Eigentlich hat Forster die Schnauze voll. Von den schweren Holztischen und den Menschen in schwarzen Roben, von den Mikrofonen, die sowieso nie richtig funktionieren, von diesem dämlichen Kreuz über der Richterbank. Er hat in den vergangenen Jahren sicher mehr als hundert Tage in bayerischen Landgerichten verbracht. Hof, Regensburg, Würzburg, jetzt also Nürnberg: Wann immer er nicht im Knast hockte, saß er vor einem Richter. Das war sein Leben, für mehr als sechs Jahre. Eigentlich kann er das alles nicht mehr sehen. Doch diesmal fühlt er sich ausgesprochen wohl.

Beine breit, Kinn nach oben gereckt, Ellbogen aufgestützt. Das hier ist jetzt sein Saal. Diesmal ist er nicht der Angeklagte. Diesmal ist Mario Forster, 51 Jahre alt, ehemaliger V-Mann des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), der wichtigste Zeuge gegen jene sechs Männer, die ihm Jahre seines Lebens gestohlen haben. So sieht er das. Denn all jene Straftaten, für die er zuletzt verurteilt wurde, habe er "im Auftrag des Freistaats Bayern und mit Wissen des LKA begangen", wie er sagt. Das Oberlandesgericht Nürnberg hat Forster zudem nachträglich als Nebenkläger zugelassen, "weil er als Verletzter einer Freiheitsberaubung in Betracht kommt und eine diesbezügliche Verurteilung der Angeklagten rechtlich möglich erscheint".

Was das für ein Bild in diesem beispiellosen Prozess ist: In der Mitte der zigfach vorbestrafte Forster auf dem Zeugenstuhl, kampfbereit und siegesgewiss. Und um ihn herum die sechs Angeklagten, die verzweifelt versuchen, Haltung zu bewahren. Die Witzchen über Forster reißen und dadurch nur zu verbergen versuchen, dass ihr Hass auf diesen Mann aus jeder Pore sprießt.

Nach fast drei Jahren Ermittlungsarbeit mit 75 Vernehmungen und mehreren Razzien hat die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth im vergangenen Jahr aus 40 Aktenordnern voller Spuren, Indizien und Beweise eine 268 Seiten umfassende Anklageschrift destilliert, die sich liest wie ein schlechter Krimi. Zu unglaublich klingt es, was den Beamten vorgeworfen wird: Diebstahl, Betrug, uneidliche Falschaussagen. Als ginge es hier um eine kriminelle Bande. Aber, nun ja, vielleicht geht es genau darum.

Der letzte Anklagepunkt weist auf die Besonderheit dieses Verfahrens hin: Strafvereitelung im Amt. Zwei der Männer sind Kriminalhauptkommissare, zwei sogenannte Erste Hauptkommissare, die übrigen zwei gar Kriminaldirektoren. Danach ist es nur noch ein Schritt bis ins Präsidium des LKA. Diese sechs Männer gehören zum Besten, was das bayerische LKA zu bieten hat.

Unter ihnen ist auch Mario H., einst Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität. Er war unter anderem der Mann hinter den Ermittlungen gegen Bernie Ecclestone. Als längst bekannt war, dass gegen ihn ermittelt wird, wurde er nochmals befördert und wurde Leiter der Sonderkommission zur Aufarbeitung des Oktoberfestattentats von 1980. Mittlerweile ist er wie seine Kollegen bei vollen Bezügen vom Dienst suspendiert. Und wenn es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth geht, werden fünf der Männer nach dem Urteil, das kommende Woche erwartet wird, nie wieder in den Dienst zurückkehren.

Diese Geschichte (siehe ZEITmagazin Nr. 27/14 und ZEIT Nr. 11/16) beginnt mit zwei Fehleinschätzungen. Es ist der Winter 2008/09, als Forster sich aus dem Gefängnis heraus dem LKA als V-Mann andient. Er hat gehört, dass er so einfach an Geld kommen könnte, und wenn es etwas gibt, was Forster mag, dann ist es, einfach an Geld zu kommen. Das LKA lässt sich von seinem Charme schnell beeindrucken. Die Beamten denken, dass Forster leicht zu führen sein wird. Forster denkt, "die Bullen würden mich nicht hängen lassen". Beides wird sich als falsch erweisen.

Forster übernimmt einen Nachtclub in Bayern, liefert Informationen aus dem Rotlichtmilieu und der Rauschgiftszene. Das geht fast zwei Jahre so, bevor er eines Tages zufällig an einen Rocker der Bandidos gerät. "Die haben beim LKA gleich feuchte Höschen bekommen, als ich das Wort Bandidos fallen ließ." Forster hat ein unglaubliches Talent, Menschen um den Finger zu wickeln. Schon nach wenigen Wochen wird er zum Fahrer des Präsidenten der Regensburger Bandidos ernannt. In einem Evaluationsbericht des LKA heißt es, sein Einsatz könne "gar nicht hoch genug gewertet werden", seine Informationen würden "alle bisherigen Infos zur Zielgruppe" übersteigen. Forster berichtet über Männer, die auf die Namen "Käse", "Porno" oder "Rettich" hören. Um seine Tarnung aufrechtzuerhalten, bietet er an, Prostituierte für die Bordelle der Bandidos zu besorgen. Und auch hier liefert er. Die Anzeigen, die Forster in tschechischen Zeitungen schaltet, bezahlt das LKA. Ebenso wie die E-Klasse, mit der Forster Dutzende Frauen über die Grenze ins gesamte Bundesgebiet fährt. Und auch die Harley, die ein echter Rocker eben haben muss. Forster ist jetzt ein echter Rocker – vielleicht ist dies der Moment, in dem alles den Bach runtergeht. Für Forster. Für die Beamten. Und für den Rechtsstaat.