DIE ZEIT: Deutsche Forscher sollen nach Medienrecherchen Artikel in Pseudozeitschriften veröffentlicht und scheinwissenschaftliche Konferenzen besucht haben. Hat Sie die Nachricht überrascht?

Stefan Hornbostel: Nein, das Problem der Fake-Konferenzen und Fake-Journals ist international seit Längerem bekannt. In Deutschland kommt die Debatte erst langsam in Gang.

ZEIT: 5000 deutsche Wissenschaftler sollen den Geschäftemachern in den vergangenen fünf Jahren auf den Leim gegangen sein – keine kleine Zahl.

Hornbostel: Doch, angesichts der mehr als 100.000 Zeitschriftenartikel und Konferenzbeiträge deutscher Wissenschaftler pro Jahr ist die Zahl gering. Wenn man sich vor Augen hält, dass viele Aufsätze von mehreren Forschern verfasst werden, dürfte der Anteil an den Gesamtzahlen der Publikationen im Promillebereich liegen. Die allermeisten Autoren der Pseudozeitschriften kommen aus Afrika, Indien und Asien. Für die Wissenschaft dieser Länder ist das ein Riesenproblem.

ZEIT: Bei uns also viel Lärm um nichts?

Hornbostel: Nein, selbst wenn nur ein kleiner Teil deutscher Wissenschaftler selbst betroffen ist, schaden die Fake-Journals der Wissenschaft insgesamt, ihrer Reputation und Autorität. Das gilt insbesondere dann, wenn dubiose Studien mithilfe der Pseudozeitschriften einen seriösen Anstrich bekommen. Wenn es heißt, Forscher hätten bewiesen, dass Impfungen Autismus verursachen, ist das nicht nur für Kinder gefährlich, sondern auch für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft.

ZEIT: Wie kommt ein Wissenschaftler dazu, in einem solchen Organ zu veröffentlichen? Jeder kennt doch die guten Journals seiner Disziplin.

Hornbostel: Das stimmt. Bekannt ist aber auch, wie lange es dauert, bis man dort einen Beitrag platziert hat; der Begutachtungsprozess zieht sich mitunter über ein Jahr hin. Ebenso bekannt sind die hohen Ablehnungsquoten. Da sind einige versucht zu sagen: Ich biete das einer unbekannten Zeitschrift an, wo ich sicher bin, dass mein Beitrag nach kurzer Zeit veröffentlicht wird.

ZEIT: Die wissenschaftlichen Qualitätsstandards werden trotzdem bewusst umgangen.

Hornbostel: Das ist in vielen Fällen richtig, nur sind die predatory journals, also Raubzeitschriften, wie sie im Fachjargon heißen, nicht immer leicht zu erkennen. Bei einigen sieht die Website aus wie schnell zusammengezimmert, ja ist sogar voller Rechtschreibfehler. Andere dagegen haben einen sehr professionellen Auftritt. Mitunter firmieren dort sogar bekannte Wissenschaftler als Herausgeber.

ZEIT: Wie das?

Hornbostel: Oft wissen diese Experten nichts davon. Manche werden aber angefragt, fühlen sich sogar geehrt und sagen unbedacht zu, ohne zu wissen, wem sie hier ihren guten Namen leihen. Und dann gibt es Fälle, bei denen man als etablierter Wissenschaftler einem neuen Journal Starthilfe geben möchte. Wissenschaft lebt schließlich davon, dass immer neue Veröffentlichungsplattformen entstehen.

ZEIT: Es gibt also nicht die seriösen Zeitschriften hier und die Fake-Journals dort.

Hornbostel: Echte Fake-Journals werden nur gegründet, um Profit zu machen. Sie verzichten auf jede Qualitätskontrolle, drucken alles gegen Geld, und zwar in jeder denkbaren wissenschaftlichen Disziplin. Einschlägige Herausgeber wie etwa Omics aus Indien haben über 600 Journals, von denen manche nur als Titel existieren. Es gibt aber auch Verlage, die sich aus der Grauzone heraus gut entwickeln.

ZEIT: Zum Beispiel?

Hornbostel: Der Frontiers-Verlag aus der Schweiz stand lange im Verdacht, Raubzeitschriften zu publizieren. Und tatsächlich wurden dort früher ziemlich abstruse Artikel veröffentlicht – etwa dass Aids nichts mit HIV zu tun habe. Im Laufe der Zeit hat der Verlag aber seine Qualitätsstandards verbessert und an Renommee gewonnen. Jetzt gehört Frontiers anteilig der Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der bekanntlich auch die ZEIT gehört.

ZEIT: Alle Pseudojournals sind Internet-Zeitschriften, die nach dem sogenannten Open-Access-Verfahren funktionieren. Sind Online-Publikationen wissenschaftlich weniger wertvoll?

Hornbostel: Nein, es gibt sehr gute Journals, etwa Plos One. Das Open-Access-Verfahren animiert aber, statt auf Qualität auf Masse zu setzen.

ZEIT: Inwiefern?

Hornbostel: Anders als die traditionellen gedruckten Zeitschriften bieten die Online-Journals ihre Inhalte kostenlos an. Anstelle des Lesers zahlt der Autor. Er muss eine Gebühr entrichten, damit sein Beitrag veröffentlicht wird. Open Access hat viele Vorteile, allen voran die freie Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für Geschäftemacher aber lautet das Kalkül: Ich mache das meiste Geld, wenn ich von vielen Autoren viele Artikel veröffentliche, ohne für die Qualität zu sorgen. Also spare ich mir die Redakteure und Gutachter und nehme gegen Gebühr jeden Artikel, und sei er auch noch so nichtssagend oder unsinnig.