DIE ZEIT: Frau Findeiß, Sie sind Oberbürgermeisterin von Zwickau – jener Stadt, in der die NSU-Terroristen jahrelang lebten. Vorige Woche ist der Prozess zu Ende gegangen. Schließen Sie nun mit dem Thema ab?

Pia Findeiß: Nein, das will ich gar nicht. Das habe ich schon am Tag, als das Urteil fiel, gesagt: Da haben wir eine kleine Gedenkveranstaltung abgehalten. Es gab eine Schweigeminute für die Todesopfer des NSU. Mir war wichtig, zu betonen, dass für Zwickau die Aufarbeitung noch längst nicht zu Ende ist.

ZEIT: Was will denn die Mehrheit in Zwickau: in Ruhe gelassen werden mit diesem Thema oder daran erinnern?

Findeiß: Einige sagen: Lasst es mal gut sein! Andere wollen jede Woche daran erinnern. Aber um uns unserer Verantwortung überhaupt zu stellen, war es wichtig, das Stigma loszuwerden. Es ist nun kaum mehr von der "Zwickauer Zelle" die Rede. Das war wichtig.

ZEIT: Stimmt es, dass Sie nach dem Auffliegen des Trios im Kanzleramt anriefen und darum baten, dass diese Formulierung nicht mehr verwendet werden möge?

Findeiß: Ich habe nicht persönlich angerufen, aber ich konnte diese Bitte überbringen lassen. Danach war staatlicherseits nicht mehr von der "Zwickauer Zelle" die Rede. Das war wichtig. Nicht weil ich die Aufmerksamkeit von Zwickau weglenken wollte.

ZEIT: Sondern?

Findeiß: Zwickau durfte nicht als Synonym für den NSU stehen. Man musste die Menschen dieser Stadt vom Pauschalvorwurf erst einmal befreien – denn dieser Vorwurf ist nicht gerecht. Danach fiel es uns leichter, zu hinterfragen, was das alles mit uns zu tun hat. Der NSU kam nicht von irgendwo und lebte nicht irgendwo. Sondern hier, in Deutschland, in Sachsen und ja: in Zwickau. Nach einer Weile konnten wir anfangen, das zu reflektieren.

ZEIT: Ist der Stadt diese Reflexion gelungen?

Findeiß: Ich glaube schon. Wir mussten einsehen, dass Radikale in einer Stadt Fuß fassen können, wenn sie sich nicht dagegen wehrt. Und wir kämpfen gegen diese Radikalen jeden Tag, das wird wohl auch so bleiben. Dass Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bedeutend mehr Unterstützer hatten, als in München auf der Anklagebank saßen, ist sehr wahrscheinlich. Sie hatten ein Netzwerk, das es ihnen ermöglicht hat, hier unerkannt zu leben. Deswegen sind wir wachsamer geworden gegenüber allen Radikalen, die sich durchzusetzen versuchen.

ZEIT: Es gab aber auch neue, merkwürdige Vorfälle. Einmal stellte ein Künstler elf Bänke in Zwickau auf. Zehn für die Todesopfer des NSU, die elfte für eventuell unbekannte Opfer. Diese Bänke wurden beschmiert, manche gestohlen. Was erzählt das über Ihre Stadt?

Findeiß: Tja, da hätte ich mir schon einen Aufschrei der Bürgerschaft gewünscht. Wir haben die Bänke, die nicht geklaut wurden, bei unserem Neujahrsempfang präsentiert. Auch um zu zeigen: Wir stehen zu solchen Mahnmalen. Eines haben mich die vergangenen Jahre nämlich auch gelehrt: Wenn ich als Oberbürgermeisterin etwas anordne, dann ist das nur halb so kraftvoll. Es braucht Bürger, die sagen: Wir machen jetzt was – ein Theaterprojekt, eine Kunstaktion, eine Demo. Solche Bürger fördern wir, so gut wir können.