ZEIT: Warum ist der Populismus eigentlich eine solche Versuchung?

Marx: Der Feind der menschlichen Natur ist der Teufel, sagt Ignatius von Loyola, weil er uns den anderen als Feind sehen lässt. So wirkt auch der Populismus. Er versucht uns erst Angst einzujagen, dann kommen Misstrauen, Neid, Feindschaft und Hass und am Ende möglicherweise Gewalt und Krieg.

ZEIT: Der Teufel ist ein großer Populist?

Marx: Ich bin überzeugt: Der Mensch ist von Natur aus solidarisch und hilfsbereit. Aber er ist anfällig, wenn ihm die Angst die Sinne trübt. Nicht umsonst zieht sich der eine Ruf durch die Bibel: "Fürchtet euch nicht!" Das ist eine Botschaft, die man sich auch als Politiker zu eigen machen kann.

ZEIT: Mal unabhängig von Seehofer, Dobrindt und Söder: Warum tun sich die Kirche und die CSU in letzter Zeit so schwer?

Marx: Grundsätzlich ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirchen in Deutschland ein sehr gutes. Auch wenn man nicht immer einer Meinung ist, ist der Austausch vielfältig und positiv. Aber wir sagen uns auch, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.

ZEIT: Jetzt sind Sie ausgewichen.

Marx: Nein, ich glaube bloß, dass es wichtig ist, den Normalzustand zu unterscheiden von einzelnen Debatten. Aber an der Frage der Migrationspolitik ist ohne Zweifel etwas sichtbar geworden, das tiefer reicht.

ZEIT: Ist die CSU rechter geworden oder die Kirche linker?

Marx: Ich würde das nicht in die Begriffe rechts oder links fassen. Aber seit den 60er-, 70er-Jahren denkt die katholische Kirche globaler. Das Bewusstsein der Kirche in Deutschland ist seitdem sehr wesentlich bestimmt von unserer Verantwortung für die eine Welt, auch als Folge unseres sozialen Engagements in vielen Ländern. Das katholische Kapillarsystem reicht tief in die Wunden der Welt, besonders auch durch unsere Ordensgemeinschaften und Hilfswerke.

ZEIT: Die Kirche ist globaler geworden, die CSU nationaler?

Marx: Nationalist sein und katholisch sein, das geht nicht. Als Christen sind wir Patrioten und Weltbürger zugleich. Ja, es stimmt: In der Politik geht der Trend derzeit stärker zum Nationalen, zur Selbstbehauptung. Damit greift eine Sichtweise um sich, die nicht die unsere ist: Den Wohlstand hier drinnen wollen wir behalten – und bedroht wird er angeblich von da draußen. Europa darf keine Festung werden, das war stets unsere Maxime, und jetzt sind wir auf dem besten Wege dahin. Ich halte es mit Jean Monnet: Europa sollte ein Beitrag für eine bessere Welt sein. Kreativ, offen und neugierig!

ZEIT: Vor dem Flüchtlingsstreit lag der Kruzifix-Streit mit der CSU-Staatsregierung. Seit dem 1. Juni hängen die Pflicht-Kreuze in den Amtsstuben. Haben Sie den Kruzifix-Streit verloren?

Marx: Ich bin für das Kreuz im öffentlichen Raum. Die Begründung und die Art der Umsetzung habe ich kritisiert. Das Kreuz ist nicht ein Symbol der Abgrenzung, das aus taktischen Erwägungen oder zur politischen Inszenierung eingesetzt wird. Es wäre besser gewesen, man hätte vorher mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch den Atheisten oder Vertretern anderer Religionen, gesprochen – damit sie verstehen können, wofür das Kreuz steht, und dass es ein Zeichen ist, das verbinden kann im Blick auf die Würde jedes Menschen.

ZEIT: Im Gefolge des Kruzifix-Streits hat Ministerpräsident Markus Söder die Kirchen zu einem Runden Tisch eingeladen. Stimmt es, dass Sie davon erst aus den Medien erfahren haben?

Marx: Ja.

ZEIT: Stimmt es, dass der Ministerpräsident seinen Antrittsbesuch bei Ihnen kurzfristig abgesagt hat?

Marx: Inzwischen hat er stattgefunden. Wir sind uns mehrfach begegnet und haben uns mehrfach ausgetauscht und werden das weiter tun.

ZEIT: Stimmt es, dass Markus Söder bei der Fronleichnamsprozession ins Publikum gewunken hat, als wäre es der Oktoberfestumzug?

Marx: Das habe ich nicht gesehen.

ZEIT: Klingt nicht, als würden Markus Söder und Sie noch große Freunde werden ...

Marx: Vielleicht hatten wir einen etwas unruhigen Start. Ich sehe grundsätzlich positiv in die Zukunft.