Dal Carlo: Vor dem Haus meiner Eltern hatte ein Australier mal sein Zelt aufgebaut. Wir sind runter und haben gesagt: Sorry, du versperrst uns den Eingang. Da ist er ein paar Meter zur Seite gezogen. Wir haben dann zusammen zu Abend gegessen, geraucht und geredet. Ein Mal ist so was toll. Aber jeden Tag? Es ist auch nicht schlimm, wenn mal ein Mädchen in Shorts in eine Kirche rennt. Aber wenn es alle tun, nervt es. Und je mehr Menschen kommen, desto größer wird die Zahl derer, die sich danebenbenehmen.

ZEIT: Es kursieren immer wieder Vorschläge, wie man die Besucherzahlen reduzieren könnte: Mal sollen Bezahlschranken am Markusplatz eingeführt werden, mal die Touristenboote aus Jesolo nicht mehr vor dem Dogenpalast anlegen dürfen. Der Bürgermeister hat unlängst vorgeschlagen, alle Venezianer aufs Festland umzusiedeln, damit sie ihre Ruhe haben.

Dri: Der Bürgermeister hat jeden Tag eine neue Idee. Die sind aber nie ernst gemeint.

Caberlotto: Es geht eher darum, den Eindruck zu vermitteln: Wir kümmern uns.

Dal Carlo: Die Stadt hat kein Konzept.

ZEIT: Darüber hätten wir gerne mit jemandem von der Stadt gesprochen. Leider haben alle Mitarbeiter der Verwaltung, die wir in diese Runde eingeladen hatten, in letzter Minute abgesagt.

Dal Carlo: Das wundert mich nicht. Fairerweise muss man sagen, dass den Behörden die Hände gebunden sind. Ich bewundere die Bürgermeisterin von Barcelona, die hart gegen illegale Wohnungsvermietungen vorgeht, seitdem für die Einheimischen der Wohnraum knapp wird. Aber für solche Maßnahmen gibt es bei uns keine Rechtsgrundlage. Seit 2014 ist private Vermietung an Urlauber nahezu steuerfrei. Das war für Venedig der Dammbruch.

Allgemeines Nicken in der Runde, nur Christine Faber schüttelt den Kopf. So einfach sei das jetzt aber nicht. Der Kellner versucht es wieder mit der Weinkarte. Ohne Erfolg. Noch eine Runde Wasser, bitte!

ZEIT: Sind Airbnb-Touristen nicht mehrheitlich die "guten Urlauber", von denen Piero Dri eben sprach? Sie lassen sich auf das Leben in der Stadt ein, gehen auf den Markt, ins Restaurant, ins Museum.

Dal Carlo: Noch einmal: Gegen den Einzelnen ist überhaupt nichts zu sagen. Auch hier ist das Problem: die Masse. Für Venezianer ist es inzwischen nicht mehr lukrativ, an Einheimische zu vermieten. Mit Touristen verdienen sie einfach mehr.

Caberlotto: Das ist zurzeit unser größtes Problem. Wenn Sie 100 Wohnungen vom Markt nehmen, um sie teuer an Urlauber zu vermieten, verdoppelt sich der Mietzins für 100 andere Wohnungen. Deshalb finden wir jungen Leute hier keine bezahlbaren Wohnungen. Ich habe Glück, ich lebe in einer 30-Quadratmeter-Wohnung, die meiner Familie gehört.

Dri: Ich wohne noch bei meinen Eltern.

ZEIT: Frau Faber, Sie vermieten Wohnungen über Airbnb und homeaway. Fühlen Sie sich schuldig?

Faber: Warum? Das ist mein Beruf. Ich besitze vier Wohnungen, von denen ich drei vermiete, um mein Leben hier zu finanzieren, das Studium meines Sohnes zu bezahlen und meine Mutter in Deutschland zu unterstützen. Außerdem verwalte ich 22 weitere Wohnungen, deren Eigentümer an Touristen vermieten. Die meisten sind Venezianer, die machen das nicht alle aus Geldgier, einige haben schlechte Erfahrungen mit anderen Venezianern gemacht. Einer hat ein Jahr lang prozessiert, bis er einen säumigen Mieter raus hatte.

Dal Carlo: Als Geschäftsmann verstehe ich, dass Sie Geld verdienen wollen. Aber da stimmt doch etwas grundsätzlich nicht in Ihrer Kalkulation: Sie brauchen vier Wohnungen, um hier zu leben. Wenn jeder dieses Modell hätte, bräuchten wir viermal so viele Wohnungen. Oder es können nur noch Reiche in Venedig wohnen. Ich selbst bin vor Jahren aus meiner Wohnung geflogen, weil der Vermieter es lukrativer fand, an Touristen zu vermieten. Ich zog danach raus aufs Festland, weil ich keine Lust mehr auf dieses Spiel hatte.

Faber: Ich gebe vier Frauen eine Arbeit, von der sie gut leben können. Ich weiß nicht, was daran ehrenrührig sein soll.

Jetzt mischt sich die Übersetzerin ins Gespräch. Sie habe in zehn Jahren achtmal umziehen müssen, weil alle ihre Vermieter die Wohnungen in Ferienapartments umgewandelt hätten. "In drei Tagen muss ich schon wieder raus."

ZEIT: Herr Dal Carlo, Sie sind Mitbegründer der Plattform FairBnB. Was unterscheidet Sie von den üblichen Anbietern?

Dal Carlo: Wir gründen dieser Tage eine Genossenschaft, die einen Teil der Mieteinnahmen an soziale Projekte in der Stadt abführt. Die Vermieter entscheiden selbst, ob sie ein Altenheim, eine Schule oder Ähnliches unterstützen wollen. Außerdem erlauben wir nur eine Wohnung pro Vermieter und stellen der Stadt all unsere Daten zur Verfügung. Wir wollen alles richtig machen, was Airbnb falsch macht.