Die Kolonisierung Afrikas ist das dunkle Kindheitstrauma Europas. Jahrhundertelang raubte, kaufte und entführte es Menschen, Rohstoffe und Kunstwerke. 30 Millionen Afrikaner wurden verschleppt. 95 Prozent der afrikanischen Kunst befindet sich aktuell in den Museen der europäischen Hauptstädte. Im British Museum lagern 200.000, im Musée Royal de l’Afrique Centrale in Tervuren bei Brüssel 180.000, im Musée du quai Branly in Paris 70.000 und in den Berliner Museen 75.000 afrikanische Objekte in Vitrinen und Depots. Wenn die Nachkommen der Kolonialmächte deswegen ein schlechtes Gewissen hatten, behielten sie es lange Zeit für sich. In Brüssel steht bis heute ein kolossales Reiterstandbild des belgischen Königs Leopold II, der Millionen Menschenleben auf dem Gewissen hat. In Berlin soll eine königliche Schlossattrappe demnächst unter anderem mit afrikanischer Kunst befüllt werden, von der niemand sagen kann, unter welchen unrühmlichen Bedingungen sie zum Preußischen Kulturbesitz wurde.

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, Professorin an der Technischen Universität Berlin und am Pariser Collège de France, Spezialistin für die Verlagerung von Kulturgütern seit der Antike und seit fünfundzwanzig Jahren in Berlin zu Hause, hat den Expertenrat des Humboldtforums deswegen 2017 unter Protest verlassen. Man könne, fand sie, kein Museum mehr eröffnen, das über die Herkunft seiner außereuropäischen Sammlungen keine Auskunft gibt. Das sei eine Frage des Respekts sowohl denjenigen gegenüber, denen man die Sachen weggenommen habe, als auch dem europäischen Publikum gegenüber, das oft ahnungslos ins Museum geht.

Das Unbehagen, außereuropäische Kunst ungeklärter Herkunft hinter nachgebauten Herrscherkulissen zu zeigen, wird seither so laut, dass es Anzeichen eines politischen Erwachens gibt. Der deutsche Museumsbund hat inzwischen einen "Leitfaden" zum Umgang mit afrikanischer Kunst erstellt. Der Koalitionsvertrag kündigt einen "Schwerpunkt" für die "Aufarbeitung der Provenienzen von Kulturgut aus kolonialem Erbe in Museen und Sammlungen" an. Man will jetzt doch herausfinden, wo die afrikanischen Objekte eigentlich herkommen. Da man sich in Deutschland darum in der Vergangenheit nie besonders viele Sorgen gemacht hat, wird das wohl noch ein bisschen dauern.

Anders in Frankreich. Hier will man zügig zurückgeben, was einem zwar juristisch, aber nicht moralisch zusteht. Präsident Macron verkündete diese Neuigkeit im vergangenen November vor Studenten in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Und er beauftragte Bénédicte Savoy und den senegalesischen Ökonomen und Autor Felwine Sarr damit, innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen zu erkunden, unter denen Frankreich die afrikanische Kunst "zeitweilig oder endgültig" zurückgeben könnte.

Seither reisen die beiden zwischen Paris, Dakar und Bamako hin und her und diskutieren mit Regierungsvertretern, Museumsdirektoren, Sammlern, Kuratoren, Juristen und Aktivisten. Kurz bevor sie am Sonntag nach Douala in Kamerun gereist sind, treffen wir uns im Büro von Bénédicte Savoy im Pariser Collège de France in der Rue des Écoles. Über die üblichen Einwände gegen die Restitution der afrikanischen Kunstwerke, die in den Besitzerländern vorgetragen werden – es sei nicht alles nur geklaut, es habe zum Teil Kaufverträge gegeben, es fehle eine Rechtsgrundlage, es gebe in Afrika keine geeigneten Museen, die Rückgabe beende die Auseinandersetzung mit der afroeuropäischen Kulturgeschichte – , wollen die beiden nicht mehr allzu viel reden. Erstens wurde manch ein Kaufvertrag im Zeichen eines unfreien, ungleichen Verhältnisses getätigt. Zweitens werde das französische Parlament die Rechtsgrundlage ändern. Drittens gebe es in Dakar, in Bamako und anderswo gute Museen. Viertens greife die Vorstellung, dass man die Objekte nur in Museen zeigen könne, zu kurz. Fünftens sei die Sache nun mal beschlossen. Jetzt ginge es nur noch darum, wie man das macht. Konkret: Wie man Objekte, an die sich in Afrika meistens niemand mehr erinnert und die zur Zeit ihres Verschwindens Gebrauchs- oder Kultgegenstände waren, dort über hundert Jahre später wieder ansiedelt.

Es ist eine historische Aufgabe ungeheurer Tragweite. Liest man Berichte von den Raubzügen der französischen Ethnologen wie das Tagebuch Phantom Afrika, das der Pariser Autor und Museumsangestellte Michel Leiris auf der Expedition von Dakar nach Djibouti zu Beginn der 1930er Jahre führte, erfährt man, wie französische Forscher Gräber geplündert, Einwohner erpresst und Fetische aus heiligen Stätten gestohlen haben, die niemals für ein Pariser Museum gedacht waren. "Von Felsen zu Felsen, von Höhle zu Höhle, von einem heiligen Ort zum anderen" habe er alles "durchstöbert" und "zusammengerafft", gesteht Leiris, der ein enger Freund von Jean-Paul Sartre war, zerknirscht. Das alles sei eine "zum Himmel schreiende Schande" gewesen. Wenn diese Objekte heute zurückkehren, müsse man darüber sprechen, sagt Felwine Sarr, ob sie noch immer heilig seien oder welche anderen Varianten es gebe, um sie einzuordnen. Aber es sei nicht so, dass man die Afrikaner mit der musterschülerhaften Idee einer Rückgabe überfalle und ihnen ihre Vergangenheit aufdränge. "Wir haben die Restitution nicht erfunden. Die Fragen waren in Afrika alle schon vor Macron da."

Nigeria stellt seit der Befreiung Rückgabeforderungen, Zaires Staatspräsident Mobutu verlangte schon 1973 die Rückgabe sämtlicher Kunstwerke, die Unesco fordert seit den Siebzigerjahren die "restitution of cultural property", Benin reklamierte 2016 die Wiedergabe der geraubten Schätze aus dem Königreich Dahomey und erhielt die Antwort, nach geltendem Recht seien die afrikanischen Königsschätze französisches Kulturgut und unterlägen damit den Prinzipien "der Unveräußerlichkeit, der Unverjährbarkeit und der Unpfändbarkeit". Auch in Berlin zählen die 75.000 afrikanischen Objekte in den staatlichen Sammlungen zum deutschen Kulturgut, die dem deutschen Kulturschutzgesetz unterliegen. An dieser spätkolonialen Rechtslage sind die Wiedergabeverlangen bisher meistens gescheitert. Verständlicherweise sehen viele Afrikaner in den großen europäischen Völkerkundemuseen deswegen vor allem gut gepflegte Räuberhöhlen.

Das Rückgabeprojekt ist eine Kulturrevolution

Das Rückgabeprojekt ist jedoch nicht nur ein gesetzgeberisches Erdbeben. Es ist eine Kulturrevolution. In Dakar, berichtet Bénédicte Savoy, hätten die Kolleginnen und Kollegen aus Afrika immer wieder gesagt, die Restitutionen würden dabei helfen, "Berlin abzuschaffen". Das liege daran, dass die zurückgegebenen Objekte aus den verschiedensten Gebieten Bezüge zwischen Territorien wiederherstellen können, die durch die Berliner Konferenz getrennt wurden, auf der die europäischen Kolonialmächte 1884 die afrikanische Landkarte wie einen Kuchen zurechtgeschnitten haben. Macron, glaubt Felwine Sarr, habe verstanden, dass ein kompletter Wandel der Beziehungen fällig ist. Unter den jungen Afrikanern gebe es eine heftige Ablehnung gegen das Weiterleben dessen, was man "la Françafrique" nennt. Während Macrons Rede in Burkina Faso habe es viele Demonstrationen gegen seinen Besuch gegeben, das hätten die Nachrichten nicht gezeigt. Deswegen geht es bei dieser Mission um sehr viel mehr als um die Rückgabe von Masken und Elfenbeinskulpturen, die einfach nur zur Post gebracht werden müssen. Beiden geht es vor allem darum, "das Verhältnis zueinander neu zu erfinden". Aber wie kann die "Zirkulation der Ideen und der Kreativität gelingen, wenn afrikanische Künstler und Intellektuelle für eine Ausstellungseröffnung oder einen Vortrag in Paris, Essen, Wien oder London kein Visum bekommen?"

Das liegt daran, dass der französische Rückgabebeschluss mit dem afrikanischen Migrationsdrama zusammenfällt. Afrikaner wollen nach Europa, ihr kulturelles Erbe soll zurück nach Afrika. Beide Ereignisse haben eine gemeinsame Vorgeschichte. Felwine Sarr, der in seinem Essay Afrotopia für eine Rückbesinnung Afrikas auf seine Potenziale wirbt, teilt nicht die Auffassung seiner afrikanischen Kollegen, die sagen, man könne die Zirkulation der Objekte nicht von der Zirkulation der Menschen trennen. Wenn man die Möglichkeit habe, zunächst den Raum für die Objekte zu öffnen, solle man es machen, denn die Mobilität sei überhaupt ein Feld, auf dem gekämpft werden müsse: "Diesen Kampf gewinnt man Straße für Straße. Es geht nicht um ein Entweder-oder."

Es sind die großen symbolpolitischen und kunstgeschichtlichen Jahrhundertfragen, um die es geht. Außerdem gibt es natürlich noch das Kleingedruckte. Schmieden Sarr und Savoy schon Pläne, welche und wie viele Objekte die Reise zurück in ihre Herkunftsländer antreten sollen? Wird es Hierarchien geben, die davon abhängen, ob an einem Kunstwerk Blut und an einem anderen nur ein unfaires Preisschild klebt? Und wer nimmt die Pakete aus Paris dann in Empfang? Klare Antwort: Felwine Sarr glaubt nicht, dass die Museen der Ursprungsländer alles zurückhaben wollen. Es gebe Objekte von großer Symbolkraft, die vermutlich reklamiert würden, sobald ein Mechanismus etabliert sei.

Ansonsten reisen Sarr und Savoy mit der nach Herkunftsgebieten und Aneignungsmodi aufgeschlüsselten Inventarliste der 70.000 Objekte des Musée du quai Branly im Gepäck zu den Museumsleuten und den Mitarbeitern der Ministerien in Benin, Mali, Kamerun und Senegal. Viele Gesprächspartner dort könnten gar nicht glauben, wie viel ihren Ländern abhandengekommen sei. Außerdem werde man Typologien nach den verschiedenen Kontexten aufstellen, in denen Objekte nach Europa gekommen seien. Doch die beiden sind sich einig, dass solche Typologien in der Rückgabepraxis kaum ins Gewicht fallen werden: "Wir werden wohl zu dem Schluss kommen, dass alle Formen des Erwerbs unter Kolonialbedingungen keine Gültigkeit haben."

Am Ende sind es nicht die französischen Museen, die entscheiden, was zurückgegeben wird, sondern die Herkunftsländer, die ihre Objekte zunächst zurückverlangen müssen. In wessen Hände die Kunstwerke auf diesem Wege am Ende geraten, könne man nicht kontrollieren. Das liege in der Verantwortung der Afrikaner. Was Bénédicte Savoy gefallen hat: Im Workshop in Dakar gab es die Idee eines innerafrikanischen Austauschs zwischen großen Museen, die von Zeit zu Zeit Sammlungen anderer Länder aufnehmen. Oder die Idee, den "Verlust", den die Europäer möglicherweise nach der Restitution empfinden werden, durch Leihgaben oder Ausstellungstourneen aus Afrika zu kompensieren. Die Kunsthistorikerin ist da sehr optimistisch: "Unsere Idee ist nicht, die Objekte wieder für hundert Jahre irgendwo einzuschließen. Wenn die junge bildende Kunst in Afrika zum ersten Mal mit ihrer unbekannten Vergangenheit in Kontakt kommt, kann sich viel Neues freisetzen. Ähnlich wie es damals bei Picasso und den Expressionisten war, als sie diese Kunst zum ersten Mal gesehen haben. Das Museum ist ein Archiv der Kreativität, das darf es aber nicht nur für uns hier in Europa sein."

Letzte Frage: Gibt es irgendetwas, woran die welthistorische Mission der beiden doch noch scheitern könnte? Kurze Pause. Und dann wie aus einem Mund: "Nur an einer psychischen Blockade, an der tief aus dem kolonialen Unbewussten kommenden Idee, dass Afrika nicht in der Lage ist, sich selbst, sein Erbe, seine Zukunft in die Hand zu nehmen." Doch das wird nicht passieren. Die Zeit der fürsorglichen Bevormundung Afrikas ist abgelaufen.

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