Frage: Herr Zimmermann, wann haben Sie zuletzt eine Hass-Mail erhalten?

Tobias Zimmermann: Das ist zum Glück schon etwas länger her, aber im vergangenen Winter waren es schon einige. Mir wurde "Verrat am christlichen Abendland" vorgeworfen. Vor allem ältere Akademiker haben sich massiv im Ton vergriffen. In die sozialen Netzwerke habe ich erst gar nicht geschaut. Ich ahnte, was mich dort erwarten würde.

Frage: Grund für diese Hasswelle ist, dass Sie eine muslimische Lehrerin eingestellt haben, die im Unterricht Kopftuch trägt. Wie kam es dazu?

Zimmermann: Wir haben im vergangenen Sommer eine Lehrkraft für die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften gesucht. Eine muslimische Lehrerin hat sich beworben, fachlich überzeugt und sich gegen alle anderen durchgesetzt. Dass sie Kopftuch trägt, war für uns überhaupt kein Problem. Anders als an staatlichen Schulen in Berlin darf sie das bei uns auch im Unterricht tragen.

Frage: Hatten Sie sich vorher schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt?

Zimmermann: Ja, schon seit Längerem. Im Sommer 2015 haben wir eine Willkommensklasse für Flüchtlingskinder gegründet, dadurch lernen bei uns inzwischen etwa 20 muslimische Schüler. Da wollten wir auch gerne eine muslimische Lehrkraft. Denn wenn eine Schule vorbereiten soll auf die Vielfalt in der Gesellschaft, dann muss sie diese auch widerspiegeln.

Frage: Wollten Sie ein Zeichen setzen?

Zimmermann: Ich finde wichtig, dass sich unsere Gesellschaft stärker mit Religion auseinandersetzt. Das Neutralitätsgesetz für Schulen ist falsch.

Frage: Warum?

Zimmermann: Die Frage nach Gott gehört zu guter Bildung dazu.

Frage: Und deshalb braucht man religiöse Symbole im Unterricht?

Zimmermann: Man braucht Menschen, die authentisch den Glauben vermitteln. Die Frage nach Gott können unsere Schüler nur im Ringen mit den Lehrern für sich beantworten, davon bin ich überzeugt. Sie sollen Fragen stellen, aber auch infrage stellen. Die Angst ist ja immer, dass Religion in der Schule etwas Infektiöses ist, dass sich die Schüler nicht dagegen wehren können ... Aber wenn die Atmosphäre offen ist und ehrlich diskutiert werden kann: Wo ist dann das Problem? Nur geschlossene Gesellschaften können verführen.

Frage: Ihre Kritiker sagen, dass Lehrer eine Vorbildfunktion haben ...

Zimmermann: Ja, klar. Aber die Lehrerin stellt sich ganz offen den kritischen Fragen der Schüler zu ihrem Kopftuch. Wissen Sie, worum es mir ganz besonders geht?

Frage: Sagen Sie es!

Zimmermann: Wir alle müssen uns ernsthaft darüber Gedanken machen, wie wir zu einem vernünftigen Diskurs über Religionen finden. Den haben wir im Moment nicht. Jahrhundertelang war Religion das wichtigste Thema in den Bildungseinrichtungen, heute aber nicht mehr. Das rächt sich jetzt: Weil wir nicht mehr rational in der Lage sind, über den Glauben zu reden, ohne dass das gleich Zugehörigkeitsfragen auslöst.

Frage: Und um das zu ändern, braucht es also Kopftücher?

Zimmermann: Das ist überhaupt nicht der Punkt, ich hätte ja auch eine Muslima ohne Kopftuch eingestellt. Aber den Gedanken, dass Kopftuchträgerinnen automatisch für einen restriktiven Islam stehen – den halte ich für falsch.

Frage: Viele sehen aber im Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung.

Zimmermann: Ich glaube nicht, dass das Kopftuch per se herabwürdigend ist. Dazu erlebe ich zu viele Frauen, die das eben genau andersherum sehen. Trotzdem bin ich nicht naiv: Sicherlich gibt es kulturelle Milieus, in denen das Kopftuch unterdrückend ist – und ich verstehe alle Frauen, die dagegen rebellieren. Aber Symbole sind immer vielschichtig, insbesondere das Kopftuch. Das Problem ist doch, dass alle Kopftuchträgerinnen mit dem Stempel "Opfer" versehen werden. Das sind sie aber nicht alle. Und außerdem ist nicht nur das Kopftuch, sondern auch ein Verbot dagegen ein Symbol: Religiöse Leute verstehen das als Parteinahme gegen sie – auch wenn das gar nicht so gemeint ist.

Frage: Sind Katholiken toleranter gegenüber dem Islam als Atheisten?

Zimmermann: Na, wir Katholiken sind nicht immer Musterbeispiele in Sachen Toleranz. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es vielen Christen leichter fällt, anderen Weltanschauungen gegenüber toleranter zu sein. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass viele Muslime ihre Kinder gerne auf christliche Schule schicken.

Frage: Warum machen sie das?

Zimmermann: Weil man da noch über Gott sprechen kann, ohne schief angeschaut zu werden.

Frage: Würden Sie auch eine Lehrerin mit Burka einstellen?

Zimmermann: Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Pädagogen einzustellen, der sich aus welchen Gründen auch immer das Gesicht verhüllt.

Frage: In Ihrer Schule gibt es eine christliche Kapelle. Haben Sie schon einmal überlegt, auch muslimische Gebetsräume einzurichten?

Zimmermann: Bisher beten die Muslime auch in der Kapelle. Aber wenn irgendwann die Frage nach einem eigenen Gebetsraum kommt, dann werden wir sie uns stellen.

Frage: Und wie fiele Ihre Antwort heute aus?

Zimmermann: Ich würde einen einrichten. Zumindest einen, wo alle beten können.

Frage: Und dann käme wieder Hasspost?

Zimmermann: Vielleicht. Aber ganz ehrlich: Das wäre mir egal.