Aber der Westen hat sich den Prozess auch einverleibt, oder sagen wir: Der Prozess wurde vom Osten abgetrennt, schon weil er in München stattfand. München ist, von Zwickau aus betrachtet, schlicht eine andere Welt. Die bayerische Landeshauptstadt war als Ort deshalb gewählt worden, weil fünf der zehn Morde in Bayern verübt worden sind. Eine juristische Entscheidung, sicherlich sinnvoll, gesellschaftspolitisch jedoch hat sie eben zu einer örtlichen Verzerrung und wohl auch Verfremdung geführt. Der Prozess selbst ist dem Osten aus dem Sichtfeld geglitten, und vielleicht war es dem Osten ganz recht. Eine juristische Aufarbeitung kann einem selbst das Gefühl geben, dass es gesellschaftlich gar nicht mehr so viel aufzuarbeiten gäbe. Auch wenn Christian Schwochow sagt: "Ich glaube, München als große Bühne war eine gute Entscheidung. Hätte die Süddeutsche Zeitung wirklich so anhaltend berichtet, wenn der Prozess irgendwo im Osten stattgefunden hätte? Ich bezweifle das. Dann wären die Ostdeutschen wieder unter sich gewesen."

Medial betrachtet sind die fünf neuen Länder tatsächlich ein marginalisierter Raum. Für diesen aber auch politisch marginalisierten Raum wäre es hilfreich gewesen, wenn der Prozess hier stattgefunden hätte. Wie ein übergroßer Spiegel in die eigene Geschichte hätte er gewirkt, wie eine Wunde, mit der man sich viel stärker hätte konfrontieren müssen. München war ein Ort, dem man im Osten aus dem Weg gehen kann: Eine Art behördliche Befassung mit dem NSU in einer fernen Stadt. München hat es dem Osten leicht gemacht, sich um den NSU-Prozess zu drücken.

So bleibt der Prozess eine Leerstelle in der Betrachtung des Ostens. So wie der Ort, an dem einst das Wohnhaus des NSU-Trios stand, nach dessen Abriss eine Leerstelle in der Stadt Zwickau geblieben ist.

Vielleicht aber gibt es noch einen weiteren, grundsätzlichen Denkfehler.

Denn eine andere Sache ist mir, als ich die Texte über den NSU noch einmal gelesen habe, aufgefallen: Wir Ostdeutschen haben das unbegreifliche Geschehen sehr eng an unseren eigenen Biografien entlang erzählt. Unser Impuls war, dass die Taten des NSU in seiner Brutalität zwar verstörend gewesen sind. Dass sie den Verwerfungen und höchsteigenen Radikalitäten der Nachwendejahre auf eine grausame Art jedoch auch entsprachen.

Ich selbst schrieb 2011 einen Text, der sinngemäß sagte: Das hätte ich auch sein können. Ich erinnerte darin an jene uns oftmals beinahe rechtsfrei erschienene Zeit der Neunzigerjahre, in der viele Mitschüler sich radikalisierten, Springerstiefel trugen, links oder rechts wurden, nächtliche Überfälle beinahe an der Tagesordnung waren. Sabine Rennefanz bekam für ihren Text Uwe Mundlos und ich den Theodor-Wolff-Preis; sie erzählt darin, wie sie zeitgleich mit dem Trio selbst Teil einer christlichen Sekte wurde, sich also ebenfalls radikalisierte, um, ja, um vielleicht Halt in irgendetwas zu finden. Andrea Hanna Hünniger, 1984 in Weimar geboren, war einmal im Münchner Gerichtssaal, als die Eltern der Terroristen geladen waren, sie schrieb darüber in der ZEIT: "Wenn ich die Mütter der Täter auf dem Zeugenstuhl sehe, schaue ich in das Gesicht sehr vieler Mütter, die ich kenne, ich schaue auch in das abgekämpfte Gesicht meiner Mutter." Und auch Christian Schwochow hat mir erzählt, dass es ihm wichtig gewesen sei, die rechtsradikale Clique in seinem Film so zu erzählen, als seien es seine Klassenkameraden gewesen. "Wir müssen den Leuten die ostdeutsche Perspektive immer wieder an unseren eigenen Biografien entlang erzählen, dann hören sie auch zu", sagt er.

Müssen wir uns deshalb vorwerfen, dass wir an den eigentlichen Prozessverlauf im Zweifelsfall gar keine Fragen mehr hatten? Dachten wir, wir wüssten schon alles? Ja, auch das müssen wir uns eingestehen: Die Entdeckung im November des Jahres 2011 war zwar ein riesiger Schockmoment, der wahrscheinlich größte in der nun fast 30 Jahre währenden Nachwendegeschichte – als eine wirklich dauerhafte Zäsur haben wir Ostdeutschen ihn damals jedoch nicht begriffen. Erst seit es Pegida gibt, erst seit die AfD mit vielen ostdeutschen Stimmen in den Bundestag eingezogen ist, hat sich die Berichterstattung über den Osten verändert, ist sie breiter und im Ton kundiger und sachlicher geworden. Und wir ostdeutschen Journalisten sind, so ist es jedenfalls mein Eindruck, selbstbewusster geworden. Auch weil es nun ein gesamtdeutsches Erkenntnisinteresse gibt, diesen Osten zu verstehen.

Jene als Einzeltäter erscheinenden NSU-Terroristen haben es nicht bewirkt, wirklich eine Debatte über die Probleme des Ostens, auch seinen Rechtsextremismus, beginnen zu lassen. Auch das ist eine, wenngleich beinahe zynische, Einsicht. Aus der nur zu schlussfolgern ist, dass uns ein derartiges Versäumnis – also eine ostdeutsche Perspektive einzufordern, auf einem auch genuin ostdeutschen Erkenntnisinteresse zu beharren – bei einem so wichtigen historischen Ereignis nicht noch einmal passieren sollte.