Unsere Leerstelle

Wieso hat der Osten nicht auf diesen Prozess geblickt, wie er es hätte tun sollen? Oder anders gefragt: Warum ist der NSU-Prozess, der in der vorigen Woche zu Ende ging, kaum je aus ostdeutscher Perspektive betrachtet worden, sodass es nun zu spät ist? Weil der Osten nicht wollte, oder weil der Osten nicht konnte – oder beides?

Natürlich, man kennt die Grundlagen; weiß, dass das NSU-Trio aus Thüringen stammte, dort abtauchte, jahrelang in Zwickau lebte. Man weiß, dass Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und die nun zu lebenslanger Haft verurteilte Beate Zschäpe Jugendliche waren in der Zeit, in der die Mauer fiel; dass also etwas Ostdeutsches an ihren Biografien sein muss. Aber dass sich der Osten wirklich gefragt hätte, was der NSU mit ihm zu tun hat? Dass ostdeutsche Journalisten den Prozess regelmäßig, aus ihrer Perspektive, betrachtet hätten? Dass es eine inner-ostdeutsche Debatte über das Verfahren gegeben hätte? Wieso hat der Osten den NSU-Prozess aus dem Blick verloren, wo er ihn selbst doch so unmittelbar betrifft?

Es ist offenkundig, dass jenseits der juristischen Betrachtung vieles an Aufarbeitung versäumt wurde. Dass auch wir manches versäumt haben.

Ich begann also in den Tagen der Urteilsverkündung gegen Beate Zschäpe, mich durch die schier unzähligen Zeitungsartikel der vergangenen fünf Jahre zu lesen. Im Mai 2013 hatte die Hauptverhandlung vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichtes München begonnen. Am Anfang war das Medieninteresse an dem Prozess so groß gewesen, dass die Plätze im Gerichtssaal per Losentscheid vergeben werden mussten. Noch einmal trat mir, auf meiner Archivsuche, die ungeheuerliche Grausamkeit und auch Monstrosität der Taten von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe vor Augen. Noch einmal holten mich die Emotionen ein, die ich schon damals gefühlt hatte – als das rechtsradikale Trio im November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach aufgeflogen war: Zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle hatten sie zwischen den Jahren 1998 und 2011 begangen. Damals war unser aller Entsetzen riesig gewesen.

Ich konnte, jetzt, nicht aufhören, in den alten Artikeln zu lesen. Wie Ismael Yozgat, der Vater von Halit Yozgat, im Herbst 2013 von seinem Stuhl aufgestanden ist, sich in die Mitte des Gerichtssaals gestellt und vor der ungerührt wirkenden Beate Zschäpe noch einmal – ja, wirklich – vorgeführt hat, in welcher Lage er am 6. April 2006 seinen Sohn hinter dem Tresen seines Internetcafés fand. Wie er ihn, dem man in den Kopf geschossen hatte, hielt. Und wie er in seinen Armen verblutete. Ismael Yozgat hatte am nächsten Tag Geburtstag, er war mit seiner Frau nur schnell ein Geschenk kaufen gegangen, sein Sohn hatte ihn im Laden vertreten. Halit Yozgat wurde 21 Jahre alt. "Warum haben Sie mein Lämmchen getötet?", wollte er von Beate Zschäpe wissen. Seine Geschichte ist nur eine von sehr vielen Leidensgeschichten aus den Familien der Hinterbliebenen. Und nicht nur den Hinterbliebenen fehlt eine Antwort auf eine drängende Frage: Wie, warum, wurden die Täter zu diesen Tätern?

Die Berliner Journalistin Sabine Rennefanz schreibt in ihrem 2013 erschienenen Buch Eisenkinder gleich auf der zweiten Seite: "Ich begann, alles über Uwe Mundlos zu lesen, was es gab. Doch das, was mich interessierte, stand nirgendwo. Wie wurde er zum Nazi? Was hat ihn zum Mörder gemacht – die DDR oder die Nachwendezeit?"

Das ist die Frage. Ich habe mir, ebenfalls in den vergangenen Tagen, noch einmal den ersten Teil der ARD-Trilogie über den NSU angeschaut. Er widmet sich den Tätern, heißt Heute ist nicht alle Tage und entstand in der Regie von Christian Schwochow. Schwochow, 1978 auf Rügen geboren, hat dafür den Deutschen Filmpreis, den Bayerischen Filmpreis und den Grimme-Preis gewonnen. Sein Film setzt im Jahr 1990 ein. Und zeigt, wie sich jene Umbruchsjahre in die Leben der späteren Terroristen eingebrannt haben. Bereits in dieser Zeit finden die drei in einer rechtsradikalen Gemeinschaft zusammen, aus der später der sogenannte Thüringer Heimatschutz entstehen wird – die wichtigste rechtsradikale Vereinigung Thüringens, vielleicht der fünf neuen Länder.

"Der Prozess ist aus westdeutscher Perspektive beschrieben worden"

Spätestens mit diesem Film hat für mich doch, ohne dass ich das so richtig bemerkt hatte, eine Zeitreise begonnen. Es ist erstaunlich, aber in all den Jahren des Prozesses hatte ich diese Geschichte beinahe vergessen. In all den Jahren des Prozesses habe ich mich nicht mehr wirklich mit dem NSU beschäftigt. Unbegreiflich, unverständlich. Aber nicht nur mir schien es so gegangen zu sein. Unter all den Zeitungsartikeln habe ich kaum einen gefunden, der mir das, was dort im Gerichtssaal passiert ist, ins "ostdeutsche Idiom" übersetzt hätte, wie der Soziologe Wolfgang Engler es einmal bezeichnet hat. Obwohl Annette Ramelsberger, die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung, die den Prozess so intensiv und kundig wie wenige andere all die Jahre beobachtet und begleitet hat, gegenüber dem Medienmagazin Zapp gerade noch einmal gesagt hatte: "Der Prozess ist eine Tiefenbohrung in die deutsche Gesellschaft. Der Blick in den Abgrund. So klar und so eindeutig, wie Sie ihn sonst nirgendwo kriegen. Sie kriegen ein Panoptikum der deutschen Nachwendezeit mit allen Verwerfungen und allen Fehlern."

Das musste eine Journalistin aus Bayern erkennen. Warum aber hat kein ostdeutscher Journalist oder Beobachter, als explizit ostdeutscher Beobachter, an dem Prozess teilgenommen? Es gab ostdeutsche Journalisten im Gerichtssaal, natürlich. Aber es gibt wenige Texte, die das, was sich im Gerichtssaal ereignete, in die ostdeutsche Gesellschaft zurückspiegelten – dabei ist es diese Gesellschaft, die jene dort verhandelten Fragen doch unmittelbar betreffen sollten.

"Der Prozess ist aus westdeutscher Perspektive beschrieben worden", sagt auch der Dresdner FAZ-Korrespondent Stefan Locke, ein Ostdeutscher. Doch warum? Niemandem ist hierfür die alleinige Schuld zu geben, im Gegenteil, sie verteilt sich eigentlich auf alle Schultern. Auf unsere.

Christian Schwochow hat recht, wenn er am Telefon zu mir sagt: "Wir stellen uns der Sache zu wenig. Im Osten passiert zu wenig. Ich bin einfach immer wieder sauer." Er ist ein Ostdeutscher, der sich im Laufe des Prozesses intensiv mit dem NSU beschäftigt hat. Er hatte mit der ARD einen Sender gefunden, der innerhalb der Film-Trilogie eine starke ostdeutsche Perspektive vertreten haben wollte. Der Regisseur des zweiten Teils – der sich den Opfern widmet – war Züli Aladag. Er wurde in der Türkei geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland.

Eine derart plurale Perspektive, also dezidiert ostdeutsch und migrantisch, hat es in den Medien ansonsten kaum gegeben. Hat niemand den Ostdeutschen ein irgendwie geartetes eigenes Erkenntnisinteresse zugestanden? Oder haben wir Ostdeutschen nicht darauf bestanden?

Ich frage Sabine Rennefanz, die Journalistin, sie sagt: "Ich bin mir sicher, dass es im Laufe des Prozesses immer wieder Momente, Szenen, Gesten und Geschichten gegeben hat, die uns Erkenntnisse über die Nachwendezeit gebracht haben. Aber es war niemand im Saal, der sie hätte lesen können." Und sie fügt an: "Es hat mich gerade in den vergangenen Tagen, nachdem das Urteil gefällt wurde, noch einmal sehr frustriert, mich damit nicht näher befasst zu haben." Sabine Rennefanz hat in der Zeit des NSU-Prozesses Kinder bekommen und ein Buch geschrieben, sie hatte einfach keine Zeit, dieses Verfahren genau zu beobachten, aber im Grunde ging es ihr offenbar genauso wie mir. Wir schauen zurück und bemerken erst jetzt, zu spät, dass wir etwas Wichtiges verpasst haben. "Es sind zu wenige, die das, was im Gerichtssaal passiert ist, ins Ostdeutsche übersetzen können", sagt auch Christian Schwochow.

Das ist die Verantwortung der ostdeutschen Beobachter.

Es gibt ein gesamtdeutsches Interesse, den Osten zu verstehen

Aber der Westen hat sich den Prozess auch einverleibt, oder sagen wir: Der Prozess wurde vom Osten abgetrennt, schon weil er in München stattfand. München ist, von Zwickau aus betrachtet, schlicht eine andere Welt. Die bayerische Landeshauptstadt war als Ort deshalb gewählt worden, weil fünf der zehn Morde in Bayern verübt worden sind. Eine juristische Entscheidung, sicherlich sinnvoll, gesellschaftspolitisch jedoch hat sie eben zu einer örtlichen Verzerrung und wohl auch Verfremdung geführt. Der Prozess selbst ist dem Osten aus dem Sichtfeld geglitten, und vielleicht war es dem Osten ganz recht. Eine juristische Aufarbeitung kann einem selbst das Gefühl geben, dass es gesellschaftlich gar nicht mehr so viel aufzuarbeiten gäbe. Auch wenn Christian Schwochow sagt: "Ich glaube, München als große Bühne war eine gute Entscheidung. Hätte die Süddeutsche Zeitung wirklich so anhaltend berichtet, wenn der Prozess irgendwo im Osten stattgefunden hätte? Ich bezweifle das. Dann wären die Ostdeutschen wieder unter sich gewesen."

Medial betrachtet sind die fünf neuen Länder tatsächlich ein marginalisierter Raum. Für diesen aber auch politisch marginalisierten Raum wäre es hilfreich gewesen, wenn der Prozess hier stattgefunden hätte. Wie ein übergroßer Spiegel in die eigene Geschichte hätte er gewirkt, wie eine Wunde, mit der man sich viel stärker hätte konfrontieren müssen. München war ein Ort, dem man im Osten aus dem Weg gehen kann: Eine Art behördliche Befassung mit dem NSU in einer fernen Stadt. München hat es dem Osten leicht gemacht, sich um den NSU-Prozess zu drücken.

So bleibt der Prozess eine Leerstelle in der Betrachtung des Ostens. So wie der Ort, an dem einst das Wohnhaus des NSU-Trios stand, nach dessen Abriss eine Leerstelle in der Stadt Zwickau geblieben ist.

Vielleicht aber gibt es noch einen weiteren, grundsätzlichen Denkfehler.

Denn eine andere Sache ist mir, als ich die Texte über den NSU noch einmal gelesen habe, aufgefallen: Wir Ostdeutschen haben das unbegreifliche Geschehen sehr eng an unseren eigenen Biografien entlang erzählt. Unser Impuls war, dass die Taten des NSU in seiner Brutalität zwar verstörend gewesen sind. Dass sie den Verwerfungen und höchsteigenen Radikalitäten der Nachwendejahre auf eine grausame Art jedoch auch entsprachen.

Ich selbst schrieb 2011 einen Text, der sinngemäß sagte: Das hätte ich auch sein können. Ich erinnerte darin an jene uns oftmals beinahe rechtsfrei erschienene Zeit der Neunzigerjahre, in der viele Mitschüler sich radikalisierten, Springerstiefel trugen, links oder rechts wurden, nächtliche Überfälle beinahe an der Tagesordnung waren. Sabine Rennefanz bekam für ihren Text Uwe Mundlos und ich den Theodor-Wolff-Preis; sie erzählt darin, wie sie zeitgleich mit dem Trio selbst Teil einer christlichen Sekte wurde, sich also ebenfalls radikalisierte, um, ja, um vielleicht Halt in irgendetwas zu finden. Andrea Hanna Hünniger, 1984 in Weimar geboren, war einmal im Münchner Gerichtssaal, als die Eltern der Terroristen geladen waren, sie schrieb darüber in der ZEIT: "Wenn ich die Mütter der Täter auf dem Zeugenstuhl sehe, schaue ich in das Gesicht sehr vieler Mütter, die ich kenne, ich schaue auch in das abgekämpfte Gesicht meiner Mutter." Und auch Christian Schwochow hat mir erzählt, dass es ihm wichtig gewesen sei, die rechtsradikale Clique in seinem Film so zu erzählen, als seien es seine Klassenkameraden gewesen. "Wir müssen den Leuten die ostdeutsche Perspektive immer wieder an unseren eigenen Biografien entlang erzählen, dann hören sie auch zu", sagt er.

Müssen wir uns deshalb vorwerfen, dass wir an den eigentlichen Prozessverlauf im Zweifelsfall gar keine Fragen mehr hatten? Dachten wir, wir wüssten schon alles? Ja, auch das müssen wir uns eingestehen: Die Entdeckung im November des Jahres 2011 war zwar ein riesiger Schockmoment, der wahrscheinlich größte in der nun fast 30 Jahre währenden Nachwendegeschichte – als eine wirklich dauerhafte Zäsur haben wir Ostdeutschen ihn damals jedoch nicht begriffen. Erst seit es Pegida gibt, erst seit die AfD mit vielen ostdeutschen Stimmen in den Bundestag eingezogen ist, hat sich die Berichterstattung über den Osten verändert, ist sie breiter und im Ton kundiger und sachlicher geworden. Und wir ostdeutschen Journalisten sind, so ist es jedenfalls mein Eindruck, selbstbewusster geworden. Auch weil es nun ein gesamtdeutsches Erkenntnisinteresse gibt, diesen Osten zu verstehen.

Jene als Einzeltäter erscheinenden NSU-Terroristen haben es nicht bewirkt, wirklich eine Debatte über die Probleme des Ostens, auch seinen Rechtsextremismus, beginnen zu lassen. Auch das ist eine, wenngleich beinahe zynische, Einsicht. Aus der nur zu schlussfolgern ist, dass uns ein derartiges Versäumnis – also eine ostdeutsche Perspektive einzufordern, auf einem auch genuin ostdeutschen Erkenntnisinteresse zu beharren – bei einem so wichtigen historischen Ereignis nicht noch einmal passieren sollte.