DIE ZEIT: Frau von Otter, Ihr Mann Benny Fredriksson hat vor vier Monaten Suizid begangen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie mit uns sprechen.

Anne Sofie von Otter: Nein, das ist es nicht. Es tut weh, die Wunde geht auf, wenn ich über seinen Tod und die Zeit davor rede. Aber es ist mir sehr wichtig. Ich will keine Artikel mehr lesen, in denen steht, Benny hätte dies oder das gemacht, ohne Gegenrede. Ich möchte einiges klarstellen, deshalb spreche ich mit Ihnen.

Von Otter: Was denken Sie über die #MeToo-Bewegung?

Anne Sofie von Otter: Anfangs haben wir mit Interesse alles über Harvey Weinstein gelesen, was er so gemacht hat in Hollywood in den Hotelzimmern mit seinem Bademantel. Bald taten sich auch die schwedischen Schauspielerinnen zusammen, und es gab lange Reportagen über die sexuellen Belästigungen, die sie erfahren hatten, teilweise vor langer Zeit. Vieles davon ist schlimm und inakzeptabel, aber man hatte auch das Gefühl, dass es um Leserklicks geht. Die pornografischen Untertöne waren jedenfalls nicht zu übersehen. Ganz ehrlich: Etliches kam mir so vor, als hätte man den Männern nur sagen müssen, hör auf damit und verschwinde.

ZEIT: Haben Sie selbst sexuelle Übergriffe erlebt?

Von Otter: Eben nicht!

ZEIT: Trotzdem haben Sie sich mit Tystnad Tagning solidarisiert, der schwedischen Antwort auf #MeToo.

Von Otter: Aus Solidarität, aus nichts anderem! Prompt hieß es ein paar Tage später, auch soundso viele Hundert Opernsängerinnen seien der Gewalt ausgesetzt gewesen. Wissen Sie, wenn in Schweden etwas passiert, man soll, sagen wir, lange Röcke tragen, dann geht das blitzschnell, dann tragen plötzlich alle lange Röcke. Oder alle schauen Game of Thrones, wie die Schafe. Was ist aus unserem selbstständigen, kritischen Denken geworden?

ZEIT: Hat Ihr Mann vor dem #MeToo-Hype berufliche Krisen erlebt?

Von Otter: Als Leiter einer großen Kulturinstitution steht man oft unter Druck. Er war ein Gewissensmensch, er sagte immer, das Geld kommt vom Stockholmer Volk, es ist meine Schuldigkeit, mein Bestes zu geben. Aber natürlich musste er in seinem Job auch unpopuläre Entscheidungen fällen, vor allem wenn Engagements nicht verlängert wurden. Dann konnte es schrecklichen Ärger geben und Schreibereien in den Zeitungen. Das hat er alles überstanden. Er war total klar, er konnte sich sehr gut verteidigen.

ZEIT: Seine Zahlen waren gut.

Von Otter: Der Erfolg war für ihn eine Bedingung. Er hatte nicht nur tolle Ideen, sondern auch ein Geschäftshirn und ein unglaubliches Fingerspitzengefühl. Er war ein Mensch mit vielen Begabungen in viele Richtungen. Aber er war eben zu 99 Prozent mit seinem Arbeitsplatz beschäftigt. Das eine Prozent gehörte uns, der Familie, wir waren seine Sicherheit, sein Hafen, wohin er sich zurückziehen konnte und wo er sich wohlfühlte, Liebe gab und Liebe bekam.

ZEIT: Ein Prozent war Ihnen genug?

Von Otter: Das klingt jetzt vielleicht komisch: ja. Er hat sich sehr gekümmert. Er kam nie nach Hause und war schlecht gelaunt, er war immer fröhlich und liebevoll. Und wenn es etwas gab, war er da. Was er auch tat, er steckte voller Hingabe und Passion, schon als junger Mensch. Mit 13 oder 14 hat er das Theater für sich entdeckt, als 16-Jähriger fing er an, im Stadsteatern zu arbeiten.

ZEIT: Als Kartenabreißer.

Von Otter: Er hat dieses Haus so geliebt, vielleicht zu sehr. Heute denke ich, und das hat er auch selbst so gesagt, er hätte nicht zurücktreten dürfen, zumindest nicht so schnell. Das ging ja so (schnippt mit den Fingern) . Aber dieser Herbst, die ganze Zeit vor dem 5. Dezember ...