Sind das nicht tolle Zeiten? "Ich kann alles sein, was ich will", singt die britische Produzentin Sophie in ihrem neuen Stück Immaterial – "ich kann du sein, und du kannst ich sein / Im-ma-ma-material, immaterial / ohne Beine, ohne Haare / ohne Gene, ohne Blut", dazu plustert sich langsam ein Technobeat auf, eine Tanzflurfanfare ertönt, und ein Chor von roboterartigen Stimmen, die ständig in den Tonhöhen wechseln, gurgelt glücklich den Refrain der Hymne: "Im-ma-ma-material / Immaterial". Was nicht nur im Text, sondern auch in der Melodieführung an das alte Madonna-Stück Material Girl aus den Achtzigerjahren erinnert – bloß dass die materielle Welt, die Madonna besang, aus der Musik von Sophie verschwunden scheint.

Ihre Songs, ihre Sounds, ihre Stimmen stammen ganz aus der Sphäre des Digitalen. Sie sind elektronisch erzeugt oder elektronisch bearbeitet, oft kann man beim Hören nicht herausfinden, wo die Grenze verläuft; man weiß nicht, ob da ein Mann oder eine Frau singt, ein Roboter oder ein sprechendes Tier. Sophies Kompositionen könnten perfekte Popsongs abgeben, aber man merkt sofort, dass mit ihnen etwas nicht stimmt: Sie sind virtuos komponiert und klanglich perfekt modelliert, aber die Perfektion treibt den Klängen zugleich jene Zittrigkeit aus, die sonst den Anschein von Lebendigkeit erzeugt. Jedes einzelne musikalische Element wirkt, als wäre es in einem todbringenden Glänzen erstarrt. Oder laminiert. Sophie feiert nicht nur die Falschheit im Pop, sie tut das auf offensiv falsche Weise. Selbst der Titel ihres neuen Albums ist falsch: Oil of Every Pearl’s Un-Insides, das hat jemand aufgeschrieben, der sich verhörte; eigentlich müsste es nämlich I Love Every Person’s Insides heißen: "Ich liebe von jedem Menschen die Innenseite."

Zu erster Bekanntheit gelangte Sophie um das Jahr 2013 herum mit Liedern, die Bipp hießen oder Eeehhh und holpernde Rhythmen mit wildem Flötenspiel und klein gehacktem Operngesang kombinierten. In der Öffentlichkeit wurde sie damals als Mann wahrgenommen, der sich als Frau kostümiert. Sophie hat diese Deutung niemals kommentiert und vermied lange Zeit, von sich in der dritten Person zu sprechen. (Heute nutzt sie zwar das weibliche Geschlecht, wenn sie über sich selbst spricht. Aber sie beschreibt sich nicht als weiblich, auch nicht als trans oder queer, sondern als "vaping", verdampfend.) Wie ein Backenhörnchen auf Methamphetamin klang sie 2014 in dem Lied Hey QT. Zu farblosen Synthie-Fanfaren und einem bolzenden Ibiza-Beat sang sie über Zuneigung, Sehnsucht und ewige Liebe. Aber das Tempo des Stücks war so hoch und so zeitrafferartig, dass auch die längste Ewigkeit darin nur einen Wimpernschlag zu währen schien: Eine ewige Liebe, die so besungen wird, kann wohl kaum von Dauer sein.

2015 fasste Sophie ihr bisheriges Schaffen auf dem Albumdebüt Product zusammen; als Beigabe für die Vorzugs-Vinyl-Edition gab es einen praktischen Silikondildo, der sich besonders für Prostatamassagen gut eignet. Experimentelle Erotikpraktiken spielen auch auf Oil of Every Pearl’s Un-Insides wieder eine Rolle, so heißt das zweite Stück Ponyboy und preist den Gebrauch von Pferdefetischmasken beim Sex.

Ansonsten ist die Musik trotz aller zwangslaminierten Schrillheit düsterer und skeptischer als zuvor. Unter der artifiziellen Klebrig- und Niedlichkeit waltet ein neuer unbehaglicher Unterton, eine dem dominierenden Tempo entgegenstrebende Verlangsamung; und in die Plastikpop-haften Beats werden immer wieder schwere Metallschläge gesetzt wie aus dem alten Industrial-Techno. Im letzten Stück preist Sophie noch einmal die Whole New World der Digital Natives: eine ganz neue Welt ohne Körper und ohne feste Identitäten; eine Welt des reinen Werdens und des stetigen Wandels. Doch so euphorisch das Stück auch beginnt – plötzlich saugt ein schwerer Bass alles Hymnische aus der Musik heraus, als ob sich mit plötzlich einsetzender Schwerkraft ein verdrängtes Reales meldet. "I feel so cold / Is this the way I feel?", lautet die letzte Zeile: Was fühlen wir, wenn wir unsere Gefühle nur noch für Erfindungen halten? Was bleibt von uns, wenn wir nicht nur uns selber, sondern das Konzept des Selbst aufgeben? Und sollten wir – das ist die Frage, mit der Sophie uns nach dem Hören entlässt – in einer immer falscher werdenden Welt nicht mit der frenetischen Feier des Falschen für eine Weile pausieren?

Sophie: Oil of Every Pearl’s Un-Insides (Future Classic)