Winfried Völlger schaut nach links und nach rechts, dann setzt er das Saxofon an die Lippen. Klare, hohe Töne steigen in den Leipziger Abendhimmel. Völlger spielt Jazz. Die Passanten machen einen kleinen Bogen um ihn. Niemand sieht ihn an, keiner bleibt stehen; es ist, als müssten alle sich unauffällig an dieses plötzliche Angebot gewöhnen. Ein Mädchen wird langsamer, guckt in Völlgers leeren Hut, der auf dem Bordstein liegt. Sie geht weiter. Ein junger Mann eilt vorbei, wirft eine Münze in den Hut. Völlger nickt ihm höflich nach. Jetzt bleibt ein älteres Paar stehen, der Mann wippt kurz auf und ab, die Frau kramt in ihrer Handtasche. Völlger spielt, bis die Dämmerung kommt. Dann zieht er weiter, wird in einer Kneipe musizieren, später in einem Kulturzentrum, wie so oft.

Dabei ist es gar nicht die Musik, die ihn bekannt gemacht hat.

Winfried Völlger, 70 Jahre, weißer Bart, kahler Schädel, war in der DDR ein viel gelesener Schriftsteller. Er ist ein eigenwilliger Mann mit melancholischen Augen und vielen Talenten. Und jetzt ist er eben Straßenmusiker. Ein sehr guter, er hat als Rentner noch einmal Musikwissenschaften studiert, eine solide Saxofonausbildung genossen. Ein-, zweimal im Jahr fragen die Leute ihn: "Sind Sie es? Der Schriftsteller?" Völlger nickt dann und freut sich, dass er nicht vergessen ist. Dass sein altes Leben noch zählt. Obwohl es, weitgehend, vorbei ist.

2015 ist sein letztes Buch erschienen, der Roman Windhahnsyndrom. Erneut erschienen, muss man sagen, denn das Buch war im Sommer 1983, sechs Jahre vor dem Fall der Mauer, zum ersten Mal veröffentlicht worden – die 10.000 Exemplare der Erstauflage waren gleich bei Erscheinen vergriffen. Bis 1989 wurde das Buch 40.000-mal verkauft – nicht nur nach DDR-Maßstäben war Völlger ein Erfolgsautor, der mit dem Windhahnsyndrom die Höhe seines Ruhms erreicht hatte. Schon vorher war er als Autor von Kinderbüchern bekannt, hatte Essays verfasst, Stücke für den Hörfunk und für Puppentheater geschrieben und war dennoch, was er selbst einen "unangepassten DDR-Autor" nennt. Völlger war unbequem, weil er einen scharfen Blick für die Absurditäten der DDR hatte und sie auch benannte. Innerhalb des Schriftstellerverbandes seiner Heimatstadt Halle, dessen Mitglieder zu über einem Drittel IM der Staatssicherheit waren, entwickelte sich Völlger, wie er es später selbst formulierte, "zum Einzelgänger, er hält sich bedeckt und schreibt".

Und er schrieb ja wirklich Texte, die provokant waren: Das Windhahnsyndrom erzählt die Geschichte der Sprachwissenschaftlerin Claudia, die sich während einer Forschungsreise im Himalaya offenbar mit einer unbekannten Krankheit infiziert hat. Zurück in der DDR bricht sie fortwährend in heftiges Gelächter aus: immer dann, wenn sie den Absurditäten des DDR-Alltags begegnet. Völlger schildert, wie brutal Schule und Staat mit Jugendlichen umgehen, die sich ihren Ansprüchen nicht unterwerfen; ganz offen tritt die Stasi auf, die den Film eines Amateurfilmers beschlagnahmt. Für die DDR-Leser müssen diese Seiten 1983 geradezu geknistert haben. Eingebettet sind solche Szenen in die Geschichte einer jugendlichen Boheme, in der die DDR farbig, nicht fade, sondern höchst lebendig erscheint. Bewohnt von echten Menschen mit realen Sorgen wie der, eine Wohnung zugeteilt zu bekommen – auch eine Absurdität des DDR-Alltags.

Nach der Wende war er immer noch Schriftsteller. Aber einer ohne Leser

Völlger lebt heute in einer sehr aufgeräumten Leipziger Einzimmerwohnung, an der Wand hängen Kreidepastelle, die er selbst gezeichnet hat. Wer ihn besucht, merkt gleich: wie gerne er von dieser Zeit, damals, erzählt. Wie konnte sein Roman in der DDR so erscheinen? "Mein Ziel war ein Drittelmix: ein Drittel Zugeständnisse, ein Drittel erfolgreiche Verteidigung, ein Drittel Nachdenken, vielleicht Nachbesserung", sagt er. Das "Druckgenehmigungsverfahren" in der DDR war mehrstufig: Gutachter, Zensoren, Stasi-Leser. Fast wäre der Roman dort durchgefallen, aber Völlger konnte den stellvertretenden DDR-Kulturminister Klaus Höpcke persönlich überzeugen: Er gab die Erlaubnis, das Buch erschien 1983. Von nun an lebte Völlger in Höpckes Schatten, wie er sagt. Der Bürgerbewegung schloss er sich 1989 trotzdem an. Noch im Oktober 1989 landete er im "Roten Ochsen", dem Gefängnis von Halle. All die Jahre hatte die Stasi ein Verfahren wegen des staatsfeindlichen Windhahnsyndroms gegen Völlger vorbereitet. Nur zu gern hätte sie es zum Abschluss gebracht.