Ein früher Abend in Cannaregio, dem ehemaligen Handwerkerviertel Venedigs. Vor der Bar Vino Vero bietet sich ein seltenes Bild: Einheimische, die den Feierabend mit einer "ombra", einem kleinen Glas Wein, einleiten. Hierher haben wir fünf Venezianer eingeladen, um mit ihnen über ihr Verhältnis zum Tourismus zu sprechen: den Werber Emanuele Dal Carlo, 52, die Galeristin Michela Rizzo, 54, den Aktivisten Marco Caberlotto, 27, die Ferienwohnungsagentin Christine Faber, 51, die 1995 nach Venedig zog, und den Handwerker Piero Dri, 34. Als der Kellner die Weinkarte bringt, lehnen alle ab. Das Thema sei so ernst, dass sie lieber nüchtern bleiben. Es geht, sagt Dal Carlo, "um Leben oder Tod". Also bestellen wir eine Runde Wasser und "cicchetti", kunstvoll belegte Appetithäppchen. Vom Misericordia-Kanal weht eine leichte Brise herüber. Ob es heute noch regnet?

DIE ZEIT: Auf dem Weg hierher sind wir diversen Benimm-Tafeln begegnet: Wir sollen die Mülleimer benutzen, nicht mit nacktem Oberkörper herumlaufen, nicht auf den Brücken picknicken. In einigen Fenstern hingen Transparente mit der unmissverständlichen Botschaft: "Tourist go home." Ist es wirklich so schlimm?

Emanuele Dal Carlo: Diese Bar hier am Kanal, die fünf Quadratmeter, auf denen wir sitzen, sind total okay. Der Rest ist der blanke Horror. Ich bin über die Strada Nova gekommen, die Haupteinkaufsstraße. Menschen rollen mit Trolleys über deine Füße, rempeln dich mit ihren Eistüten an oder schleichen, als würden sie träumen. Ich habe auf ein paar Hundert Metern so viel geflucht, dass ich Angst hatte, auf der Stelle exkommuniziert zu werden.

Piero Dri: Man fühlt sich in der eigenen Stadt wie ein Fremder. Es gibt Tage, da sehe ich kein einziges bekanntes Gesicht.

Michela Rizzo: Für mich bleibt es ein großes Privileg, hier meine Galerie zu haben. Aber wie viele schöne Städte leiden wir unter den Folgen des Massentourismus.

Christine Faber: Nur dass Venedig viel kleiner ist als Florenz oder Rom. Im Vergleich ist Venedig eine winzige Fußgängerzone. Und dann bringen die Billigflieger immer mehr Leute, die sich nicht benehmen können.

Marco Caberlotto: Ich will das nicht so moralisch sehen. Weil Touristen hier oft nur anderen Touristen begegnen, kommen sie überhaupt nicht auf die Idee, dass hier Leute leben könnten, die sich durch ihr Verhalten gestört fühlen. Sie denken, sie wären in einem Freizeitpark.

ZEIT: Touristiker sprechen von overtourism, wenn das Verhältnis zwischen Einwohnern und Gästen völlig aus dem Lot gerät. In Venedig kommen auf 54.000 Einwohner etwa 30 Millionen Touristen pro Jahr. Während die Zahl der Touristen steigt, ziehen jedes Jahr 1000 Venezianer weg. Was läuft da schief?

Die Galeristin Michela Rizzo kramt Kopien alter Zeitungsartikel aus ihrer Handtasche hervor, in denen über ihren Vater, den Vorsitzenden der venezianischen Bäckervereinigung, berichtet wird, der zwischen 1988 und 1993 gegen den Exodus der Venezianer kämpfte. Die Zeitungsbilder zeigen Alfredo Rizzo neben Ministern und Bürgermeistern.

Rizzo: Mein Vater hatte schon lange die große Sorge, dass die Bevölkerungszahl sich auf 50.000 Einwohner halbieren könnte. Jetzt liegen wir bei 54.000. Seine Vorhersage tritt ein.

Dal Carlo: Schon vor 30 Jahren, als wir noch 70.000 Einwohner hatten, gab es Studien, die besagten, Venedig verkrafte nicht mehr als 20.000 Touristen am Tag. Das hat niemand ernst genommen. Die Stadt sah nur das schnelle Geld, lockte immer mehr Hoteliers und Investoren. Inzwischen kommen täglich im Schnitt über 70.000 Touristen auf 54.000 Einwohner.

ZEIT: Die meisten von Ihnen stammen aus Venedig. Was sind die eklatantesten Veränderungen der vergangenen Jahre?

Dri: In meiner Kindheit war es einfach, hier ungestört ein ganz normales Leben zu führen. Damals war der Kanal in unserem Rücken voller Ruderboote. Die Leute fuhren auf ein Glas Wein mal ein paar Häuser weiter. Jetzt rasen hier bis in die Nacht Schnellboote durch, weil die Hotels dringend Klopapier oder sonst was brauchen. Die Stadt ist aus dem Takt.

Rizzo: Die sozioökonomische Struktur hat sich stark verändert. Die Geschäfte meiner Familie verkauften früher vor allem Backwaren an die Bewohner. Heute holen sich Touristen Snacks bei uns.

Faber: Die Qualität in den Geschäften hat generell nachgelassen. Mein Mann handelt mit Modeschmuck, da ist es wirklich schwierig geworden, seitdem chinesische Billigware den Markt überspült. Sie glauben gar nicht, was da alles als Muranoglas verkauft wird!