DIE ZEIT: Frau von Otter, Ihr Mann Benny Fredriksson hat vor vier Monaten Suizid begangen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Sie mit uns sprechen.

Anne Sofie von Otter: Nein, das ist es nicht. Es tut weh, die Wunde geht auf, wenn ich über seinen Tod und die Zeit davor rede. Aber es ist mir sehr wichtig. Ich will keine Artikel mehr lesen, in denen steht, Benny hätte dies oder das gemacht, ohne Gegenrede. Ich möchte einiges klarstellen, deshalb spreche ich mit Ihnen.

Von Otter: Was denken Sie über die #MeToo-Bewegung?

Anne Sofie von Otter: Anfangs haben wir mit Interesse alles über Harvey Weinstein gelesen, was er so gemacht hat in Hollywood in den Hotelzimmern mit seinem Bademantel. Bald taten sich auch die schwedischen Schauspielerinnen zusammen, und es gab lange Reportagen über die sexuellen Belästigungen, die sie erfahren hatten, teilweise vor langer Zeit. Vieles davon ist schlimm und inakzeptabel, aber man hatte auch das Gefühl, dass es um Leserklicks geht. Die pornografischen Untertöne waren jedenfalls nicht zu übersehen. Ganz ehrlich: Etliches kam mir so vor, als hätte man den Männern nur sagen müssen, hör auf damit und verschwinde.

ZEIT: Haben Sie selbst sexuelle Übergriffe erlebt?

Von Otter: Eben nicht!

ZEIT: Trotzdem haben Sie sich mit Tystnad Tagning solidarisiert, der schwedischen Antwort auf #MeToo.

Von Otter: Aus Solidarität, aus nichts anderem! Prompt hieß es ein paar Tage später, auch soundso viele Hundert Opernsängerinnen seien der Gewalt ausgesetzt gewesen. Wissen Sie, wenn in Schweden etwas passiert, man soll, sagen wir, lange Röcke tragen, dann geht das blitzschnell, dann tragen plötzlich alle lange Röcke. Oder alle schauen Game of Thrones, wie die Schafe. Was ist aus unserem selbstständigen, kritischen Denken geworden?

ZEIT: Hat Ihr Mann vor dem #MeToo-Hype berufliche Krisen erlebt?

Von Otter: Als Leiter einer großen Kulturinstitution steht man oft unter Druck. Er war ein Gewissensmensch, er sagte immer, das Geld kommt vom Stockholmer Volk, es ist meine Schuldigkeit, mein Bestes zu geben. Aber natürlich musste er in seinem Job auch unpopuläre Entscheidungen fällen, vor allem wenn Engagements nicht verlängert wurden. Dann konnte es schrecklichen Ärger geben und Schreibereien in den Zeitungen. Das hat er alles überstanden. Er war total klar, er konnte sich sehr gut verteidigen.

ZEIT: Seine Zahlen waren gut.

Von Otter: Der Erfolg war für ihn eine Bedingung. Er hatte nicht nur tolle Ideen, sondern auch ein Geschäftshirn und ein unglaubliches Fingerspitzengefühl. Er war ein Mensch mit vielen Begabungen in viele Richtungen. Aber er war eben zu 99 Prozent mit seinem Arbeitsplatz beschäftigt. Das eine Prozent gehörte uns, der Familie, wir waren seine Sicherheit, sein Hafen, wohin er sich zurückziehen konnte und wo er sich wohlfühlte, Liebe gab und Liebe bekam.

ZEIT: Ein Prozent war Ihnen genug?

Von Otter: Das klingt jetzt vielleicht komisch: ja. Er hat sich sehr gekümmert. Er kam nie nach Hause und war schlecht gelaunt, er war immer fröhlich und liebevoll. Und wenn es etwas gab, war er da. Was er auch tat, er steckte voller Hingabe und Passion, schon als junger Mensch. Mit 13 oder 14 hat er das Theater für sich entdeckt, als 16-Jähriger fing er an, im Stadsteatern zu arbeiten.

ZEIT: Als Kartenabreißer.

Von Otter: Er hat dieses Haus so geliebt, vielleicht zu sehr. Heute denke ich, und das hat er auch selbst so gesagt, er hätte nicht zurücktreten dürfen, zumindest nicht so schnell. Das ging ja so (schnippt mit den Fingern) . Aber dieser Herbst, die ganze Zeit vor dem 5. Dezember ...

"Er war ein selbstloser Chef"

ZEIT: Als im Boulevardblatt Aftonbladet der erste Artikel erschien, der behauptete, Benny Fredriksson führe am Kulturhuset ein drakonisches Regiment und dulde sexuelle Belästigungen.

Von Otter: ... schon davor war es ein Riesenstress, für alle Führungskräfte der Stadt. Dauernd hieß es: Macht ihr genug für equality und gegen sexual harassment? Habt ihr einen Plan? HABT IHR EINEN PLAN? Die Atmosphäre war extrem aufgeladen. Im Kulturbereich arbeiten ja nicht nur unkomplizierte Menschen. Gerade große Begabungen sind oft verrückt, die haben dann Probleme mit Alkohol oder Tabletten und flippen aus. Benny hat sich um jeden gekümmert. Er war ein selbstloser Chef. Das hat er vielleicht zu wenig nach außen getragen.

ZEIT: Dann kam der besagte Artikel, und er musste handeln.

Von Otter: Die Ankündigung, dass die Story erscheinen würde, erreichte das Theater nachts, bis Benny alles gelesen hatte, war es später Vormittag. Außerdem stellte die Zeitung ihm eine Reihe aggressiver Fragen und setzte ein Ultimatum.

ZEIT: Zu einer Schauspielerin soll er gesagt haben: Entweder du treibst ab, oder du bekommst die Rolle nicht.

Von Otter: Ja, so hieß es. Wie absurd! Benny war doch nicht dumm, das hätte er nie gemacht!

ZEIT: Das hat die externe Untersuchungskommission, die die Stadt Stockholm kurz darauf eingesetzt hat, auch festgestellt, und Aftonbladet musste es korrigieren.

Von Otter: Genau wie die Sache mit den sexuellen Übergriffen. Bei der ganzen Untersuchung kam nicht das Geringste heraus, das sexueller Natur gewesen wäre! Benny war kein Schürzenjäger, er hat den Frauen nicht auf den Busen oder den Hintern geschaut. Es gab andere Sachen, dass er ein harter Chef war, dass er mal brüllen konnte, mal ungeduldig war, das kann schon stimmen. Aber die anonymen Zeugen behaupteten, die Leute im Theater hätten sich vor Angst versteckt, sobald er kam. Das war definitiv nicht so. Im Gegenteil, er wurde sehr geschätzt. Nicht von allen, aber von vielen.

ZEIT: Wie hat Ihr Mann zunächst reagiert?

Von Otter: Im Büro waren alle sehr aufgeregt, es wurde geweint, es hagelte Ratschläge. Ich war mit unserem jüngsten Sohn in London, aber ich glaube, Benny war ziemlich ratlos, dieser Charaktermord schockierte ihn. Sonst wusste er immer sofort, was zu tun war, da kauten andere noch an den Nägeln. Tick, tick, tick, das ist mein Plan. Aber diese Sache ging zu weit. Wie sollte er sich gegen anonyme Anschuldigungen wehren? Außer Simon Flinkas ...

ZEIT: Seinem Sekretär Anfang der 2000er-Jahre.

Von Otter: ... traute sich keiner namentlich in die Öffentlichkeit.

ZEIT: Flinkas erhob schwere Vorwürfe: Benny Fredriksson zerstöre Menschen und habe am Theater ein Kartell des Schweigens aufgebaut.

Von Otter: Ich denke, diese ganze Kampagne diente auch dazu, alte Rechnungen zu begleichen. Bevor wir zurück nach Stockholm geflogen sind, rief Benny mich an, ich habe es seiner Stimme angehört, wie ernst die Lage war. Es gebe eine Hetzjagd, sagte er, und dass wir uns wappnen müssten. Mein Sohn hat mir später erzählt, dass mir die Tränen übers Gesicht liefen, so furchtbar leid tat er mir. Aber es kam kein Gran Zweifel in meinen Kopf. Zu Hause habe ich ihn gefragt: Gehst du morgen zur Arbeit? – Ja, natürlich! Um acht Uhr morgens saß er in seinem Büro, und wir gingen einkaufen und sahen diese Schlagzeilen und konnten es nicht fassen. Da war es, sein Konterfei auf der Titelseite. Am Abend kam er und sagte, so, ich habe die Lösung gefunden: Ich trete zurück.

"Ich habe ihn nie deprimiert gesehen"

ZEIT: Haben Sie versucht, ihn daran zu hindern?

Von Otter: Ich habe gefragt, hast du dir das gut überlegt? Er sagte Ja. Es war schwer, ihn von etwas abzubringen, wenn er sich entschieden hatte. Ich dachte, das ist eine Sache zwischen ihm, den Politikern im Rathaus und dem Kulturhuset, ich mische mich da nicht ein. Er dachte ohnehin über die Zukunft nach. Er hatte so viel und so hart gearbeitet in seinem Leben – vielleicht wäre es schön, irgendwann aufzuhören und mit mir zu reisen und meine Tasche zu tragen?

ZEIT: Er war erleichtert.

Von Otter: Ja, ungefähr 24 Stunden lang. Das war wie eine Euphorie. Aber dann ging es los mit den Depressionen.

ZEIT: Kannte er so etwas?

Von Otter: Nein! Ich habe ihn nie deprimiert gesehen, nie zweifelnd. Er war sehr stolz auf das, was er geleistet hat. Er hat oft gesagt, weißt du, warum ich so gut arbeiten kann? Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich bummle nicht nachts, und ich schlafe gut. Er konnte gut abschalten, kam nach Hause, aß etwas, setzte sich vor den Fernseher und ist oft nach zehn Minuten eingeschlafen. Spätestens um 22.30 Uhr war er im Bett, und wenn morgens der Wecker klingelte, stand er voller Freude auf: Ein neuer Tag! Im Theater!

ZEIT: Ein glücklicher Mensch.

Von Otter: Ein glücklicher, hungriger, dankbarer Mensch, voller Pläne. Das Haus wird ab diesem Winter ja geschlossen, es ist voll mit Asbest und anderen Mängeln und muss renoviert werden. Da gab es unendlich viel auszudenken und zu organisieren. Er wusste, das wird kompliziert. Aber es hat ihm so einen Spaß gemacht. Er war überhaupt immer positiv. Ich weiß nicht, woher diese Energie kam, seine Neugierde, die offenen Augen. Seine Kindheit war ja nicht unproblematisch, die Familie lebte in einer Einzimmerwohnung, die Mutter war Alkoholikerin. Das hat er mit neun oder zehn Jahren entdeckt, kurz darauf ist seine ältere Schwester ausgezogen. Ich habe sie überhaupt erst auf Bennys Beerdigung kennengelernt.

ZEIT: Es gab keinen Kontakt zu seiner Familie?

Von Otter: Die Eltern sind längst tot, und mit der Schwester gab es keinen Kontakt, nein. Er sprach zwar oft über seine Herkunft, aber mehr im Blick auf seinen Kulturbegriff: Es wollte, dass auch Menschen mit einem anderen Hintergrund, Menschen, die keine Intellektuellen waren, sich im Theater willkommen fühlten. Dass das ein Ort ist, an dem sie sich nicht dumm vorkamen.

ZEIT: War Benny Fredriksson ein dankbares Opfer für die Medien, weil er der Arbeiterschicht, der "falschen" Klasse angehörte?

Von Otter: Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Für meine Familie gilt das nicht, die von Otters haben ihn alle toll gefunden.

ZEIT: Der Junge aus der Arbeiterklasse und die adlige Diplomatentochter, das klingt nach zwei extrem verschiedenen Welten.

Von Otter: Meine drei Geschwister und ich sind sehr vom schwedischen Sozialismus der Sechzigerjahre geprägt. Mein Vater war Jahrgang 1907 und ein ganz anderer Typ, rechts, konservativ, aber er hat Benny sofort gemocht. Benny hat alle charmiert, weil er so direkt war, so unverstellt. Er hat meinen Vater nach fünf Minuten gefragt, na, wie war es denn so in Berlin 1942? Der hat geschluckt, aber er konnte es ihm nicht übel nehmen.

ZEIT: Göran von Otter, Ihr Vater, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs als Sekretär der Schwedischen Gesandtschaft in Berlin und hat vergeblich versucht, die Alliierten über die deutschen Vernichtungslager in Kenntnis zu setzen.

Von Otter: Das hat Benny natürlich interessiert. Vielleicht meinte er manchmal, nicht richtig dazuzugehören, aber er gehörte dazu. Er zählte zu den mächtigsten Persönlichkeiten im schwedischen Kulturleben, er hat eine Riesenkarriere gemacht. Nach seinem Rücktritt muss er das Gefühl gehabt haben, ins Bodenlose zu fallen.

"Stockholm hat sich nicht offiziell vor ihren Intendanten gestellt"

ZEIT: Gab es genügend Unterstützung für ihn?

Von Otter: Die Unterstützung war unerhört. Ich habe seine beiden Telefone, und ich konnte alle diese SMS lesen, und die waren so voller Liebe und Wärme: Du wirst sehen, Benny, alles wird gut.

ZEIT: Aber man hat die Öffentlichkeit, die sich das Maul über ihn zerriss, nicht mit Öffentlichkeit beantwortet. Es gab viel persönlichen, privaten Zuspruch, aber die Stadt Stockholm hat sich nicht offiziell vor ihren Intendanten gestellt.

Von Otter: Nein. Es gab kein richtiges Bekenntnis, kein rückhaltloses Dementi, von niemandem. Alle hatten Angst, von den Medien selbst in den Dreck gezerrt zu werden. Die Politiker hätten das natürlich machen müssen. Gerade weil die Presse an Gegenstimmen offenbar nicht interessiert war.

ZEIT: Wie ging es nach dem Rücktritt weiter?

Von Otter: Benny hat sofort mit einer Therapie begonnen. Er blieb aktiv, hat sich verabredet, ist essen gegangen, Kaffee trinken. Ich war bis zum 23. Dezember unterwegs, er wollte nicht, dass ich seinetwegen zu Hause bleibe. Er behauptete auch, dass es ihm besser geht. Erst nach Neujahr wurde jeder Tag zum Kampf. Er brauchte Einschlafhilfen, fand morgens nicht aus dem Bett – bis er zu mir nach Paris kam, wo ich drei Wochen lang zu tun hatte. Das war für ihn eine Erleichterung, die fremde Stadt, in der ihn keiner kannte. Er hatte kiloweise Bücher dabei von Leuten, die auch solche Sachen erlebt hatten, Lebensphilosophisches, Poesie.

ZEIT: Er hat sich also auseinandergesetzt?

Von Otter: Ich sehe ihn immer noch sitzen, er hatte so kleine Haare in der Nase, an denen hat er gedreht und dabei nachgedacht und versucht, die Geschichte zu verarbeiten. Manchmal sah es so aus, als würde ihm das gelingen: Ist es nicht lustig, heute bin ich in der Phase der Depression, heute bin ich böse, und morgen kann ich sogar über alles lachen. Dann gingen wir auf diese lange Reise nach Vietnam, Australien und Neuseeland. Er freute sich wieder, wegzufahren. Zu der Zeit hat er aber auch angefangen, sehr schwer zu atmen, ich habe ihn massiert und gesagt, du musst zum Arzt gehen, wir können nicht nach Australien fliegen, und es fehlt dir physisch etwas. Beim Arzt war aber alles tipptopp. Das ist doch toll, habe ich gesagt, bist du nicht froh?! – Nein, ich bin nicht froh. Dann fuhren wir los, und im Moment, als wir im Taxi zum Flughafen saßen, habe ich gemerkt, wie angespannt er war, zum Platzen. Und danach war es wirklich sehr, sehr schlecht. Tiefste Depression, enorme Angstzustände.

ZEIT: Sie waren zu zweit unterwegs?

Von Otter: Unser jüngerer Sohn war dabei und ein gleichaltriger Freund von ihm, der Klavier spielt. Die beiden haben mich bei meinen Konzerten begleitet. Das Ganze sollte ein großes Abenteuer werden, aber ich habe gemerkt, es ist nicht gut. Heute denke ich, die Kraft, die Benny hatte, diese Energie, die so ganz und gar nach außen gerichtet war, auf schöpferische Dinge, auf das Lösen von Problemen, all das hat sich plötzlich nach innen gewendet, und es drehte sich nur noch um das eine: Was habe ich falsch gemacht? Er wollte ja keine Medikamente nehmen, er wollte klar sein. Aber er war krank, klar denken konnte er überhaupt nicht mehr. Man nennt es PTSD, posttraumatic stress disorder, das tritt etwa drei Monate nach einem Schock ein, und genauso war es. Ich wollte zurück nach Schweden, und er sagte, nein, nein, wir nehmen einen Tag nach dem anderen und schauen.

ZEIT: Wie haben Sie sich verhalten? Sie mussten ja arbeiten, auf der Bühne stehen.

Von Otter: Ich bin nicht in ihn gedrungen. Ich habe versucht, fröhlich und liebevoll zu sein, wir haben über Kleinigkeiten gesprochen, oh, schönes Wetter, hübsches Hotelzimmer. Dafür war er dankbar. Ihr seid mein Alles, hat er oft gesagt.

"Alt zu werden ohne Benny, das ist traurig"

ZEIT: Die letzten Fotos auf Ihrem Facebook-Konto datieren vom 12./13. März und zeigen Blumen, Pflanzen, asiatische Landschaften.

Von Otter: Ich habe ihn direkt gefragt: Denkst du über Suizid nach, überlegst du das? Das hat er verneint. Aber er war kaputt, richtig krank. So kann man eine Person kaputt machen. Andere wurden auch kaputt gemacht, sie haben es überstanden. Benny nicht. Ich wollte nur noch nach Hause, ich hätte rudern können. Er brauchte Behandlung, und wir waren so weit weg, weiter ging es nicht, das war schrecklich. Und es war so schwer, das Ganze umorganisieren, die Konzerte, die Kosten, die beiden jungen Männer, ihn davon zu überzeugen, ach. Wir waren in Neuseeland bei einem Arzt und in Sydney noch einmal. Beide fanden, er sei doch ganz okay – Benny konnte gut spielen. Er hat auch noch telefoniert am Abend, bevor er sich umgebracht hat, und die Leute sagten, es geht ihm nicht so schlecht, wie schön. Er hat Termine gemacht für zu Hause, ich freue mich, schrieb er, wir sehen uns bald. Ich meine, er hat es nicht von langer Hand geplant, sich das Leben zu nehmen, er hat es nur nicht geschafft an diesem Tag. Es war zu schlimm.

ZEIT: Wie wird man mit einem solchen Schicksalsschlag fertig? Was hilft Ihnen?

Von Otter: Die Musik natürlich. Die Natur, meine Familie, meine Geschwister. Vor allem tut er mir so leid, dass er so gelitten hat. Sonst geht mein Leben ja weiter. Ich bin nicht zu jung, um allein zu sein, ich bin nicht zu alt, ich bin nicht senil, ich habe meine Arbeit. Ich bin auch sehr bodenständig. Und ich bin es gewohnt, allein zu sein. Durch meine Karriere war ich immer viel unterwegs und allein, allein, allein. Wenn ich einen schönen Spaziergang mache, dachte ich früher schon, oh, wenn jetzt jemand dabei wäre, wenn Benny hier wäre oder eine gute Freundin! Doch was wäre dann besser? Selbst zu genießen, selbst meinen Tag zu bestimmen, das habe ich gelernt. Am meisten vermisse ich Bennys Humor, er war so lustig! Und absolut loyal.

ZEIT: Ist Ihr Blick auf die Welt nach dem 17. März 2018 ein anderer geworden?

Von Otter: Nein, eigentlich nicht. Alt zu werden ohne Benny, das ist traurig. Das wäre schön gewesen, eine Entdeckung, was wird aus Benny, wenn er nicht mehr arbeitet, was wird aus uns. Ich denke eher, die Gesellschaft ist so hart geworden, nicht nur in Schweden. Was machen wir mit unserer schönen Welt? Das desillusioniert mich. Vielleicht ist es eine Frage des Alters, dass man nur noch schlechte Nachrichten hört. Die Welt heute, das ist für mich eine große eklige Geschichte, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Auch #MeToo gehört dazu, wegen seiner medialen Folgen, all der Hetze.

ZEIT: Seit wann singen Sie wieder?

Von Otter: Ich kenne Leute, die schlimme Schocks erlebt haben und nicht mehr singen konnten. Das wäre der nächste Albtraum gewesen. Auch wenn ich im Schock war, wollte ich singen. Zwei Wochen nach Bennys Tod habe ich die ersten Töne versucht, nur für mich. Dann habe ich angefangen zu üben, denn wenn ich übe, bin ich fokussiert, das hilft. Mitte Mai war mein erstes Konzert.

ZEIT: Und der Stimme ging es gut?

Von Otter: Der Stimme ging es gut, so gut es ihr geht, wenn man alt ist. (lacht) Aber ich bin eben auch besessen, auf meine Art. Ich will möglichst lange weitersingen, denn ich liebe die Musik, ich liebe meine Kollegen. So ist das.

ZEIT: Stimmt es, dass alle Dinge, die passieren, für irgendetwas gut sind?

Von Otter: Nein.

ZEIT: Auch gesellschaftlich betrachtet nicht?

Von Otter: Wissen Sie, ich habe ein so privilegiertes Leben gehabt, ich bin gesund, ich habe Geld, ich habe zwei gesunde Söhne, ich hatte eine glückliche Ehe, eine gute Kindheit – und ich habe immer gedacht, irgendwann wird etwas passieren.

"Für die schwedischen Medien war es schon ein brutales Aufwachen"

ZEIT: Das war so ein Gefühl?

Von Otter: Nicht direkt, aber ich habe Freundinnen, die sind krank oder werden von ihren Männern betrogen und sind total unglücklich, oder sie kriegen keine Engagements mehr, also jeder hat sein Päckchen zu tragen. Nur ich war fast zu privilegiert. Ich glaube nicht an Gott, aber das Schicksal soll nicht Benny Fredriksson dafür benutzen, mich etwas zu lehren. Und was die Gesellschaft betrifft: Für die schwedischen Medien war es schon ein brutales Aufwachen. Dieser Mann, den wir uns da vorgeknöpft haben, hat sich das Leben genommen – oh, oh, vielleicht sind wir zu weit gegangen. Das vergessen sie hoffentlich nicht so schnell. Es gab in Schweden auch echte #MeToo-Fälle, Fredrik Virtanen und Martin Timell etwa ...

ZEIT: Zwei Journalisten, der eine arbeitete bei Aftonbladet, der andere beim Fernsehen. Beide verloren ihre Posten.

Von Otter: Auch sie wurden unmenschlich behandelt. Auch sie sind Menschen, und das ist das Wichtige. Wir alle haben gute und schlechte Seiten, aber wir leben nicht mehr im Mittelalter. Wir stellen niemanden öffentlich an den Pranger und bespucken oder steinigen ihn oder sie.

ZEIT: Im Internet geschieht zunehmend nichts anderes – nur dass man sich dabei nicht die Hände schmutzig macht.

Von Otter: Unser Anwalt hat gegen zwei Zeitungen beim Presserat Beschwerde eingelegt, gegen Aftonbladet und Dagens Nyheter. Beide haben sich gewehrt, auch weil für uns formal eine Ausnahme gemacht wurde. Normalerweise muss der Geschädigte selbst diese Klage führen, und es gibt eine Dreimonatsfrist. Beides wurde bei uns ausgesetzt. Der Chefredakteur von Dagens Nyheter hat juristisch dagegen argumentiert, das war nicht angenehm zu lesen, aber es war korrekt. Aber die Chefin von Aftonbladet hat alles noch einmal aufs Tablett gebracht, die Sache mit der Abtreibung und wer wann von wem angefasst worden sein soll im Theater – das fand ich unerhört. Widerlich. Als wollte sie uns alles noch einmal vor die Füße kotzen.

ZEIT: Für den Umgang mit Virtanen und Timell hat der Presserat zehn Rügen verteilt. Der Fall Ihres Mann wird erst im Herbst verhandelt.

Von Otter: Die Zeitungen mussten diese Rügen publizieren. Und ich glaube, sie müssen auch ihre Online-Seiten aufräumen. Das vor allem wäre für mich ein gutes, ein erleichterndes Gefühl, dass unser Enkel, wenn er später seinen Großvater googelt, nicht auf alle diese scheußlichen Artikel stößt. Das wäre die Sache wert. 

Anmerkung der Redaktion: ZEIT ONLINE geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Suizidgedanken sind häufig eine Folge psychischer Erkrankungen. Letztere können mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden.

Wer Hilfe sucht, auch als Angehöriger, findet sie etwa bei der Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 und 0800 - 111 0 222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder auf der Telefonrechnung noch dem Einzelverbindungsnachweis erfasst. Weitere Beratungsangebote sind etwa hier auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention zu finden.

Hilfe für Angehörige Suizidgefährdeter bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 01805 - 950 951 und der Festnetznummer 0228 - 71 00 24 24 sowie der Emailadresse seelefon@psychiatrie.de.