Hier riecht es nach Weihrauch. Achtung, jetzt wird es richtig evangelisch. Oder katholisch oder beides. Denn katholisch ist sie ja, die evangelische Kirche, an diesem Festsonntag in der Gartenkirche in Hannover. Katholisch heißt "allgemein", also für alle und mit allen, weltweit. Wenn schon ein Kampfbegriff, dann gegen die nationale Überhöhung der Kirche. So versteht das die Gemeinde. Vielleicht fühlen sich deshalb Menschen aus aller Herren Länder so geborgen.

Ein paar norddeutsche Lutheraner ziehen trotzdem die Augenbraue hoch, als ich über diesen Gottesdienst spreche. Dabei verdankt sich seine Form durch und durch Luther. Der hat nämlich die lateinische Messe nicht abgeschafft, sondern in die Lebenssprache der Gemeinde übersetzt und theologisch neu ausgerichtet. Eine Missa sollte es für ihn bleiben, ein Gottesdienst, in dem Predigt und Eucharistiefeier zusammenkommen. Die alte Liturgie ist hier nicht steif oder kirchenmuseal, sie ist auch nichts für besonders noble Christenmenschen. Sie kommt aus einem fernen Raum und erinnert daran, dass vor uns andere waren, eine Ordnung, an der sich schon vor uns Menschen festgehalten haben, als die Welt aus den Fugen geriet, aber kein Gesetz, das unterwirft und kein Religionstheater aus dem Altarraum.

In den gregorianischen Wechselgesängen mit der Schola, im Gesang des Liturgen und den alten Glaubensliedern, in den weißen Gewändern und – ja – im Weihrauch verknüpft sich das alte Band mit der Vergangenheit der Kirche und verbindet sich mit den Kirchen weltweit, eine Ökumene, die die konfessionellen Unterschiede nur da markiert, wo es sie auch wirklich gibt. Das Rauchzeug für die Messe kommt ja nicht aus Rom, sondern aus der Bibel: ein sinnliches Zeichen dafür, dass die Gebete in den Himmel steigen und in Gottes Nase. Nasen kann man, anders als Ohren und Augen, nicht schließen. In den Augenblicken, in denen liturgisch Gott als Geheimnis der Welt angesprochen wird, hüllt Rauch und fremder Wohlgeruch den Altar ein.

Das könnte auch schiefgehen in diesen Tagen. Eine Inszenierung aus der Zeit, in der vermeintlich alles besser war, der vollendet-erhabene Rückzugsort vor der Unordnung der Welt. Das wäre dann weder katholisch noch evangelisch, sondern reaktionär. Doch die Ordnung trägt heute, und die große Gemeinde fädelt sich einfach ein, irgendwie entspannt. Luthers "hilaritas" fällt mir ein, eine Haltung, die "Freude" nicht mit Spaß verwechselt, sondern mit tiefem Trost, der etwas davon weiß, dass man nicht alles neu erfinden muss, um in die Zukunft zu gehen. Missa, das heißt übrigens: "Entlassung" in die Welt.