Als sie ins Bett gehen, ahnen die Hamburger noch nichts. Es gibt Unwetterwarnungen, es werden hohe Pegelstände erwartet. Doch daran sind sie gewöhnt, das kennen sie aus den vergangenen Jahren. Niemand kann sich vorstellen, zu was für einer Katastrophe es in der Nacht auf den 17. Februar 1962 kommen wird.

Seit einem Tag braut sich über der Nordsee der Orkan Vincinette zusammen, bald ist er 130 Stundenkilometer schnell. Er entwurzelt Bäume, deckt Häuser ab und drückt Wasser aus der Nordsee in die Elbe. Die Hamburger Polizei erhöht die Alarmstufe, am späten Abend warnt sie die Bürger in den Stadtteilen, die unmittelbar am Fluss liegen, mit Blaulicht, Sirenen, Lautsprechern und dem Läuten von Kirchenglocken. Wo das nicht ausreicht, schlagen Beamte Fensterscheiben ein und geben Warnschüsse ab.

In den frühen Morgenstunden geben die Dämme nach, werden überflutet und brechen an mehr als sechzig Stellen. Besonders schlimm ist die Lage im tiefer gelegenen Wilhelmsburg, wo 80.000 Menschen leben, vielfach in prekären Verhältnissen. Schon in den 1920ern hatte Oberbaudirektor Fritz Schumacher vor einer Überschwemmung gewarnt: Man könne auf der Elbinsel höchstens arbeiten, nicht wohnen. Das nahm niemand ernst.

In einer Kleingartenanlage leben dort im Jahr 1962 noch immer viele, die im Zweiten Weltkrieg ihr Zuhause verloren haben. Sie verlassen sich auf den sechs Meter hohen Deich. Doch der ist aus schlechtem Material gebaut, er hält den Wassermassen nicht stand. Wer nach Mitternacht trotz der Warnungen schläft, hat kaum Chancen zu überleben. Viele der Bewohner retten sich auf Bäume und auf Dächer, einige greifen nach Planken ihrer Gartenlauben. Es ist mitten in der Nacht, und die Temperaturen liegen nahe bei null Grad.

Die Infrastruktur in der Stadt bricht fast gänzlich zusammen. Der Strom fällt in vielen Vierteln aus, mehrere Kraftwerke sind überflutet, Polizei und Feuerwehr können zeitweise nicht mehr miteinander kommunizieren. Um 2.40 Uhr ist der Rathausmarkt geflutet. Am St.-Pauli-Pegel erreicht das Wasser einen Stand von 5,73 Meter über Normalnull. Das hat es noch nie zuvor in der Geschichte gegeben. Um vier Uhr stehen 120 Quadratkilometer unter Wasser. Das ist ein Sechstel des gesamten Stadtgebietes. Mehrere Zehntausend Menschen sind eingeschlossen und warten auf Rettung.

25.000 Helfer kämpfen in dieser Nacht und am nächsten Tag gegen die Wassermassen an. Für 315 Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Sie sterben in den Fluten, 207 von ihnen in Wilhelmsburg. Die Toten werden auf der Eisbahn in Planten un Blomen aufgebahrt. Das Wasser fließt in den folgenden Tagen langsam wieder ab. Mehrere Hundert Menschen liegen mit Verletzungen und Unterkühlungen in den Krankenhäusern. Durch das Verwesen von mehr als 4000 toten Großtieren besteht Seuchengefahr. Erst jetzt ist an den Häusern das Ausmaß der Schäden zu sehen. 20.000 Menschen müssen in den nächsten Wochen in Notunterkünften leben, 1000 Wohnungen sind zerstört oder sehr stark beschädigt, mehr als 10.000 erst einmal nicht bewohnbar.

Als Reaktion auf die Katastrophe investiert die Stadt in neue Deiche. Auf 100 Kilometer Länge schafft sie einen durchgehenden Hochwasserschutz, der damals mindestens 7,20 Meter über Normalnull hoch sein muss.