Beim Abendessen ereignet sich die Katastrophe. Eine fantastische, fluoreszierende Fliege stürzt in den Tropfen auf dem Tisch, der daher rührt, dass ich Wasser verkleckert habe, und als ich versuche, die Fliege fingerstupsend vor dem Ertrinken zu retten, zerquetsche ich ihren winzigen Körper. Eine Ostböe rollt den Torso vom Tisch. Ich merke, wie mir die Tränen kommen. Das sieht jetzt natürlich unsouverän aus: Ein deutscher Reporter, der stumm in sein Elchsteak weint. An dieser plötzlichen Rührseligkeit ist Schweden schuld.

Üppiges Schweden.

Nasses, goldenes Schweden.

Sorgenfreies, reiches, viel zu schönes Schweden.

Ich laufe zurück zu meinem Glashaus, um Buße zu tun, und vermutlich wäre damit der Zeitpunkt gekommen, Ihnen zu erklären, was ich hier ganz generell mache, aber solche Erklärungen sind ja müßig und banal im Angesicht des Todes, dem wir eben Pate gestanden haben. Lieber möchte ich Sie um eine Schweigesekunde für die fluoreszierende Fliege bitten. Gedenken wir ihrer kurz. Was war das für eine Fliege? Wo wollte sie hin? Wo kam sie her? Lassen Sie uns schweigen. Jetzt.

Vielen Dank.

Es sind Lektionen wie diese, die einen die Frontalkonfrontation mit der schwedischen Natur lehrt. Sie zu schätzen, sie zu erfassen, sie nötigenfalls auch zu betrauern. Wer im Glashaus sitzt, setzt sich Schweden aus. Ich muss jetzt doch mal erklären, warum ich im Glashaus sitze.

"72h Cabin": Der andere Elchtest

© ZEIT-Grafik

Also, um ein bisschen weiter auszuholen, es fängt damit an, dass Schweden natürlich immer auch ein utopisches Klischee ist. Das liegt an seinen Bewohnern, die irre schön sind, mit ihren blitzenden Zähnen und glatten Häuten, es liegt an den Smartie-farbenen Bullerbü-Häusern, dem Sozialsystem, der Familienpolitik, es liegt natürlich an Astrid Lindgren und Ikea, und nicht zuletzt liegt es an der schwedischen Natur, die man zu kennen meint, selbst wenn man noch nie da gewesen ist. Schweden ist die Heimat der neuntzufriedensten Menschen der Welt und der zufriedensten Natur. Das wird Ihnen jede Tanne bestätigen.

Weil ein Klischee zwar gut, aber Empirie noch besser ist, hat der Bezirk Westschweden im vergangenen Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, in der die Wirkung schwedischer Natur auf den Gemütszustand der Menschen evaluiert wurde. In Kooperation mit dem Karolinska-Medizin-Institut aus Stockholm ließ man auf Henriksholm, einer Insel in Dalsland, kleine Häuser aus Glas aufstellen, in die überdurchschnittlich Gestresste einzogen. Eine Pariser Taxifahrerin, ein britischer Produzent, ein Veranstalter aus New York. Nach 72 Stunden wiesen alle Probanden drastisch reduzierte Stresslevel auf.

Das schwedische Glücksversprechen war um den nicht repräsentativen, aber doch symbolischen Beleg ergänzt, dass diese Natur kuriert. Und weil es in unserer kaputten Welt viele Gestresste gibt, blieben die Glashäuser stehen. Mittlerweile sind sie als "72h Cabins" für jeden Work-Life-Optimierer mietbar. Auch für mich.

Bin ich sehr gestresst?

Ich habe bejahend ins Telefon geschrien, als die Redaktion einen passenden Schreiber suchte. Ich gehöre zu dieser Generation, die permanent prekär lebt, also befristet angestellt oder selbstständig arbeitet, was aber für Eltern und Freunde in gewählte Freiheit umgedeutet wird, sonst wäre es ja gar nicht zu rechtfertigen, am wenigsten vor sich selbst. Ich bin Vater eines vergnügten, aber auch fordernden Kleinkindes, und als solcher kürzlich umgezogen, von einer mittelgroßen Hauptstraße an eine sehr große Hauptstraße, eine Art Autobahnzubringer. Wie ich die nunmehr exorbitante Miete aufbringen soll, weiß ich noch nicht. Ich bin lungenkrank, die Steuer sitzt mir im Nacken, und richtig schlafen kann ich schon lange nicht mehr.

Doch, ich bin die ideale Besetzung für den Job, und der fundierte Stresstest, den die Gesandte vom Tourismusamt mit mir durchführt, bevor ich im Boot nach Henriksholm übersetze, bestätigt das. Mein systolischer Blutdruck schlägt aus, das Herz hämmert den Puls hoch, und zitternd notiere ich, die schwitzende Parodie des getriebenen Städters, gelegentliche Panikattacken sowie Versagensängste im Beiblatt. Ich solle sofort ins Glashaus ziehen, sagt die Frau. Sie löst mir die Gerätschaften mit einem Lächeln vom dünnen Körper.

Ich muss noch erwähnen, dass ich kein Outdoor-Jünger bin. Ich hasse Zelten. Wenn ich Urlaub von meiner Stadt brauche, besuche ich eine andere Stadt. Die Frage ist also auch: Was macht diese Natur mit einem, der sich nichts aus Natur macht?