Gegen ein Uhr dreht der Himmel auf – es regnet nicht nur einfach, es fallen ganze Badewannen-Ladungen herunter. Und als der Demonstrationszug im Wasser verharrt, zwischen den Regenschirmen und Ganzkörper-Gummianzügen, nimmt der junge Mann, wie es ihn, so blond und so gut gekleidet (Frankonia-Gummistiefel für 300 Euro), vielleicht wirklich nur in München gibt, seine Frau am Arm und spricht: "Komm, jetzt samma da gwesn. Jetzt können wir auch wieder gehen."

Eine ganze Stadt hatte am vergangenen Wochenende, als der Himmel zuzog, überlegt, ob sie da wirklich hingehen muss: eine Demonstration gegen den Rechtsruck in Politik und Gesellschaft?

Klar, die Zeiten sind politisch so irre und überdreht wie zuletzt vielleicht in den späten Sechzigerjahren. Die Liberale-Bürger-Stadt München (offizieller Ruf: bunt, weltoffen), die Stadt der Lichterketten-Demo, die Stadt auch von Senta Berger, Helmut Dietl und Herbert Achternbusch – sie hat einen Ruf als inoffizielle Demonstrationshauptstadt (nach Berlin) zu verteidigen. 30.000 Menschen sind im Mai zum Schaulaufen gegen das Polizeiaufgabengesetz auf den Odeonsplatz gekommen. Und die CSU hat in den letzten Wochen ja wirklich ein beispielloses Theater abgeliefert – Söders "Asyltourismus" und die 69 Afghanen, über deren Abschiebung sich der Bundesinnenminister an seinem 69. Geburtstag freute. Gewählt wird in Bayern ja erst im Oktober – dies aber soll der Auftakt zum heißen Wahlkampf sein, der auf den Straßen entschieden wird. Also, da gehen wir hin.

Die Initiative "Gemeinsam für Menschenrechte und Demokratie" und ein, wie es immer gleich heißt, breites Bündnis von 140 Gruppen und Organisationen (Pro Asyl, ver.di, Attac) hatten zu einem, wie es dann auch immer gleich heißen muss, "Aufstand der Zivilgesellschaft" aufgerufen, unter dem nicht so schlechten Hashtag #ausgehetzt – eine gute Mischung aus bayerischem Anarchotum und bissl schrecklichem münchnerischem Kabarett à la Dieter Hildebrandt.

Zwischen der CSU und den Demo-Veranstaltern hatte sich in der vergangenen Woche ein erbitterter Deutungskampf entsponnen über die Frage, ob der Protest als Demonstration gegen die CSU zu sehen sei (was durchaus naheliegt, das Demo-Plakat zeigt die Köpfe der CDU-Granden Seehofer, Söder, Dobrindt) oder, wie die Veranstalter das sehen wollen, als Protest gegen die Verrohung einer ganzen politischen Kultur.

Ein Kulturkampf war da in der vergangenen Woche entbrannt: Zum Besuch der Demonstration hatten auch die Münchner Kammerspiele und das Münchner Volkstheater aufgerufen, namentlich die Intendanten Matthias Lilienthal und Christian Stückl. Die Münchner CSU, also der Zweite Bürgermeister Josef Schmid und der CSU-Stadtrat Manuel Pretzl, hatten darin eine Verletzung des Neutralitätsgebots städtischer Institutionen erkannt, wohl nicht ganz zu Unrecht. In Punkt 1.5.2 der Allgemeinen Geschäftsanweisung der Stadt München ist ebenjene "Politische Neutralität in dienstlichen Angelegenheiten" geregelt.