Wenn ein Chefaufseher seinen eigenen Aktionären "Psychoterror" vorwirft und kurz danach zurücktritt, dann geht er nicht im Guten. Nein, er möchte deutlich machen, dass gerade etwas Unerhörtes passiert. Es geht um Thyssenkrupp, den letzten großen Industriekonzern des Ruhrgebiets und eines der wichtigsten Unternehmen Deutschlands. Kurz nacheinander sind hier der Chef Heinrich Hiesinger und der Chef des Aufsichtsrates, Ulrich Lehner, zurückgetreten. Der Grund dafür sind zwei Großaktionäre aus Schweden und Amerika, die völlig andere Vorstellungen von der Zukunft des Konzerns haben als das (ehemalige) Management. Sie wollen Thyssenkrupp zerteilen und verkaufen, fusionieren oder sonst wie in Bewegung bringen. Und offenbar kommen sie voran. Die Rücktritte zeigen: Hier wird ein Großkonzern vor aller Augen zerlegt.

Wo bleibt da der Kampfgeist? Das möchte man von den Managern wissen, die einfach aufgeben, statt für ihre Ziele einzutreten. Wo bleibt der Kampfgeist? Das möchte man auch von der größten Eigentümerin des Konzerns wissen: der mächtigen Krupp-Stiftung. Das Verrückte im Fall Thyssenkrupp ist, dass die Stiftung die Zerschlagung laut eigener Aussage gar nicht will. Sie hält das Ziel hoch, die Einheit des Konzerns zu bewahren. Die Stiftung bedauert öffentlich alle Rücktritte, die sie jedoch nicht verhindert hat – genauso wenig wie die Erosion ihrer Macht im Konzern.

Wenn die Zerschlagung kommt, dann hat das Folgen. Nicht nur negative: Die Menschen, die ihr Geld in Thyssenkrupp-Aktien gesteckt haben, könnten gewinnen. Auch den Mitarbeitern der profitablen Teile, wie etwa des Aufzuggeschäfts, könnte es besser gehen. Aber es wird auch Verlierer geben: diejenigen, die in schwächelnden Bereichen arbeiten; womöglich auch die Region.

In der Villa Hügel in Essen, so ist zu hören, sammelt man gerade die Kräfte. Das ist gut so. Deutschland braucht nicht unbedingt einen Großkonzern Thyssenkrupp in der jetzigen Form. Doch einen Eigentümer, der andere mit ihren rabiaten Methoden kampflos durchkommen lässt, kann es auch nicht gebrauchen.

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