Wenn man den Erfolg der Opposition daran misst, wie sehr sie der Regierung Schmerz zufügt, dann ist Alexander Van der Bellen derzeit der erfolgreichste Oppositionspolitiker Österreichs. Die Regierung Kurz/Strache steckt die Empörung der SPÖ in Sachen Arbeitszeitflexibilisierung locker weg, ebenso die Kritik an den Einsparungsplänen im öffentlichen Sozialversicherungswesen. Die rote Empörung war von der Koalition offenkundig schon eingeplant. Und die beiden kleinen Oppositionsfraktionen werden von ÖVP und FPÖ ohnehin nicht wirklich ernst genommen.

Schon schwerer wiegt die Kritik der schwarzen Landeshauptleute aus dem Westen. Doch diese wenden sich – jedenfalls noch – nur gegen den Stil und nicht gegen die Substanz der Koalition. Wirklich wehtut, was der Bundespräsident sagt – zum Verhalten der FPÖ und zum Schweigen der ÖVP.

"Wenn das alles wirklich passiert, haben wir ein echtes Problem": So kommentierte Van der Bellen Mitte Juni die Regierungspläne zur Kürzung der Mindestsicherung. Nur drei Tage später folgte die nächste Rüge aus der Hofburg, als die Koalition ihr umstrittenes Arbeitszeitgesetz über die parlamentarische Hintertür durchpeitschte. Zuletzt war es der freiheitliche EU-Abgeordnete Harald Vilimsky, der mit seiner Diffamierung des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker das präsidiale Fass zum überlaufen brachte. "Unflätig" seien Vilimskys Aussagen, sagte das Staatsoberhaupt, zudem schade es dem Ansehen Österreichs, dass niemand aus der Regierung darauf kritisch reagiere.

Van der Bellen hat Neuland betreten mit der öffentlich geäußerten Kritik an Verhaltensformen und politischen Inhalten der Regierung. Er schreibt die Rollen um – nicht die der parlamentarischen Opposition, nicht die von Opposition generell, sondern die des Bundespräsidenten.

Wie innovativ das Verhalten Van der Bellens ist, das zeigen die Kommentare offenbar genervter freiheitlicher Politiker, die den Präsidenten auffordern, zur "Überparteilichkeit" zurückzukehren. Als ob irgendetwas im Bundesverfassungsgesetz stünde, das den Präsidenten verpflichtet, "überparteilich" zu sein; oder als ob Norbert Hofer, der ja fast Bundespräsident geworden wäre, nicht mit der Ankündigung aufhorchen ließ, man "werde sich noch wundern, was alles möglich sein wird" – wenn er, Hofer, in der Hofburg residiere.

Nun ist aber Van der Bellen in der Hofburg. Und es sind die Freiheitlichen, die sich wundern.

Das, was zu Jahresbeginn noch als Vernunftehe zwischen dem grünen Staatsoberhaupt und der schwarz-blauen Regierung begonnen hat, ist zu einem zerrütteten Verhältnis geworden. Das mag zwar der Grundbefindlichkeit der FPÖ nur recht sein, die ÖVP muss dies hingegen stören. Immerhin verdanken beide – Van der Bellen und Sebastian Kurz – ihre 2016 und 2017 errungenen Wahlerfolge vor allem dem Umstand, dass ein letztlich entscheidender Teil der Wähler erst einen grünen Kandidaten und bald darauf eine von Kurz runderneuerte Volkspartei gewählt hat.

Ist der Bundespräsident aber tatsächlich die Stimme der Opposition? Füllt Van der Bellen ein Vakuum, das von der in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Schwäche der parlamentarischen Opposition verursacht wurde? Zu den Aufgaben der Opposition im Parlament zählt, dass sie sich als konkrete Alternative zur Regierung profiliert. Das kann und das soll der Bundespräsident nicht. Aber ebenso wenig muss er sich darauf beschränken, alles zeremoniell abzunicken, was von der anderen Seite des Ballhausplatzes auf ihn zukommt. Van der Bellen versteht seine Rolle aus guten Gründen nicht so, als wäre er die Queen aus dem Buckingham-Palast.

Konflikte zwischen Regierung und Opposition sind zentraler Bestandteil parlamentarischer Demokratie. Ebendeshalb nehmen diese Auseinandersetzungen oft den Charakter eines ritualisierten Schlagabtausches an, bei dem jede Seite schon weiß, wie die andere reagieren wird. Was Christian Kern sagt, interessiert Sebastian Kurz nicht wirklich, und umgekehrt. Zu sehr sind die Debatten vorhersehbar. Die Interventionen Van der Bellens aber fallen aus diesem berechenbaren Spiel heraus.

Vor Van der Bellen hat schon Thomas Klestil versucht, die Rolle des Staatsoberhauptes neu zu definieren. Die Regierungsbeteiligung der FPÖ konnte Klestil im Jahr 2000 nicht verhindern. Erreicht hat er, dass Thomas Prinzhorn nicht Finanzminister wurde. Und das für alle erkennbare Resultat seiner Ausbruchsversuche: die leichenbittere Miene, die Klestil und Wolfgang Schüssel zeigten, wenn sie ein öffentliches Aufeinandertreffen nicht verhindern konnten.

Alexander Van der Bellen muss vorsichtig sein. Bisher ist ihm die Gratwanderung geglückt: der Drahtseilakt zwischen dem traditionellen "Rollenverzicht" des Präsidenten, der sich nicht in die Alltagsgeschäfte des Regierens einmischt, und der punktuellen Kritik, die mehr ist als generelle Ermahnung oder ein Wort zum Sonntag. Van der Bellens Wortmeldungen schmerzen die Regierung. Aber es macht keinen Sinn, wenn seine Kritik Alltag wird. Das eben macht den Unterschied zwischen parlamentarischer Opposition und einem republikanischen Staatsoberhaupt aus: Die Opposition muss permanent Kritik üben. Die Worte des Bundespräsidenten müssen etwas Besonderes bleiben, sollen sie Wirkung zeigen.