Alexander Rabitsch atmet scharf aus, dann krempelt er die Ärmel hoch. Vor dem Kärntner Tierarzt kauern in einer Schachtel zwei Degus, Verwandte der Meerschweinchen, die kastriert werden sollen. Die Herausforderung bei so einem winzigen Tier sei: "Wie betäube ich es so, dass es sicher wieder aufwacht?" Dreimal rechnet Rabitsch die Dosis des Betäubungsmittels nach, bevor er die Nadel am Hinterteil des Degus ansetzt.

Immer wieder wird Alexander Rabitsch in den nächsten Stunden zur Schachtel gehen und nachschauen, ob die kleinen Tiere endlich reagieren. Der 60-jährige Veterinär nimmt seine Aufgaben in dem Südkärntner Städtchen Ferlach sehr ernst. Ebenso ernst wie seinen Auftritt vor dem Deutschen Bundestag nur gut 24 Stunden zuvor, wo er über Tiertransporte sprach.

Rabitsch ist auf diesem Gebiet einer der gefragtesten Experten in Europa. Er schult Verkehrspolizisten und Amtstierärzte in Österreich, Deutschland, Polen, Bulgarien, Lettland und Litauen, ist Gerichts-Sachverständiger, Buchautor, und auch an der Seite von Tierschutzaktivisten ist er immer wieder zu finden. Ein kleiner Kärntner Tierarzt als großer Kritiker der Missstände bei Tiertransporten: Alexander Rabitsch hat sich damit nicht nur Freunde gemacht.

Auf der Fahrt von Klagenfurt in sein Rosental zeigt er immer wieder auf Berge – "das Ferlacher Horn" – und ruft: "Ist das nicht schön!" Für ihn war schon früh klar, dass er bald nach dem Studium in Wien zurück an seinen Geburtsort gehen würde. Rabitsch entstammt einer slowenischsprachigen Familie, bis 1910 schrieb sie sich Rabič. "Das bedeutet 'Wanderknecht', einer, der von Hof zu Hof zieht. So wie ich!", sagt er und lacht.

Dabei ist Rabitsch heute nicht mehr so viel auf Bauernhöfen unterwegs wie früher. Hunderten Kälbern hat er auf die Welt geholfen und sich dabei drei Sehnen an der Schulter gerissen. Doch die Höfe in der Gegend sind klein, viele Bauern haben aufgegeben. Jetzt kümmert er sich hauptsächlich um Hunde und Katzen.

Seine Praxis hat Rabitsch im Haus der verstorbenen Großmutter eingerichtet, wo er auch wohnt. Vom Behandlungsraum führt eine Tür in ein Operationszimmer und eine in das mit Büchern vollgestopfte Büro. Der Tierarzt kennt fast jeden, der zu der Tür hereinkommt. Er sagt "bööser Hund!" und scherzt in breitem Südkärntnerisch. Noch heute kann er sich über jeden Erfolg freuen: über den Bauern, den er dazu brachte, dass er endlich seine Ziegen ins Freie lässt. Oder dass er den roten, tumorkranken Kater Rudi durch eine Operation retten konnte. Dennoch ist das allein Rabitsch zu wenig: Er will etwas ändern an den Bedingungen, unter denen die Abertausenden Nutztiere existieren müssen.

Deswegen läuft er zwischen einem Hund mit Ohrenschmerzen und einer Katze, die geimpft werden soll, in sein Büro, schreibt E-Mails und ruft: "Ah, jetzt tut sich was!" Eine Kollegin, Aktivistin einer Tierschutzorganisation, mit der Rabitsch im spanischen Galizien Viehmärkte inspizierte, hat ihm die Stellungnahme der Lokalregierung weitergeleitet.

Ein Experte, der sich Aktivisten anschließt: Gerät Rabitsch da nicht in einen Widerspruch? Er verneint: "Ich bleibe immer auf dem Boden der Gesetze." In Ställe eindringen, um mit Kameras Missstände zu dokumentieren, so etwas würde er nie tun, sagt er – obwohl er es nicht verurteilt, schließlich seien die Kontrollbehörden chronisch unterbesetzt.

Rabitsch ist an diesem Tag erst nach Mitternacht aus Berlin heimgekehrt, schon am Wochenende wird er wieder nach Deutschland reisen: erst zu einer Tierschutzkonferenz, dann nach Münster, um Verkehrspolizisten zu schulen.

Eine Woche pro Monat ist Rabitsch durchschnittlich unterwegs. Vom Dialekt schaltet er dann mühelos ins Englische um, anstatt gescherzt wird dann Klartext gesprochen. So wie beim Vortrag in Straßburg, wo Rabitsch dem EU-Kommissar für Gesundheit, Vytenis Andriukaitis, widerspricht. "Unser Kommissar sagt uns, dass die Tiertransport-Verordnung in den letzten zwei Jahren viel besser eingehalten werde", sagt er vor den EU-Parlamentariern – doch wahr sei das Gegenteil.

Dann legt er los, im Stakkato. Millionenfach würden Tiere in immer weiter entfernte Länder gekarrt. "In heiße Länder", sagt Rabitsch: "Libanon, Israel, Türkei." Er projiziert Karten an die Wand, auf denen die teils 5000 Kilometer langen Routen eingezeichnet sind: Deutschland–Usbekistan. Lettland–Spanien. Solche Strecken müssten Rinder und Schafe aushalten, in der Hitze, oft ohne Klimaanlagen und geeignete Tränken. Rabitsch fasst den Status quo zusammen: "zu wenige Kontrollen, unzureichende Durchsetzung der Regeln, zu geringe Strafen".