Gokarna statt Goa

Beseelte Hippies? Unverbaute Palmenstrände? Gutes Hasch? Klar, gibt es noch, nur nicht in Goa. 100 Kilometer und einen indischen Bundesstaat weiter südlich, zum Nordzipfel Karnatakas, nach Gokarna, da müssen Sie hin. Während in Goa der einstige Trance-Hedonismus nur noch als billige Parodie aufgeführt wird, damit Hipster in der Findungsphase bei einer Full-Moon-Party ihr Geld lassen, steigen aus den Tempeln Gokarnas fette Räucherstäbchenwolken auf. Shiva pafft mit, wenn Sie am Om Beach warten, ob noch was passiert; und passiert nichts, ist das auch okay. Der Kokosschnaps schmeckt, der Roller kostet fast nichts, der Hindi-Pop aus der Strandbar klingt lustig, der Fischer nickt nett, und niemand kotzt Ihnen ins Panorama.
Moritz Herrmann

Limes statt Große Mauer

Die antiken Weltreiche an den beiden Enden der eurasischen Landmasse wussten voneinander. Beide versuchten mit Mauern, ihre Zivilisationen vor den Barbaren zu schützen. Die Große Mauer von China steht noch. Die Große Mauer von Daqin, wie Rom von den Chinesen genannt wurde, der Limes, zieht sich heute als "Bodendenkmal" von 550 Kilometern Länge quer durch Deutschland. Faszinierend sind die verzauberten und weit verstreuten Orte, an denen dieser ehemalige Außenwall der Welt noch zu erahnen ist. Steinerne Reste der "Teufelsmauer" in bayerischen Wäldern, kilometerlange Gräben tief im Taunus, wilde Heckenreihen im Odenwald. Wer ganz leise ist, kann den Limes flüstern hören: Ich war die Große Mauer des Westens, die Grenze aller Grenzen. Ich war unüberwindlich. Bis ich überwunden wurde.
Arno Frank

Schloss Lichtenstein statt Neuschwanstein

Das Schloss Lichtenstein mit seiner Fassade aus hellem Tuffstein ist materialisierte Sehnsucht, Triumph der Romantik. Es liegt auf einem Vorberg der Schwäbischen Alb nahe der Großstadt Reutlingen. Da nämlich ist Ulrich gewandelt, also Herzog Ulrich. Der Stuttgarter Dichter Wilhelm Hauff, der sich mit dem Bonmot "Die Tage werden gewogen, nicht gezählt" gerade noch rechtzeitig unsterblich gemacht hatte, bevor er mit 24 Jahren das Zeitliche segnete, wurde berühmt durch seinen Roman Lichtenstein. Er schildert Flucht und Vertreibung des Herzogs im Kampf mit dem Schwäbischen Bund. Graf Wilhelm von Württemberg gefiel das Werk so sehr, dass er sich das Schloss zum Roman erbaute. Hingehen müssen Sie im Herbst, wenn Nebelfetzen über dem Tal aufsteigen, den Schlossberg vom Gebirge abschneiden und in den Himmel entrücken wie eine Gralsburg.
Ulrich Stolte

Dun Aengus statt Stonehenge

Der keltische Zauber von Stonehenge ist spätestens seit 2012 nur mehr ein Witz. Damals fertigte der britische Künstler Jeremy Deller ein Duplikat des sagenhaften Steinkreises an – als Hüpfburg. Ihn nervte, dass man als Besucher an die mächtigen Steine gar nicht mehr rankommt; bei ihm durfte jeder das Weltkulturerbe mit Füßen treten. Wem dieses Vorzeit-Surrogat nicht reicht, besucht Dun Aengus. Zugegeben, das mehr als 3000 Jahre alte Ringfort auf der Aran-Insel Inishmore ist nicht leicht zu erreichen. Aber wer nach Fährfahrt, Radtour und Fußmarsch den mächtigen Steinwall am Rand einer 90 Meter hohen Klippe betritt, weckt den Druiden in sich. Was unsere Vorfahren dort oben trieben, weiß niemand so genau. Der moderne Mensch jedenfalls legt sich im Zentrum der halbkreisförmigen Anlage bäuchlings an den Rand der Klippe und starrt hinab ins Brodeln der Irischen See. Wer hier keine positive Energie tankt, hat ein Batterieproblem.
Christof Siemes

Park Inn statt Fernsehturm

Wer in Berlin die Skyline sucht, geht am besten auf das Park Inn am Alexanderplatz. Das steht direkt gegenüber vom Fernsehturm, ist zwar nicht so hoch wie der (125 versus 368 Meter), aber trotzdem aus drei Gründen die bessere Aussichtsplattform: Die Warteschlange ist kürzer, der Eintritt kostet nur vier Euro, und man sieht sogar den Fernsehturm! Einziger Nachteil bei der Sache: Drehen muss man sich selbst.
Valerie Schönian

Manoir de Villers statt Giverny

Seinen Garten in Giverny pflanzte Claude Monet zum eigenen Plaisir und als farbliche Versuchsanordnung: Krapp- zu Rostrot, Grün zu Violett, Orange zu Schwefel- gelb – vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, und dazu laufen heute viele unpassend gemusterte Menschen durchs Bild. Mehr schöne Blumen wie gemalt, weniger Gesellschaft: ein Stück Seine-abwärts liegt das Manoir de Villers aus dem 16. Jahrhundert in weltentrückter Anmut zwischen alten Bäumen und Wiesen, über denen der rote Schimmer von blühendem Sauerampfer liegt. Im Jardin secret erblickt das impressionistisch konditionierte Auge hingetupftes Gelb, flirrendes Blau und an der Fassade den perfekten Farbklang einer weinroten Chinarose vor rosa Sandstein.
Elsemarie Maletzke

Statue de la Liberté statt Lady Liberty

Nein, es ist keine Kopie! Monsieur Frédéric-Auguste Bartholdi, der Schöpfer der Freiheitsstatue, ließ von dem ursprünglichen Gipsmodell zunächst einen Bronzeabguss im Maßstab 1:4 anfertigen, gewissermaßen die ältere, kleinere Schwester der Lady von Liberty Island. Sie steht in Paris auf der Seine-Insel Île aux Cygnes. Um sie zu besichtigen, brauchen Sie sich nicht für eine Bootsfahrt anzustellen, zu ihr führt eine Brücke. Und außerdem ist es derzeit um die Freiheit hier besser bestellt als drüben.
Robert Treichler

Brandberg statt Everest

Er ist nicht von ewigem Eis bedeckt. Er ist zu klein für Sauerstoffmangel – aber lebensfeindlich wie der große Bruder in Asien. Namibias Brandberg ist ein kahler, schroffer Koloss aus Granit. Er steht mitten in der Namibwüste, 2573 Meter hoch aufragend, als Schönheit und geologische Besonderheit. In der Abendsonne sieht er aus wie eine Explosion der Farbe Rot. Deshalb auch: Brandberg. Wer aufs Geratewohl losschreitet, läuft Gefahr, sich an ihm zu verlaufen. Kalkweiße Fäkalien verraten, wer hier lebt und jagt; es ist der Leopard. Schwarze Mamba, Speikobra und Skorpion sind im Massiv genauso zu Hause. Noch mehr existenzialistische Erfahrung garantiert dem Bergsteiger das Fehlen von Wasser. Spätestens nach einem Tag ist der Vorrat aufgebraucht. Aber einheimische Guides kennen die Klüfte, in deren schattigen Tiefen das rettende Nass der Verdunstung trotzt. Der Lohn für ertragene Mühsal: atmosphärische Farbenspiele an Abend und Morgen. Und der Anblick von 50.000 Felszeichnungen, hinterlassen vor Jahrtausenden, mit Ocker, Hämatit, Kohle und Vogelkot.
Urs Willmann