Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Am Sonntagabend sah ich Monteverdis Die Krönung der Poppea in der Berliner Staatsoper, eine mythische Geschichte aus dem Intrigenpalast von Kaiser Nero. Bei der Krönungsszene am Ende liegt die Hälfte der Helden in ihrem Blut am Boden. Anschließend ging ich zum Bebelplatz, wo die Nazis 1933 Bücher ins Feuer geworfen haben. Ich versuchte, mir diese Nacht der Bücherverbrennung vor 85 Jahren zu vergegenwärtigen. Mit den Wahlen vom 5. März 1933 war Hitler an die Macht gekommen, am 23. März ließ er die Kompetenzen des Parlaments auf das Kabinett übertragen. So endete die parlamentarische Demokratie in Deutschland. Ab dem 26. April wurden Bücher in Bibliotheken beschlagnahmt, am 10. Mai die "schädlichen" Werke hier auf dem Platz verbrannt. An die Folgen jener furchtbaren Nacht, die Einstiegsszene des Faschismus, erinnern heute symbolisch leere Regale unter dem Platz.

Am Tag darauf kam im Fernsehen die "Krönung" des neuen "Kaisers" der Türkei. Erdoğan, durch Wahlen an die Macht gekommen, hatte die Kompetenzen des Parlaments auf das Kabinett übertragen lassen und die parlamentarische Demokratie abgeschafft. Während er begleitet von Böllerschüssen und Gebeten den Thron bestieg, trug die Hälfte des Landes Trauer. Seinem Mantra "Eine Heimat, ein Staat, eine Nation, eine Fahne" hatte er ein weiteres Glied hinzugefügt: "Ein Führer!" Alle Macht konzentriert sich jetzt auf ihn.

Zu den ersten Tätigkeiten des Präsidenten gehörte es, Staatstheater, Oper und Ballett seinem Amt zu unterstellen. Unwillkürlich musste ich an ein Interview von 1994 denken. Auf die Frage einer Kollegin, ob er Probleme damit hätte, ihr die Hand zu geben, wenn sie als Balletttänzerin vor ihm stünde, entgegnete Erdoğan: "Ich hätte Ihnen vor allem geraten, den Beruf zu wechseln. Denn was eine Balletttänzerin tut, worauf sie abzielt, ist offensichtlich. Einer der wichtigsten Zweige des Kulturimperialismus ist es, die Leute unter der Gürtellinie zu beschäftigen. Gott sei Dank haben meine Töchter nicht solche Träume." Heute untersteht das türkische Ballett dieser Geisteshaltung.

Anschließend wurde das Gesetz zur Gründung der Nationalbibliothek vor 72 Jahren aufgehoben. Die drei Millionen Werke aus ihrem Bestand sollen angeblich in den Präsidentenpalast umziehen.

Dann hagelte es Meldungen über Entlassungen, am frühen Morgen Abgeholte, Zeitungsverbote. Verhaftet wurden auch drei Studenten, die bei der Absolventenfeier ein Plakat mit einer Erdoğan-Karikatur in verschiedenen Tiergestalten gezeigt hatten. Wegen der Karikatur hatte ein Gericht bereits einen Freispruch erteilt, doch wen schert das! Jetzt ist die neue Zeit. Jetzt brennt Rom, und Nero schaut zu.

Am schlimmsten ist der Verlust der Hoffnung. Die "aufgeklärte Türkei", die vor den Wahlen vom 24. Juni in einer möglicherweise verfrühten und übersteigerten Welle der Hoffnung geglaubt hatte, die Finsternis bezwingen zu können, versank nach der Wahlniederlage erneut im Finstern, tiefer noch und wiederum übersteigert.

Die mich in Berlin anspringenden Hinweise sagen mir, eine von der Menschheit nur schamhaft erinnerte Vergangenheit erobert jetzt Schritt für Schritt mein Land.

Der Schriftsteller Stefan Zweig schloss seine berühmten Tagebücher mit der Erkenntnis, die Menschheit wiederhole stets dieselben Fehler, es mangele ihr an Fantasie.

Leider ist es so.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe