Spätestens mit diesem Film hat für mich doch, ohne dass ich das so richtig bemerkt hatte, eine Zeitreise begonnen. Es ist erstaunlich, aber in all den Jahren des Prozesses hatte ich diese Geschichte beinahe vergessen. In all den Jahren des Prozesses habe ich mich nicht mehr wirklich mit dem NSU beschäftigt. Unbegreiflich, unverständlich. Aber nicht nur mir schien es so gegangen zu sein. Unter all den Zeitungsartikeln habe ich kaum einen gefunden, der mir das, was dort im Gerichtssaal passiert ist, ins "ostdeutsche Idiom" übersetzt hätte, wie der Soziologe Wolfgang Engler es einmal bezeichnet hat. Obwohl Annette Ramelsberger, die Gerichtsreporterin der Süddeutschen Zeitung, die den Prozess so intensiv und kundig wie wenige andere all die Jahre beobachtet und begleitet hat, gegenüber dem Medienmagazin Zapp gerade noch einmal gesagt hatte: "Der Prozess ist eine Tiefenbohrung in die deutsche Gesellschaft. Der Blick in den Abgrund. So klar und so eindeutig, wie Sie ihn sonst nirgendwo kriegen. Sie kriegen ein Panoptikum der deutschen Nachwendezeit mit allen Verwerfungen und allen Fehlern."

Das musste eine Journalistin aus Bayern erkennen. Warum aber hat kein ostdeutscher Journalist oder Beobachter, als explizit ostdeutscher Beobachter, an dem Prozess teilgenommen? Es gab ostdeutsche Journalisten im Gerichtssaal, natürlich. Aber es gibt wenige Texte, die das, was sich im Gerichtssaal ereignete, in die ostdeutsche Gesellschaft zurückspiegelten – dabei ist es diese Gesellschaft, die jene dort verhandelten Fragen doch unmittelbar betreffen sollten.

"Der Prozess ist aus westdeutscher Perspektive beschrieben worden", sagt auch der Dresdner FAZ-Korrespondent Stefan Locke, ein Ostdeutscher. Doch warum? Niemandem ist hierfür die alleinige Schuld zu geben, im Gegenteil, sie verteilt sich eigentlich auf alle Schultern. Auf unsere.

Christian Schwochow hat recht, wenn er am Telefon zu mir sagt: "Wir stellen uns der Sache zu wenig. Im Osten passiert zu wenig. Ich bin einfach immer wieder sauer." Er ist ein Ostdeutscher, der sich im Laufe des Prozesses intensiv mit dem NSU beschäftigt hat. Er hatte mit der ARD einen Sender gefunden, der innerhalb der Film-Trilogie eine starke ostdeutsche Perspektive vertreten haben wollte. Der Regisseur des zweiten Teils – der sich den Opfern widmet – war Züli Aladag. Er wurde in der Türkei geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland.

Eine derart plurale Perspektive, also dezidiert ostdeutsch und migrantisch, hat es in den Medien ansonsten kaum gegeben. Hat niemand den Ostdeutschen ein irgendwie geartetes eigenes Erkenntnisinteresse zugestanden? Oder haben wir Ostdeutschen nicht darauf bestanden?

Ich frage Sabine Rennefanz, die Journalistin, sie sagt: "Ich bin mir sicher, dass es im Laufe des Prozesses immer wieder Momente, Szenen, Gesten und Geschichten gegeben hat, die uns Erkenntnisse über die Nachwendezeit gebracht haben. Aber es war niemand im Saal, der sie hätte lesen können." Und sie fügt an: "Es hat mich gerade in den vergangenen Tagen, nachdem das Urteil gefällt wurde, noch einmal sehr frustriert, mich damit nicht näher befasst zu haben." Sabine Rennefanz hat in der Zeit des NSU-Prozesses Kinder bekommen und ein Buch geschrieben, sie hatte einfach keine Zeit, dieses Verfahren genau zu beobachten, aber im Grunde ging es ihr offenbar genauso wie mir. Wir schauen zurück und bemerken erst jetzt, zu spät, dass wir etwas Wichtiges verpasst haben. "Es sind zu wenige, die das, was im Gerichtssaal passiert ist, ins Ostdeutsche übersetzen können", sagt auch Christian Schwochow.

Das ist die Verantwortung der ostdeutschen Beobachter.