Damals, 1995, prognostizierte das Wirtschaftsmagazin Forbes, Elsevier könnte das erste große Opfer des Internets werden. Elsevier, dieser Wissenschaftsverlag aus dem papiernen Zeitalter, dessen Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Keine Bibliothek der Welt werde noch horrende Summen für Fachzeitschriften ausgeben, wenn man alles online finden könne. Die Party für das Traditionsunternehmen aus Amsterdam könnte bald vorbei sein, schrieb Forbes, "das Internet rückt näher".

Es kam anders. Heute rockt Elsevier die Party mehr als je zuvor. Zwar gibt es zwei starke Mitbewerber, die Verlage SpringerNature (der, wie die ZEIT, zur Holtzbrinck-Gruppe gehört) und Wiley. Elsevier aber ist der bedeutendste Wissenschaftsverlag der Welt. Strotzend vor Effizienz und Erfindungsreichtum, unverzichtbar für Universitäten, Forschungsinstitute, Bibliotheken. Statt sich von der Digitalisierung den Kopf abschlagen zu lassen, hat sich Elsevier zur Hydra gewandelt, die sich vom Wissen einer globalen Forscherwelt ernährt. Einer Hydra, die wächst und wächst. 2017 lag der Jahresumsatz des Unternehmens bei 2,7 Milliarden Euro, mit einer Umsatzrendite von 37 Prozent.

Die Digitalisierung hat aber nicht nur Elsevier stark gemacht, sondern auch die Wissenschaft. Weltweit begehren Forscherinnen und Forscher auf. Sie wollen nicht mehr die hohen Preise bezahlen, die Elsevier für seine Fachzeitschriften verlangt. Es ist ein Kampf, bei dem es ums Ganze geht: darum, wem das Wissen dieser Welt gehört. Und wer damit Geld macht. Seit zwei Jahren ringen die beiden Parteien um ein neues Bezahlmodell. Immer wieder setzen sie sich an einen Tisch, immer wieder verlassen sie ihn mit Getöse. Ihr könnt nicht ohne uns, sagt Elsevier. Und ob, sagt die Wissenschaft. Beide Seiten sind unerbittlich. Kommt es zu einem Showdown? Und wie wird dieser Kampf die Wissenschaftslandschaft verändern?

Amsterdam, Nähe Westhafen. Ein schwarzer Wolkenkratzer ragt hier auf, der Millennium Tower. Unten das Wasser, oben der Himmel, drinnen Elsevier. Sechs Etagen hat das Unternehmen hier angemietet. "Wir sind ein mehr als 130 Jahre altes Start-up", sagt Hannfried von Hindenburg. Er kokettiert. Die paar bunten Stühle, die hier stehen, mögen an das Silicon Valley erinnern. Elsevier hat aber nicht nur Tradition, sondern auch Kapital: Das Unternehmen mit 7500 Mitarbeitern gehört seit 1993 zur Londoner Relx-Gruppe, einem der weltweit größten Medienkonzerne. Relx vertreibt Publikationen und digitale Analysewerkzeuge in den Segmenten Recht, Finanzanalyse, Ausstellungen – und Wissenschaft.

Hannfried von Hindenburg, 52, ist als Sprecher für die globale Kommunikation zuständig. Er hat bei Reuters und der Weltbank gearbeitet, ist ein gewiefter PR-Mann. Aber er ist auch Politologe, an der Freien Universität Berlin hat er über die Israelpolitik der Sechzigerjahre promoviert. Er weiß, wie Wissenschaftler ticken, weil er selbst mal einer war. Hannfried von Hindenburg findet, dass das Unternehmen verteufelt wird. Zu Unrecht. "Wir alle bei Elsevier wollen mithelfen, dass Forscher bahnbrechende Erkenntnisse entwickeln."

Veröffentlichungen sind das Lebenselixier der Wissenschaft. So war es im Mittelalter, als das Wissen in Handschriften festgehalten wurde, so ist es heute. Je mehr eine Forscherin publiziert, desto mehr Drittmittel, Preise, Reputation. Ein Verlag wie Elsevier ist hier eine Art Türsteher. Er vertreibt nicht nur die Fachzeitschriften, sondern organisiert auch das sogenannte Peer-Review-Verfahren: Expertengruppen, die jeden eingereichten Aufsatz prüfen. Es geht um Bestenauslese – und um die Organisation eines gigantischen Feldes. Allein Elsevier haben vergangenes Jahr 1,6 Millionen Aufsatzangebote erreicht, davon hat der Verlag 30 Prozent veröffentlicht, in 2500 Zeitschriften. Viele davon mit exzellentem Ruf.

Das Nadelöhr zu sein, durch das die Forschung zweimal durchmuss – erst zum Qualitäts-Check, dann zum Vertrieb –, lassen sich die Verlage gut bezahlen. Die Bibliotheken abonnieren ganze Bündel an Zeitschriften von Elsevier, SpringerNature, Wiley. 58 Prozent der Bibliotheksetats deutscher Unis fließen hierhin, auf Elsevier entfallen 28 Prozent. Preissteigerungen müssen die Bibliotheken in Kauf nehmen, buchstäblich. Das Budget für sämtliche anderen Fachzeitschriften und Bücher schrumpft entsprechend.