Als Simone Oehme den Flyer mit der Nazi-Kritzelei zum ersten Mal sieht, ahnt sie nicht, dass er sie das ganze Schuljahr lang begleiten wird. Ein Flyer, gefunden im Papierkorb, auf dem steht: "Freie Nazischule". Die Lehrerin erinnert sich genau an diesen Tag im Herbst. An die Fassungslosigkeit im Lehrerzimmer. An den Beschluss der Schulleitung, offen mit dem Vorfall umzugehen. In der Hoffnung, den Täter dadurch leichter zu einem Geständnis, vielleicht sogar zur Reue zu bewegen. In der Hoffnung, dass irgendwie alles gut wird. Doch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen, das weiß Oehme nun. Weder als die Schulleiterin vor die versammelte Schülerschaft tritt und um Hinweise bittet. Noch als kurz darauf Mitarbeiter des sächsischen Staatsschutzes an die Freie Mittelschule Weißenberg kommen und über rechtsextreme Strukturen in der Region sprechen. Die Oberlausitzer Schüler schweigen – obwohl viele von ihnen wussten, wer sich statt der Mittelschule eine "Freie Nazischule" gewünscht hatte. Das Schweigen hat Oehme so stark verunsichert wie die Schmiererei selbst.

Die halbe Schule habe gewusst, wer der Täter gewesen sei, und über Monate nichts gesagt, erzählt die Lehrerin und schüttelt den Kopf.

Oehme – kurze Haare, grüne Augen, Kleid im Zebra-Look – sitzt im grünen Klassenzimmer, zwei Holztische im üppigen Schulgarten, und sucht nach einer Erklärung. Die 46-Jährige ist sich sicher: Ihre Schüler stecken immer wieder in einem Dilemma, wenn ein Klassenkamerad mit einem rechten Spruch auffällt oder mit einem Nazi-Symbol herumläuft. Dass jemand seinen Mitschüler verrät, könne man nicht erwarten. Die Kinder kennen sich, sind vielleicht miteinander befreundet. Umso wichtiger sei es, dass die Schüler über das Vorgefallene nachdächten. Und dazu müsse man offen über rechtsextremes Gedankengut sprechen.

Doch was soll sie tun, wenn das persönliche Umfeld der Schüler darin gar kein Problem sieht?

Dann werde sie machtlos, sagt Oehme. Diese Erfahrung hat sie schon öfter gemacht. "Man kann diese Kinder kaum mehr erreichen."

Seit zehn Jahren unterrichtet Oehme Deutsch, Russisch und Ethik in Weißenberg, einer Kleinstadt im Landkreis Bautzen, 80 Kilometer östlich von Dresden. Bei der Bundestagswahl im Herbst hat hier jeder Dritte AfD gewählt. In manchen Gemeinden fast jeder Zweite. "Hier auf dem Land sind die Nazis präsent", sagt sie, "das merken wir in den Schulen." Sie zählt auf, was sie an der Mittelschule schon alles erlebt hat:

Schüler, die Thor-Steinar-Klamotten tragen.

Schüler, die den Hitlergruß zeigen.

Schüler, die ihre Nachmittage und Wochenenden mit Neonazis verbringen.

Diese Schüler gibt es nicht nur im sächsischen Weißenberg. Es gibt sie in ganz Deutschland: Schüler, die im Unterricht offen rechtes Gedankengut teilen, die mit antisemitischen Schimpfwörtern um sich werfen. Der Rechtsruck der Gesellschaft geht auch an den Schulen nicht vorbei. Bundesweit sind Lehrer zunehmend verunsichert, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Die Sorge um die liberale Demokratie hat auch die Kultusminister der Länder erreicht. Sie wollen nun vermehrt die politische Bildung im Land stärken. Die Schulen in Deutschland sollen ihre Schüler noch stärker zur Demokratie erziehen.

Seit je ist die Schule der Ort, an dem Kinder zu mündigen Bürgern werden sollen, der Ort, an dem ihnen ein Wertegrundgerüst vermittelt wird. Integrationsfunktion nennen das die Soziologen; Pädagogen und Politiker sprechen von politischer Bildung.

Viele halten diese demokratische Erziehung für den Grundauftrag der Schulen. Doch wie erzieht man zur Demokratie? Wie macht man Schülern glaubhaft, dass demokratiefeindliche Gedanken schaden, wenn man ihnen doch zugleich beibringen will, dass abweichende Meinungen den Wesenskern der Demokratie ausmachen?

Einer, der sich seit 30 Jahren mit diesen Fragen beschäftigt, ist Wilfried Schubarth. Der Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam ist davon überzeugt, dass für eine erfolgreiche Demokratiebildung drei Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Erstens: Schulen müssen gesellschaftliche Schlüsselfragen wie soziale Gerechtigkeit oder Minderheitenrechte stärker behandeln. Das, was bisher in Ethik, Geschichte oder Gemeinschaftskunde angeschnitten wird, reicht seiner Meinung nach nicht aus, um jungen Menschen Werte zu vermitteln. Zweitens: Schulen müssen sich "Expertenwissen" aneignen. Schubarth gibt selbst Lehrerfortbildungen zum Thema Gewalt, Mobbing und Rechtsextremismus. Von Schulleitern in Brandenburg weiß er, wie unsicher sich viele Lehrer beim Thema Gewalt oder Rassismus fühlen. Und drittens: Für Demokratiebildung an Schulen muss Zeit sein. Wenn Lehrer ihre Freizeit opfern, weil sie im Unterricht nur so den Stoff durchbringen, lassen viele Kollegen das Engagement irgendwann bleiben. Schubarths Vorschlag: "Lehrpläne entrümpeln." Dann könne man eine Schulstunde auch mal spontan für einen Vorfall auf dem Pausenhof verwenden.