Die Frau hat allen Grund zu lächeln; es fehlt ihr nicht an Verehrern. 22.000 Besucher wollen Tag für Tag zur Mona Lisa. Sie walzen durch Gänge des Louvre, vorbei an 9000 Jahren Kunstgeschichte für ein Speeddating mit der Schönen hinter Panzerglas. Die Verehrer lächeln nicht. Es gibt genug Fotos von ihnen, aufgenommen quasi durch die Augen der La Gioconda. Da sieht man abgehetzte Menschen, dicht an dicht zusammengequetscht. Manche recken ihre Handys wie Exorzisten das Kruzifix. Andere blicken genervt zur Seite, vielleicht hat sie jemand gestoßen. Sie alle haben viel auf sich genommen, um diesen Moment zu erleben. Genießen tun sie ihn nicht.

So etwas passiert auch anderswo, heute öfter denn je. Wo man auch hinfährt, von der Bergkapelle aus dem Mittelalter bis zum Traumstrand in der Südsee, immer sind schon die anderen da, absurde Mengen von Leuten. Die Reisewelt platzt aus den Nähten.

Ein normaler Ferientag. In Palma de Mallorca landen gleichzeitig vier Maschinen aus Münster, Berlin, Hannover und Hamburg. Die nächsten aus Luxemburg und Birmingham schwenken schon auf die Landebahn ein. Und so geht es weiter, im Minutentakt. Vor der Küste von Barcelona legen derweil vier Kreuzfahrtschiffe an. Jedes von ihnen spuckt drei-, viertausend Passagiere in die Ramblas aus. In Dubrovnik wollen auch heute zehntausend Touristen den Drehort der Serie Game of Thrones besichtigen. Eine halbe Stunde brauchen sie für den Weg durch die Fußgängerzone. Dabei ist die gerade mal 300 Meter lang. Über die Verbotene Stadt in Peking brechen unterdessen vierzigtausend Besucher herein. Sicher fragen die Anwohner sich schon, ob das mit dem Verbot damals eine so blöde Idee war.

Am Trevi-Brunnen regnen wieder zigtausend Münzen ins Wasser. 1,4 Millionen Euro kamen so im vorletzten Jahr zusammen. Ein eigens abgestellter Polizist achtet darauf, dass niemand hineinspringt und sich bedient. Auch fernab der Städte ist die Hölle los. Im isländischen Nirgendwo parken dreißig Reisebusse neben dem Großen Geysir. Trauben von Touristen machen Selfies mit zugehaltener Nase. Auf dem Jakobsweg treten sich die Pilger auf die Füße. Streckenweise wandern sie im Abstand von vier Metern. Selbstfindung im Gänsemarsch.

Zählt man zusammen, ergeben sich schwindelerregende Zahlen. 1950 fanden weltweit 25 Millionen Auslandsreisen statt. Im Jahr 2000 waren es schon dreißigmal so viele. Mittlerweile sind wir bei 1,2 Milliarden. Dazu kommt noch ein Vielfaches: die Urlaube im eigenen Land. Ein Getümmel, neben dem die Völkerwanderung wie ein Schützenfestumzug aussähe. Die kluge neue Studie Die Welt im Selfie von Marco d’Eramo sieht da noch mehr: "ein Bild der ganzen Menschheit in immerwährender, rastloser Betriebsamkeit".

Für uns, die wir in der Schlange warten, ist es schlicht eine Gemeinheit. Endlich steht die Welt uns offen. Wir kommen per Billigflieger über den Atlantik. Finden günstige Apartments in London oder Paris. Und dann, dem Sehnsuchtsziel so nah, prallen wir gegen einen Wall aus berucksackten Rücken, ein Spalier aus Selfiesticks. Ausbrechen unmöglich – Verbotsschilder und Absperrgitter halten die Herde beisammen. Da stehen wir, die Verehrer des Schönen: angelockt und abgefertigt.

Keine Frage, die Leute müssen da weg, sie stehen uns im Weg. Overtourism, Übertourismus, heißt das Problem. Das Wort stammt aus der Reisebranche. Selbst dort setzt sich die Einsicht durch, dass man zu viel Erfolg haben kann. Auf der weltgrößten Touristikmesse hörte man in diesem Jahr ungewohnte Appelle: Besucherattraktionen baten um weniger Besucher.

Tourismuskritik war bis jetzt eine Sache von oben herab; es ging um Manieren, um Respekt vor der fremden Kultur. Da führten die Reisenden selbst gern das große Wort: Ach ja, unsere Landsleute, peinlich ... Das hatte auch etwas Tröstliches. Benimm dich, dann bist du kein Touri mehr, dann öffnen sich dir die Herzen. In Zeiten des Overtourism beginnt das Ärgernis mit der schieren Anwesenheit. Den Mallorquiner kümmert wenig, ob ich ein Hawaiihemd oder einen Leinenanzug trage. Ob ich mein Eis auf Spanisch bestelle und ordentlich Trinkgeld gebe. Er registriert vor allem, dass mein Mietwagen seinen Parkplatz blockiert. Dass sein Trinkwasser knapp wird, weil ich an einem Badetag zwei- oder dreimal dusche.

Und der klassische Strandurlauber ist noch das kleinste Problem. Der bleibt ja zufrieden in seiner Bettenburg am Ortsrand, statt in der Altstadt den Bewohnern auf die Pelle zu rücken. Man muss nur horchen, wo am lautesten geklagt wird: in Cambridge zum Beispiel, in Florenz oder den Cinque Terre. Im Wesentlichen also dort, wo gediegene Kulturtouristen hinfahren. Die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam ist länger als die vor jeder Ballermann-Disco.

Jetzt, wo wieder die Reisewelle losbricht, wird sie auf Widerstand stoßen. An mehreren Zielen formieren sich Bürgerinitiativen. Sie richten symbolisch eine Kanone auf die örtliche Airbnb-Zentrale. Verkleiden sich auf Demos als hässliche Touristen. Auf Spruchbändern und Graffiti entlädt sich blanke Wut. In San Sebastián: "Dein Luxus-Urlaub ist mein Elend". In Kreuzberg: "Touristen fisten". In Barcelona: "Warum heißt es Touristensaison, wenn wir nicht auf sie schießen dürfen?" Das alles gilt nicht den Banausen, den lästigen Mitreisenden. Nein, die meinen Sie und mich. Wir sind die Übertouristen!