Als die Enzyklika Humanae vitae 1968 erschien, löste sie heftige Reaktionen aus. Viele Katholikinnen und Katholiken hatten gehofft, dass Papst Paul VI. die Pille als Verhütungsmittel zulassen würde. Auch die beratende Kommission im Vatikan hatte ihm das mehrheitlich empfohlen. Nach langem Ringen folgte der Papst jedoch einem zunächst geheimen Votum der Theologischen Fakultät Krakau: Die Pille blieb verboten. Historisch pikant ist dabei, dass es maßgeblich der damalige Kardinal Karol Wojtyla war, der so Einfluss auf die Enzyklika nehmen konnte. Dass das Schreiben von ihm als Papst Johannes Paul II. später hochgehalten wurde, überrascht da nicht. Doch im real existierenden Katholizismus geriet die Enzyklika im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit.

Denn auch in katholischen Milieus hatte die Sexualität eine ganz andere, wertgeschätzte Bedeutung gewonnen, als dies in den Generationen zuvor denkbar gewesen war. Menschliche Sexualität, so der weitgehende Konsens, sei nun einmal nicht auf die Funktion zu beschränken, Nachkommenschaft zu zeugen. Und hinzu kam, dass bei Gott zwar alles möglich sein mag, den Menschen aber auch vieles möglich ist: Die Pille machte die Sexualität anders genießbar. Die sozialen Lebensverhältnisse und die Geschlechterrollen veränderten sich nach 1968 rasant. Und dieser historische Wandel ging nicht folgenlos an theologischen Ideenwelten und katholischen Milieus vorbei.

Die Enzyklika Humanae vitae trug dazu infolgedessen bei, dass Katholiken in die kopfschüttelnde Distanz zum Lehramt getrieben wurden. Heinrich Böll schrieb 1968: Die Enzyklika fordere "Unterwerfung unter den sogenannten Glaubensgehorsam". Sie verlange "Blinde Hinnahme" und treibe die Katholiken mit dieser Forderung in einen Graben zum Lehramt hinein. Auszubrechen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit ist allerdings nicht mehr nötig, wenn man schon ausgebrochen ist. Die Pille sei contra naturam, vom Schöpfergott so nicht gewollt, hat das Lehramt schnell behauptet. Allein, vielen fehlte der Glaube an diese These, weil sie sich ihres eigenen Verstandes bedient hatten und eben zu einem anderen Schluss gekommen waren. Ist der eigene Verstand erst einmal eingeschaltet, kann das Lehramt mahnen, wie es will. Was nicht überzeugt, überzeugt nicht.

An den Auseinandersetzungen rund um Humanae vitae kann man beispielhaft ablesen, wie stark Lehramtstheologie und katholische Praxis auseinanderdriften. Selbst konservative katholische Milieus lassen sich die eigene Sexualpraxis nicht vorschreiben. Und sie scheuen sich auch nicht davor, ihre Kritik an päpstlichen oder auch bischöflichen Äußerungen laut zu äußern. Der Katholizismus ist auf globaler Ebene sicherlich unterschiedlich zu beschreiben. In den westlichen Gesellschaften ist er aber ganz gewiss in der Moderne angekommen, die so ist, wie sie ist: plural. Menschen, die sich als katholisch bezeichnen, sind nun einmal zuerst Menschen ihrer Zeit.

Die inzwischen nahezu historisch gewordene Diskussion um Humanae vitae signalisiert ein grundsätzliches Problem. Sie sollte deshalb nicht nur von der wissenschaftlichen Theologie, die man dann wieder schweigend übergeht, sondern in den kirchlichen Leitungsstrukturen aufgearbeitet werden, und vor allem: Sie sollte als symptomatisch für eine grundsätzliche Krise identifiziert werden, die die Theologie seit dem 19. Jahrhundert begleitet und immer wieder neu durchschüttelt.

Worum geht es? Abzulesen ist an diesen Diskussionen das mangelnde historische Bewusstsein innerhalb der Lehrpraxis der Kirche. Anstatt zu akzeptieren, dass sich nicht nur die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse ändern, sondern auch das, was Menschen in ihrem Denken normativ bestimmt, hat man keine andere Sorge als die um die eigene Identität. Die heutige Rede einer allen Menschen zukommenden gleichen Würde ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde mühsam erstritten. Christliche Religionsbestände haben dabei eine Rolle gespielt, ausgereicht haben sie nicht. Auch ihnen musste Vernunft beigebracht werden. Dass auch Konzepte gelebter Sexualität dem historischen Wandel unterworfen sind, lässt sich jeder kulturgeschichtlichen Studie entnehmen.