Jede Geschichte beginnt mit einer Erwartung. Auch die vom Plastiktrinkhalm. Als Wegwerfprodukt soll er bald verboten werden. Die Leute, die mit solchen Artikeln ihr Geld verdienen, werden dagegen sicherlich Sturm laufen. Das ist die Erwartung. Bis man Dominik Wagner anruft.

Wagner ist der Inhaber von Trinkhalme.de, einer mittelständischen Firma mit Sitz im bayerischen Raubling. Jedes Jahr verkauft er Einweghalme aus Kunststoff "im dreistelligen Millionenbereich". Doch er ahnte, dass es nicht immer so bleiben würde. "Uns war klar, dass der Markt irgendwann kippt", sagt Wagner. Und dann folgt der erstaunliche Satz: "Ich finde ein Verbot nicht schlecht."

Was wir machen, sei einfach ein Wahnsinn, sagt Wagner. "Diese Riesenmengen Plastikmüll, die wir produzieren." Mit "wir" meint er uns alle. Schon 2012 gründete Wagner eine zweite Firma, die Trinkhalme aus anderen Materialien anbietet, aus Papier oder Stroh. Und auch aus Kunststoffen, die biologisch abbaubar sind. "Alle großen Hersteller sind längst mit Bioprodukten gerüstet", sagt Wagner. Die Industrie habe immer ökologische Lösungen in der Hinterhand. Aber sie müsse dazu gezwungen werden.

Und der Zwang kommt aus Brüssel.

Auf den ersten Blick ist es bemerkenswert, dass die EU-Kommission nun diesen Schritt wagt: Sie wendet sich gegen das Einwegplastik. Jahrelang galten Verbote in Brüssel als Teufelswerk – zu schlecht war das Image dieser Bürokratie und ihrer Regelwut. Auch jetzt meldeten sich sogleich die ersten Politiker, die den Vorstoß abwegig finden. "Statt sich nur um Strohhalmverbote zu kümmern, muss es um die wahre Existenzfrage Europas gehen", findet Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und meint damit die Flüchtlinge. Man muss allerdings sehr absichtsvoll wegschauen, um im Plastikmüll keine Existenzfrage zu sehen. Bis zu 12,7 Millionen Tonnen gelangen laut WWF jährlich in die Weltmeere. Das entspricht etwa einer Lkw-Ladung pro Minute. Wenn nicht bald etwas geschieht, schwimmt in 35 Jahren mehr Plastik im Meer als Fische.

Die Bilder von der blutenden Meeresschildkröte mit Plastikhalm im Nasenloch oder von Walmägen voller Kunststoffmüll kennen inzwischen viele. Auch aufgrund solcher Bilder sagen laut Umfragen über 90 Prozent der Europäer, dass die Plastikflut eingedämmt werden soll. Ende Mai stellte die EU-Kommission eine konkrete Maßnahme vor: Ihre neue Richtlinie geht jene zehn Kunststoffprodukte an, die europäische Strände am schlimmsten vermüllen, darunter der Trinkhalm. Außer ihm sollen Einweggeschirr, Rührstäbchen und Luftballonhalter verboten werden. Den Verbrauch von Lebensmittelverpackungen und Getränkebehältern sollen die EU-Länder "signifikant" reduzieren, bei Tüten oder Flaschen soll "Bewusstseinsbildung" stattfinden.

Aber die Richtlinie ist noch lange nicht Gesetz. Das EU-Parlament muss zustimmen und auch der Rat, in diesem Fall die 28 Umweltminister der EU. Die Kommission will einen schnellen Erfolg: Schon vor der nächsten Parlamentswahl im Mai 2019 soll die Richtlinie verabschiedet sein. Für EU-Verhältnisse grenzt das an Überschallgeschwindigkeit. Es ist jedoch mehr als genug Zeit, um den Vorschlag noch auszubremsen. Alle großen Kunststoffverbände haben Abgesandte in Brüssel, wo die Schlacht um das Einwegplastik in den nächsten Monaten entschieden wird. Die Frage ist, ob es in der Industrie genug Menschen wie Dominik Wagner gibt. Ob am Ende tatsächlich das Verbot kommt. Und was das wirklich bringt.