aufbegehren. Manch neuer Rechter sieht es selbst so.

Kurios: Ausgerechnet jene, die im historischen 68 einen Akt der "Volkszerstörung" erblicken, buhlen ein halbes Jahrhundert danach in Rebellenpose um die Anerkennung der "linksgrünversifften" Republik. Dabei könnten diese angeblich "wahren Erben" von 1968, wie sie im Spiegel kürzlich genannt wurden, dem 68er-Erbe nicht ferner stehen.

Über Inhalte muss man nicht erst sprechen: Dort eine antiautoritäre Revolte, hier eine autoritäre, dort weltweite Solidaritätsbekundungen, hier nationale Beschränktheit. Und während die historischen 68er die westlichen Freiheitsideale gegen eine US-Politik verteidigten, die diese Ideale mit Füßen trat, betreiben die "rechten 68er" von heute das genaue Gegenteil.

Bedienen sie sich dazu derselben Formen? Auch davon kann kaum die Rede sein. Kein Mittel bleibt seinen Zwecken gänzlich äußerlich. Die 68er machten sich für ihren Protest gegen die verpanzerte Nachkriegsgesellschaften buchstäblich nackt, während die heutige Rechte der alten Kleiderordnung das Wort redet. Die 68er provozierten, indem sie die revolutionäre Kraft von peace and love feierten, die neue Rechte provoziert mit Hate-Speech.

Gewiss, einige Alt-68er haben die Seite gewechselt. Horst Mahler. Oder Bernd Rabehl, einst Rudi Dutschkes Kompagnon, der den studentischen Protest im Nachhinein als Keim einer "nationalrevolutionären" Erhebung deutet. Die These von den rechten 68er-Erben allerdings macht solcher Unsinn nicht richtiger.

Richtig und weithin vergessen ist, dass es schon vor 50 Jahren eine Art rechtes Anti-68 gab, dessen Anhänger sich als verfolgte "politische Nonkonformisten" gerierten – so hieß es seinerzeit im Deutschen Studenten-Anzeiger, dem Zentralorgan der rechtsgerichteten Studentenschaft , Auflage: mehr als 40.000 Exemplare. Über Bildungsgerechtigkeit wollte das Blatt aus dem Blickwinkel der Humangenetik diskutieren, die protestierenden Studenten diffamierte es wahlweise als Handlanger Moskaus und Ost-Berlins oder beschimpfte sie als "jazz-, sex- und reklameverzehrenden Narrenhaufen". (Nachzulesen in Fabian Virchows Aufsatz "Brecht den roten Uni-Terror!" – '1968' im Visier der extremem Rechten, der demnächst in einem Sammelband des Springer Wissenschaftsverlags erscheinen wird.)

Nicht zuletzt forderte der Anzeiger seine Leser dazu auf, jene "Alternativpartei" zu wählen, die seit ihrer Gründung 1964 schon so viel "gesunde Unruhe" hervorgerufen habe: die NPD, die Mitte 1968 bereits in sieben Landtagen eingezogen war, mit Wahlergebnissen von bis zu 9,8 Prozent. In einer "ungeheuren Kraftanstrengung" wollte diese Alternative für Deutschland "unser Volk" wieder zu einer "Schicksalsgemeinschaft" schmieden. Wie man es auch dreht und wendet: Wenn unsere neuen Rechtsrandrevoluzzer und Jüngerjünger hier jemandes Erben sind, dann nicht die der 68er, sondern die der Anti-68er von damals.