Wer heute in Gesellschaft aufgeklärter Menschen die Enzyklika Humanae vitae zu verteidigen sucht, trifft bestenfalls auf jenes staunende Interesse, das man sonderbaren religiösen Minderheiten entgegenbringt. Als belächelter Exot findet man sich dann in der Nähe der Zeugen Jehovas, die Bluttransfusionen ablehnen, oder der Amischen, die glauben, moderne Motoren und Elektrizität nicht nutzen zu dürfen.

Und doch gibt es bis heute intelligente Menschen (und nicht nur Katholiken), die das Lehrschreiben Pauls VI. aus dem Jahr 1968 für richtig halten oder es sogar öffentlich als "prophetisch" bezeichnen. Dazu zählen der Wiener Kardinal Christoph Schönborn (2008), die katholischen Bischöfe Nordeuropas (2010) und Papst Franziskus (2014). Das ist keine Ansammlung verbohrter Traditionalisten, und vielleicht lohnt es sich tatsächlich, den Text zu lesen, der seit 50 Jahren die Geister spaltet.

Wer sich darauf einlässt, findet ein spannendes Zeitdokument. Es lässt bis heute das aufwühlende Ringen des Papstes erkennen, der vor der Frage stand: Darf die Kirche die neu entdeckten, scheinbar problemlosen Mittel der Empfängnisverhütung (vulgo: die Pille) als Mittel der Familienplanung in der Ehe zulassen – oder muss er diese aufgrund der überlieferten Morallehre und mit Blick auf die absehbaren negativen Folgen ächten?

Bekanntlich entschied sich Paul VI. – gegen das Mehrheitsvotum einer Expertenkommission – für ein klares Nein zur Pille, zu Kondomen und zur "sexuellen Revolution". Damit löste er neben mancher Zustimmung einen Sturm der Entrüstung in den Medien, aber auch in weiten Teilen der Öffentlichkeit (einschließlich der Kirchen) in der westlichen Welt aus. Im Text von 1968 sagte der Papst diese Reaktionen selbst voraus. Erstaunt stellt der heutige Leser fest: Dieser Mann wusste, was er tat – wenn auch die gigantischen Ausmaße des Protestes wohl seine Vorstellungskraft überschritten.

Was aber sind die Argumente des Papstes, wenn er nur solche sexuellen Akte in der Ehe für gut erklärt, die für die Zeugung von Nachkommenschaft offen sind? Humanae vitae enthält einige, und die meisten sind klar und nachvollziehbar. Meine Lieblingspassage lautet: "Diese Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung –, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs Engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind." (HV 12)

Solche naturrechtlichen Argumentationen sind heute verpönt. Doch die Tatsache, dass 99 Prozent der Menschen ihr Leben der Zeugung in einem heterosexuellen Geschlechtsverkehr verdanken, spricht dafür, dass die vom Papst behauptete wesentliche Verbindung von sexueller Vereinigung und Zeugung und der Hinweis auf eine naturgegebene geschlechtliche Konstitution der Gattung Mensch nicht völlig weltfremd sind. Wer sich als Paar bewusst diesen Vorgaben unterwirft, lebt und liebt jedenfalls nicht in der Anmaßung, "als wäre er Herr über die Quellen des Lebens" (HV 13) – und das ist gut so!

Paul VI. sah in seiner letzten Enzyklika schon manches warnend voraus: etwa die negativen Auswirkungen leicht verfügbarer Verhütungsmittel auf die eheliche Treue und die Zahl der Scheidungen oder die Degradierung der Frau zum Sexualobjekt. Dass die Trennung von Geschlechtsakt und Zeugung noch weiterentwickelt werden sollte, konnte er 1968 noch nicht wissen. Eine Folge ist, dass heute Zehntausende Paare, die viele Jahre nach dem Motto "Lust ohne Last" effizient Kinder verhütet haben, gegen Ende ihres fruchtbaren Lebensabschnitts in Reproduktionskliniken pilgern, um doch noch zu einem Kind zu kommen. Und das unter Inkaufnahme von Hormonbehandlungen, In-vitro-Zeugungsversuchen und Embryonenvernichtung – diesmal nach dem Motto: "Last ohne Lust". Man darf vermuten, dass sich Paul VI. durch diese absurde Entwicklung bestätigt gesehen hätte.