Oft hört man reflexhaft das Wort von der "Neiddebatte", wenn in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ob die extreme Ungleichheit der Vermögen und Einkommen legitim sein kann. Christian Neuhäuser, als Wirtschaftsethiker ausgewiesen durch eine Arbeit zur Verantwortung von Unternehmen (Unternehmen als moralische Akteure), hat jetzt ein provozierendes Buch geschrieben, das die Berechtigung und Notwendigkeit einer solchen Debatte aus der Perspektive der angewandten Ethik aufzeigen möchte. Der Titel des Buches formuliert die zentrale These: Reichtum als moralisches Problem. Neuhäuser geht aufs Ganze und argumentiert, dass es gute Gründe dafür gebe, Reichtum nicht nur zu begrenzen, sondern vollständig zu verbieten. Die politischen Gestaltungsvorschläge, die Neuhäuser anbietet, sind daher denkbar weitreichend: Der zentrale Vorschlag seines (nach eigener Einschätzung: sozialliberalen) Reformprogramms ist ein Spitzensteuersatz der Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftssteuer von 100 Prozent, das heißt eine absolute Einkommens- und Vermögensdeckelung.

Reichtum sei ein gravierendes moralisches Problem, so Neuhäuser, weil er dazu führen könne, dass die Würde anderer Menschen verletzt werde. Reiche Akteure könnten mit ihren Mitteln unverhältnismäßig großen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse nehmen. Große Einkommensunterschiede führten genauso wie die Abhängigkeit von staatlichen Transferzahlungen und privater Wohltätigkeit dazu, dass sich die Schlechtergestellten nicht als gleichrangige Gesellschaftsmitglieder betrachten könnten. Und mehr noch: Die Reichtumsfixierung der westlichen Gesellschaft sei ursächlich verantwortlich dafür, dass im globalen Süden bis zu zwei Milliarden Menschen in absoluter Armut leben müssten. In diesem Punkt schließt sich Neuhäuser an Thomas Pogge an. Pogge, Schüler des amerikanischen Philosophen John Rawls, argumentiert seit Langem: Die absolute Armut großer Teile der Weltbevölkerung müsse von den westlichen Gesellschaften moralisch verantwortet werden, weil die reichen Länder ein weltwirtschaftliches System aufrechterhielten, das vorhersehbar zu einer vermeidbaren Schädigung der Menschen in den ärmeren Ländern führe.

Die würdetheoretische Fundierung der Reichtumskritik ist einerseits die Stärke des Buches. Sie bringt auf den Begriff, dass es hier nicht um ein diffuses Gerechtigkeitsgefühl oder etwa ein Ressentiment geht, sondern um den Kern unseres normativen – auch verfassungsrechtlichen – Selbstverständnisses. Zugleich erwächst daraus aber ein gravierendes argumentatives Problem. Neuhäuser geht, übereinstimmend mit der herrschenden Meinung in der Moralphilosophie, davon aus, dass Würdeverletzungen nicht nur falsch, sondern kategorisch verboten sind. Für einen Verstoß gegen dieses Verbot kann es also niemals eine Rechtfertigung geben. Neuhäuser geht zudem davon aus, dass nicht nur direkte Schädigungen, sondern auch die Unterlassung von Hilfeleistung Würdeverletzungen darstellen können.

Dann besteht aber nicht mehr jener politische Ermessensspielraum, den Neuhäuser wiederum im zweiten Teil des Buches in Anspruch nimmt. Neuhäuser wirbt dort für eine "realistische Perspektive", wonach ein Reichtumsverbot nicht zu abrupt, sondern nur in "mehreren kleinen Reformschritten" eingeführt werden solle, weil sonst eine Kapitalflucht zu "sehr starken Wirtschaftseinbrüchen" und einem "allgemeinen Wohlstandsverlust" führen könne. Um sich den Abwägungsspielraum zu verschaffen, den das Verständnis vom Reichtum als Würdeverletzung eigentlich nicht zulässt, ist Neuhäuser deshalb gezwungen, auch die möglichen Folgen eines zu abrupten Reichtumsverbots ihrerseits als Würdeverletzung zu verstehen. Kann es aber überzeugen, dass Wohlstandsverluste in den reichen Ländern notwendigerweise würdeverletzenden Charakter haben?

Neuhäuser möchte in einem weiteren Schritt zeigen, dass ein Reichtumsverbot langfristig auch ohne allgemeinen Wohlstandsverlust möglich ist. Dazu lässt sich Neuhäuser stärker, als dies in der Philosophie üblich ist, auf Grundsatzdiskussionen der Wirtschaftswissenschaften ein. Dabei ist die Unerschrockenheit bewundernswert, mit der er auch weithin geteilte Grundannahmen kritisch befragt. Was allerdings irritiert, ist die Selektivität seiner Kritik und Fantasie: Einerseits hält Neuhäuser eine unbegrenzte Besteuerung von Einkommen, gegen jede ökonomische Lehrmeinung, ohne langfristige Wohlstandsverluste für möglich. Andererseits versteht er die Standortkonkurrenz der Volkswirtschaften als ein gegebenes Faktum, das als eine äußerliche Grenze jedes steuer- und ordnungspolitischen Umgestaltungsvorschlags erscheint. Ist die Einführung eines hundertprozentigen Spitzensteuersatzes der Einkommensteuer tatsächlich in irgendeinem Sinn realistischer als eine internationale Regulierung der Kapitalmärkte?

Dennoch bleibt das nicht geringe Verdienst des Buches, überhaupt darauf aufmerksam zu machen, dass sich für eine sehr weitgehende Begrenzung der Ungleichheit von Vermögen, ja sogar für ein komplettes Reichtumsverbot durchaus rational argumentieren lässt. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem das Verfassungsgericht als Hüter der Eigentumsordnung in einer recht kreativen Phase einmal das Substanzbesteuerungsverbot und den Halbteilungsgrundsatz verfassungsrechtlich festschreiben wollte. Neuhäusers Buch könnte dazu beitragen, dass Debatten über die Ungleichverteilung gesellschaftlichen Reichtums nicht mehr vorschnell als Ausdruck eines Ressentiments abgetan werden.

Christian Neuhäuser: Reichtum als moralisches Problem. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 281 S., 20,– €