Wer will schon gern in einer No-go-Area leben, in einer unsicheren Gegend? Das fragte sich eine Mannheimer Abiturientin und Jugend-forscht-Siegerin und durchstreifte den berüchtigten Stadtteil Neckarstadt-West. Was sie dort feststellte, irritierte sie. Viele der 22.000 Einwohner in diesem vom Krieg nicht zerstörten Arbeiterquartier mit seinen engen, dichten Straßen würden wegziehen, wenn sie es sich leisten könnten. Aber unsicher fühlten sie sich hier nicht.

Stolze Anwohner traf sie in dem Quartier, durch das eine Tramlinie führt und in dem die Immobilienpreise auch nach Jahren des Booms niedrig geblieben sind. Die Gründe dafür drängen sich auf: In den Straßen liegt Dreck herum. Es gibt keinen Sportverein. Von den vielen Kirchen ist nur die Hälfte noch in Gebrauch, Moscheebesucher bleiben unter sich. Ein Bürgertreff wird nur gelegentlich an Vereine aus anderen Teilen Mannheims vermietet, statt ein lebendiger Marktplatz der Kulturen zu sein. In der Haupteinkaufsstraße reihen sich Wettbüros und Geldautomaten aneinander. Immerhin hat es zuletzt einige Kreative hierher gezogen, und mit ihnen kamen alternative Cafés und Kulturkioske, Vintageläden und sogar ein Eckchen, an dem jemand ein paar Pflanzen gesetzt hat.

Ist das eine No-go-Area? Warum hat Neckarstadt-West diesen Ruf, was genau ist dafür verantwortlich?

Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz fragt sich das auch. Denn getan hat er für das Neckarstadt-Quartier durchaus etwas. Gerade erst ließ er einen riesigen Bunker sanieren, in den das Stadtarchiv einziehen soll. Zwei Grundschulen unterstützte er mit mehreren Hunderttausend Euro. Die Schulen waren auch ein Teil des Problems, denn ein vom Oberbürgermeister entsandter "Landvermesser" hatte festgestellt, dass die Kinder dort nur zu knapp 20 Prozent die Empfehlung für den Besuch einer weiterführenden Schule erhalten. In Mannheims bürgerlichen Stadtteilen liegt die Quote bei 80 Prozent. Es gibt in Neckarstadt-West auch keine Ganztagesschulen. Acht von zehn Schülern stammen aus dem Ausland, und während des Schuljahres kommen ständig neue hinzu, häufig aus Südosteuropa.

Anders die ersten Zuwanderer nach dem Krieg wohnen sie heute hier, dennoch erinnert vieles an alte Zeiten. Es gibt nur wenige Aufzüge, keine Tiefgaragen oder Fahrradwege. Und laut geht es zu, wenn es warm wird auf den Straßen der Neckarstadt-West. Eis gibt’s von den traditionellen Händlern, die dort seit 50 Jahren dem Sturm der Veränderung trotzen. Immer im November versucht der Quartiersmanager, mit einer "Lichtmeile" die Nacht zum Tag zu machen, aber auch dann vergisst man nicht, dass am Rand des Viertels der Rotlichtbezirk Mannheims, viele Beratungsstellen und ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge warten.

Mittelständische Doppelverdiener zieht es wegen der Lage am Fluss und der Urbanität zwar zunächst gern hierher. Doch wenn ihre Kinder die Fäkalsprache aus dem Kindergarten mitbringen, sind sie auch schnell wieder weg. In der Zwischenzeit leben sie mit Alteingesessenen, Kreativen und Südosteuropäern sprichwörtlich Tür an Tür – ebenso friedlich wie kontaktlos. Der Lebensalltag der Letzteren ist ja auch völlig anders: Nicht alle sind arbeitslos, viele aber prekär beschäftigt. Mutter geht putzen, Vater schafft als Tagelöhner auf Baustellen. Für die Kinder bleibt wenig Zeit. Bürgerinitiativen haben nur selten über zehn Mitglieder, die meisten halten kein Jahr durch. Keines der Milieus hier hat eine Mehrheit. In der Folge fehlen soziale Kontakte und soziale Kontrolle.

Neckarstadt-West in Mannheim ist für die Stadtplaner zur Herausfodrung geworden

Neckarstadt-West in Mannheim ist für die Stadtplaner zur Herausfodrung geworden

© ZEIT-Grafik

Die klassische Stadtplanung könnte die Straßen-, Park- und Wegesituation aufwendig verändern. So könnte sie Zeichen setzen und für ein interkulturelles Miteinander werben. Doch es fehlt an Mut und Geld. Sogar die Polizeistation ist so kaputtgespart, dass selbst Notrufe manchmal nur auf dem Tonband landen. Mitten im Viertel gibt es ein Jobcenter, aber das ist mehr mit Zuzahlungen als der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beschäftigt. Da kann ein einzelnes zwischendurch subventioniertes Theaterprojekt auch nicht mehr viel richten.

Der Alltag läuft eben, wie er läuft. Die Stadt hat das Quartier zum "Planungsbezirk mit besonderem Entwicklungsbedarf" erklärt, aber was genau soll denn entwickelt werden? Und wie? Manche Gemeinderäte wollen den Status quo per Erhaltungssatzung festgeschrieben wissen. Andere wollen keine besondere Förderung im Vergleich zu anderen Quartieren der Stadt, weil die Vielfalt in Mannheim ja alles in allem recht friedlich funktioniere.

Der Berliner Thinktank Progessives Zentrum hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass fast alle Großstädte in Deutschland – ebenso wie in Frankreich – mit ähnlichen Problemen kämpfen. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat registriert, dass solche Quartierssegregationen im ganzen Land zugenommen haben. Inzwischen dämmert so manchen, dass solche Vielfaltsquartiere sozusagen die Endstation der politischen Nahrungskette sind. Hier treten die Folgen von Klima-, Sozial- oder Flüchtlingspolitik zutage. Sie sind der Spiegel, den Rechtspopulisten ständig allen vorhalten: Als Beleg dafür, dass der Staat versage und dass Zuwanderung Probleme verursache. Eine Arbeitsgruppe hat deshalb einen "Mannheimer Appell zur Demokratie und Quartiersentwicklung" verfasst, um dieser strukturellen Ungleichheit mehr Aufmerksamkeit durch die Bundespolitik zu verschaffen. In Neckarstadt-West wurde das Projekt "Lokale Stadtsanierung" (LOS) gegründet.

Die große Koalition in Berlin will die soziale Förderung der Städte im Heimatministerium zusammenfassen. In der Praxis bringt sie es aber noch nicht einmal fertig, ressortübergreifend etwa Bildungs- und Stadtpolitik, Sicherheit und Demokratieförderung in verbindlichen Zielvereinbarungen mit den Städten effektiver voranzubringen als bisher. So bleibt beim Blick auf deutsche Quartiere das schale Gefühl, das auch die Mannheimer Abiturientin hatte, als sie loszog, um Neckarstadt-West zu verstehen. Das von ihr geschätzte bunte Quartier ist zwar keine No-go-Area, ihr aber dennoch seltsam fremd vorgekommen. Als sei es ein Stadtviertel voller Gegenwart, aber ohne Zukunftschancen für die meisten Menschen, die dort leben.