Ja, er ist heftig, dieser erotische Schlüsselroman über Philip Roth. Nackt sehen wir den bald Siebzigjährigen da liegen. Zentimetergenau werden von vorn und von hinten die zahlreichen Narben seiner zahlreichen Operationen beschrieben. Wir erfahren von den Grenzen, die seine Rückenschmerzen ihm beim Sex setzen. "Kinderschänder", ruft Alice Dodge, die 25-jährige Geliebte, Roths Roman-Double Ezra Blazer zu. "Grabschänderin. Vorsicht mit meinem Rücken", gibt er zurück bei dem, "was er eigentlich nicht durfte". "Fickie fick?" – "Wenn du willst." Er ruft an, sie fährt hin, sie tun es, und nach hundert Minuten ist sie wieder in ihrer Wohnung zurück. Freilich sinkt die Erregungskurve doch recht bald. "Sie trafen sich jetzt seltener." Nach zwei Jahren fragt sich Alice, ob andere Leute nicht denken: "Eine gesunde junge Frau, die ihre Zeit auf einen hinfälligen Greis verschwendete." Nach drei Jahren, als er, inzwischen zweiundsiebzig, im Krankenhaus liegt, sagt sie "ich kann nicht ...". Er sagt: "Verlass mich nicht." Und dann ist die Sache so schnell, wie sie begonnen hat, vorbei.

Natürlich gingen die New Yorker Gerüchtewogen diesen Februar schon hoch, als Lisa Hallidays Romandebüt Asymmetrie noch gar nicht erschienen war. Nach der Veröffentlichung feuerte die New York Times in ungewohnter Aufregung vier Beiträge in vier Tagen ab. Der New Yorker adelte das Buch zum "event". Philip Roth, zu dessen letzten Lektüren der Roman gehörte, nannte das Buch "eine Großtat" und bekannte von der Autorin nicht unzweideutig, sie habe ihn "erwischt". Tatsächlich hat Halliday von Roths Geburtstag bis zum genauen Verzeichnis seiner Literaturpreise nicht wenig vom realen Roth in ihren Roman importiert. Kenntnisse waren vorhanden: Die 41-jährige Halliday hatte in ihren Zwanzigern, als sie für die Literaturagentur Wylie arbeitete, eine "romantische Beziehung" zu Roth. Im erregten New Yorker Geschnatter erlaubte sie sich den wohltuenden Hinweis, manches in ihrem Roman sei immerhin erfunden, interessanter als der Sex sei vielleicht die éducation sentimentale ihrer Heldin und vor allem deren Weg zum Schreiben. Im Übrigen folge auf das 130-seitige Blazer-Kapitel ein ebenso langes zweites, in dem der 33-jährige irakisch-amerikanische Doppelbürger Amar Ala Jaafari sich an sein Leben erinnere.

Lisa Halliday hat recht. Das erotische Promi-Geblinzel ist eher ein mit hinterfotzigem Kalkül gelegter Köder, um uns in einen verteufelt raffinierten, glühend aktuellen und enorm gut geschriebenen Roman hineinzulocken. Und anders als es der New Yorker Gossip vermuten ließe, ist das bewegende Hauptstück nicht die Liebesgeschichte der 25-jährigen Lektorin Alice Dodge zum 70-jährigen Schriftsteller Ezra Blazer. Noch besser ist der Lebensroman des Amar Jaafari, den Halliday wie einen fremden sperrigen Felsblock mitten ins Buch gewuchtet hat. Er hat auf den ersten Blick mit dem ersten Romanteil rein gar nichts zu tun.

Doch natürlich ist dieses Zusammenfügen des scheinbar Unverbundenen der große überzeugende Clou dieses Romans. Es ist Hallidays Verfahren, die Differenz der so unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Hauptfiguren literarisch Form werden zu lassen: durch harte Fügung der asymmetrischen Romanteile und durch die vollkommen unterschiedlichen Stillagen, in denen sie von Alice und Amar erzählt. Auf eine weibliche Geschichte in der dritten Person folgt eine männliche in der ersten. Auf eine leichte und in kühnen Zeitsprüngen geordnete Serie impressionistischer Momentaufnahmen folgen in ganz anderer Satzmelodie melancholische autobiografische Reflexionen eines zwischen den USA und dem Irak Zerrissenen.

Diese zwei Stillagen sind das perfekte Medium, um die unterschiedlichen Lebenshaltungen der beiden Protagonisten zum Ausdruck zu bringen. Alice lebt als kinderloser Single ganz in die Gegenwart und ihre Momente versunken. Über ihre Vergangenheit erfahren wir außer einem Halbsatz über einen gewalttätigen Stiefvater und den vier Wörtchen "ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts" rein gar nichts. Dafür explodieren ihre Minuten in einem zauberhaften vielfarbigen Feuerwerk von Dialogsplittern und fixen Witzen, von akuten Beobachtungen und Momenten des Nachdenkens. Alles wird so prestissimo angetippt, dass auch die Drastik der paar erotischen Passagen gar nicht Zeit hat, indiskret zu werden.

Ganz anders Amar: Wo Alice sehr frei von 2002 bis 2005 durchs Leben hüpft, wird er an einem Tag im Jahr 2009 im Londoner Flughafen Heathrow für eine über Stunden quälend sich hinziehende Sicherheitsüberprüfung festgehalten. Statt der funkelnden urbanen Dialoge lesen wir die stupiden Verhörinterviews des Sicherheitspersonals. Und wo Alice nur sich und dem Augenblick gehört, lebt Amar in den zeitlich wie räumlich weit gespannten Erinnerungen einer amerikanisch-irakischen Großfamilie. Er ist unterwegs zu seinem älteren Bruder, der im kurdisch-irakischen Suleimanija entführt worden ist. Er erinnert sich an seine Kindheit in Bay Ridge, Brooklyn, an Besuche in Bagdad 1988 und, nicht wiederzuerkennen, 2004. Er ist ein Herz und zwei Seelen mit seinem Bruder Sami, der sich 1988 entschieden hat, in Bagdad zu bleiben, weil er sich schon als Kind in den USA nie wohlgefühlt hat. Sami, Arzt, lebt im arabischen Zeitbewusstsein, dass alles jeden Augenblick ganz anders sein kann. Amar, studierter Ökonom, plant, gut westlich, für die Zukunft und überlegt sich in einem glücklichen Augenblick sogar, als Planer in die irakische Administration einzutreten. Aber bald wird der Onkel, der ihm dieses Job-Angebot gemacht hat, nach einer Entführung ermordet.